Da erwachte der Herr wie aus dem Schlaf …

Da erwachte der Herr wie aus dem Schlaf, wie ein Held, der betäubt war vom Wein. (Psalm 78,65)

Islamische Apologeten nehmen diesen Vers, um zu zeigen, wie mangelhaft oder gotteslästerlich die Bibel in ihrem derzeitigen Zustand ist. Eine Bibel, in der sich solche Sätze befinden könne unmöglich von Gott sein. Gott schläft doch nicht, und schon gar nicht betrinkt er sich!

Gotteswort im Menschenwort

Bevor wir uns diesem Vers zuwenden, kurz einige Gedanken zum Thema Inspiration. Christen glauben nicht, dass die Bibel ausschließlich das Wort Gottes sei, das ohne irgendwelches Zutun von Menschen „herabgesandt“ wurde. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben, die ihre Worte unter der Führung Gottes durch den Heiligen Geist schrieben. Es waren die Menschen, die als Kinder ihrer Zeit mit den Ausdrucksmitteln ihrer Zeit ihr Anliegen formulierten. Jeder in seiner eigenen Sprache, in seinem eigenen Stil. Die Bibel erhebt nicht den Anspruch, ein „perfektes“ Buch zu sein, wie es Muslime vom Koran behaupten, der diesem Anspruch aber noch weniger als die Bibel entspricht.

Die Bibel ist Gotteswort im Menschenwort. Deswegen ist es wichtig, zu sehen, welche Art von Literatur wir bei einem konkreten Text vor uns haben und eine Stelle immer in ihrem Zusammenhang zu lesen. Der Gesamtzusammenhang eines Buches oder der ganzen Bibel darf dabei nicht vergessen werden.

Wovon spricht Psalm 78?

Das Buch der Psalmen ist eine Sammlung von Gebeten. Gebete sind immer Worte von Menschen, die sich zu Gott wenden. Es gibt Bittgebete, Dankgebete, Lobpreis.

Psalm 78 ist jedoch kein Gebet im eigentlichen Sinn. Nicht Gott ist angesprochen, sondern das Volk, offensichtlich Gottes Volk Israel. Der Sprecher ist nicht näher identifiziert. Es ist ein weiser Mann aus dem Volk, der spricht, um es zu ermahnen. Er warnt sie mit dem schlechten Beispiel früherer Generationen, die Gottes große Wunder gesehen hat. Er bezieht sich vor allem auf die Zeit in Ägypten, den Auszug, die Wüstenwanderung, die Landnahme und die Zeit danach.

Der Autor des Psalms hält seinem Volk die Geschichte vor Augen, wie Gott wunderbar gewirkt hat, das Volk aber immer wieder ungehorsam war. Nur durch Strafgerichte konnte es wieder auf den richtigen Pfad zurückgeführt werden.

Der Zusammenhang von Vers 65 handelt vom Kampf der Philister gegen Israel. Es war Gottes Strafgericht, dass die Feinde siegreich sein konnten. Trotzdem hat Gott sein Volk nicht verlassen. Wir finden die Geschichte dazu in 1 Samuel 2,12-7,1.

Dichterisch verarbeitet lesen wir darüber in Psalm 78,56-68:

56 Doch sie versuchten ihn und trotzten Gott, dem Höchsten; sie hielten sich nicht an seine Zeugnisse. 
57 Wie ihre Väter fielen sie treulos von ihm ab, sie wandten sich ab wie ein Bogen, der versagt.
58 Sie erbitterten ihn mit ihrem Kult auf den Höhen und reizten seine Eifersucht mit den Bildern ihrer Götter.
59 Gott hörte es und er ergrimmte, ganz und gar verwarf er Israel.
60 Er gab seine Wohnung auf in Schilo, das Zelt, das er aufgerichtet hatte unter den Menschen.
61 Er gab seine Macht in Gefangenschaft, seine Zierde in die Hand des Feindes.
62 Er lieferte sein Volk dem Schwert aus und war voll Grimm über sein Eigentum.
63 Die jungen Männer fraß das Feuer; den jungen Mädchen sang man kein Brautlied.
64 Die Priester wurden mit dem Schwert erschlagen; die Witwen konnten die Toten nicht beweinen.
65 Da erwachte der Herr wie aus dem Schlaf, wie ein Held, der betäubt war vom Wein.
66 Er schlug seine Feinde zurück und übergab sie ewiger Schande.
67 Das Zelt Josefs verwarf er, dem Stamm Efraim entzog er die Erwählung.
68 Doch den Stamm Juda erwählte er, den Berg Zion, den er liebt.

Nur wenn wir die Texte aus 1 Samuel kennen, wissen wir, dass es hier um die Bundeslade geht. Bereits zur Zeit Josuas wurde das Bundeszelt (mit der Lade) in Schilo errichtet (Josua 18,1). Dort blieb das Heiligtum bis zur Zeit des jungen Samuel. Wegen der Sünden Israels ließ Gott zu, dass die feindlichen Philister die Israeliten besiegten. Dabei erbeuteten sie auch die Bundeslade, die aufs Schlachtfeld mitgenommen worden war. Aus Jeremia 7,12-14 entnehmen wir, dass Schilo damals zerstört wurde. Auch Psalm 78,60 scheint die Zerstörung des Ortes vorauszusetzen.

Die größte geistliche Katastrophe für Israel war aber der Verlust der Lade. Darüber spricht Psalm 78,61. Die Wörter „Macht“ und „Zierde“ meinen die Bundeslade, den Ort, an dem Gott unter seinem Volk gegenwärtig sein wollte. Das Heiligste, das Israel hatte, war in die Hände der Feinde gefallen.

Das war einerseits das von Gott gewollte Strafgericht über die Sünden Israels. Sie sollten erkennen, dass ihre Sünden sie von