Die Brüder Jesu

An mehreren Stellen des Neuen Testaments werden Brüder Jesu erwähnt. Wer waren diese Brüder des Herrn? Ich möchte mich hier mit verschiedenen Erklärungen beschäftigen, aber auch die Frage nach der Relevanz für uns stellen.

1 Die Texte

Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit. (Johannes 2,12)

46 Als Jesus noch mit den Leuten redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm sprechen. 47 Da sagte jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. 48 Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. 50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Matthäus 12,46-50)

31 Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. 32 Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. 33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. 35 Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Markus 3,31-35)

19 Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm; sie konnten jedoch wegen der vielen Leute nicht zu ihm gelangen. 20 Da sagte man ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und möchten dich sehen. 21 Er erwiderte ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun. (Lukas 8,19-21)

55 Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? 56 Leben nicht auch alle seine Schwestern unter uns? Woher also hat er das alles? (Matthäus 13,55-56)

Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. (Markus 6,3)

3 Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Taten sehen, die du vollbringst! 4 Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, offenbare dich der Welt! 5 Auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn. (Johannes 7,3-5)

55 Auch viele Frauen waren dort und sahen von Weitem zu; sie waren Jesus von Galiläa aus nachgefolgt und hatten ihm gedient. 56 Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. (Matthäus 27,55-56)

40 Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome; 41 sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren. (Markus 15,40-41)

Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. (1 Korinther 15,7)

Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. (Apostelgeschichte 1,14)

Haben wir nicht das Recht, eine Schwester im Glauben als Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas? (1 Korinther 9,5)

Von den anderen Aposteln sah ich keinen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn. (Galater 1,19)

2 Brüder Jesu – in welcher Hinsicht?

Die Brüder Jesu waren offensichtlich am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu manchmal mit ihm zusammen, glaubten jedoch nicht an ihn. In einer Situation wollten sie ihn sogar von seiner Lehrtätigkeit abhalten. Nach seiner Auferstehung glaubten sie aber an ihn, mindestens einem von ihnen ist Jesus als Auferstandener erschienen. Sie schlossen sich den Jüngern an und stellten sich in den Dienst ihres Bruders und Herrn Jesus.

Doch können wir wissen, welchen Verwandtschaftsgrad sie zu Jesus hatten? Das Wort „Bruder“ wurde ja nicht nur für direkte Verwandte verwendet (z. B.: Genesis 14,16; 29,12.15; in beiden Fällen handelte es sich um Neffen).

Es gibt mehrere Lösungsvorschläge.

2.1 Kinder Marias, die nach Jesus geboren wurden

Die Bibel lässt keinen Zweifel darüber, dass Jesus der erstgeborene Sohn Marias war. Maria hat Jesus durch ein Wunder Gottes als Jungfrau empfangen (Lukas 1,26-38), und in Lukas 2,7 heißt es:

[…] und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

Es wäre also durchaus möglich, dass Maria nach der Geburt ihres Erstgeborenen noch weiteren Kindern das Leben geschenkt hätte. Es wird auch angeführt, dass an fast allen Stellen, wo die Brüder Jesu erwähnt werden, auch die Mutter Jesu erwähnt wird, was dafür spricht, dass die Brüder Jesu Kinder Marias waren.

Andererseits traten die Brüder Jesu doch mit einer gewissen Autorität auf. Sie wollten, dass Jesus, als er mit Menschen über Gott sprach, zu ihnen komme, damit sie mit ihm sprechen können. Auch die Weise, wie sie in Johannes 7 mit Jesus redeten, zeigt, dass sie ihm sagen wollten, was er zu tun habe. Das spricht dafür, dass sie älter als Jesus waren. Der Erstgeborene hatte in der Familie eine Sonderstellung. Jüngere Brüder wären gegenüber dem Erstgeborenen nicht so aufgetreten.

2.2 Kinder aus einer früheren Ehe Josefs

Nach einer späteren Tradition war Josef, als er Maria zur Frau nahm, schon ein älterer Mann. Dem apokryphen Protoevangelium des Jakobus zufolge, das vermutlich aus dem späten 2. Jahrhundert stammt, war Josef ein Witwer (8,3). In 9,2 (vergleiche 17,1-2) nennt Josef sich selbst „alt“ und erwähnt, dass er Söhne hat. Demnach könnte es sich bei den Brüdern Jesu tatsächlich um Kinder Josefs aus seiner ersten Ehe handeln.

Das Protoevangelium des Jakobus ist jedoch in keiner Hinsicht als ernstzunehmende Geschichtsquelle zu werten. Es ist eher als ein Zeugnis der frommen Fantasie des späten 2. Jahrhunderts zu betrachten. Die biblischen Texte erwähnen keine frühere Ehe Josefs und machen auch keine Aussage über sein Lebensalter. Es ist aber wahrscheinlich, dass Josef während des öffentlichen Wirkens Jesu nicht mehr am Leben war, da er – im Gegensatz zu Maria – nicht mehr erwähnt wird.

2.3 Entferntere Verwandte (Cousins) Jesu

Bemerkenswert ist ein Vergleich zwischen Matthäus 13,55 und 27,56 mit den entsprechenden Parallelstellen in Markus 6,3 und 15,40.

Matthäus 13,55 nennt Jakobus und Josef unter den Brüdern Jesu. In Markus 6,3 heißen sie Jakobus und Joses. Joses ist hier eine Nebenform des Namens Josef.

Matthäus 27,56 spricht über eine Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef. In Markus 15,40 ist diese Maria die Mutter des Jakobus und des Joses.

Legt sich da nicht nahe, dass in beiden Stellen jeweils dieselben Personen gemeint sind und dass die in Matthäus 27,56 bzw. Markus 15,40 genannte Maria die Mutter der Brüder Jesu ist? Diese Maria ist offensichtlich nicht die Mutter Jesu, sondern eine andere Maria, die Jesus schon in Galiläa nachgefolgt ist und ihm gedient hat – ihm Gegensatz zu ihren Söhnen, die damals Jesus gegenüber noch skeptisch waren. Welcher Verwandtschaftsgrad vorlag, kann nicht exakt gesagt werden. Falls die „Brüder“ Jesu seine Cousins waren, war ihre Mutter Maria wohl nicht eine Schwester der Mutter Jesu, da sie ja denselben Namen trug, sondern eine Schwester Josefs.

Wenn diese Maria tatsächlich die Mutter der Brüder Jesu ist, können die Brüder Jesu auch nicht Söhne Josefs aus seiner ersten Ehe sein, da ihre Mutter ja noch lebte und Josef als gottesfürchtiger Mensch seine Frau nicht entlassen hätte.

Es wäre eine in sich schlüssige Lösung, dass Jesu Brüder entferntere Verwandte, vermutlich seine Cousins, waren und ihre Mutter eine Jüngerin namens Maria.

3 Die wahren Brüder Jesu

Was vor Gott wirklich zählt, ist nicht die leibliche Verwandtschaft, sondern die geistliche Beziehung zu Jesus.

49 Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. 50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Matthäus 12,49-50)

Wer an Jesus glaubt, ihm nachfolgt, ist Gottes Kind. Dadurch wird er auch zum Bruder Jesu.

12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. (Johannes 1,12-13)

Jesus „aufnehmen“, an ihn glauben, das heißt, sein ganzes Leben in seinen Dienst zu stellen, ihn als Herrn für alle Bereiche des Lebens zu akzeptieren. Das ist nicht ein formales „Übergabegebet“, sondern wirkliche Hingabe, die sich im Leben verwirklicht. Dadurch können wir Jesu Brüder werden – eine Bruderschaft, die für alle Ewigkeit bleibt. Diese Bruderschaft bietet Jesus jedem an.

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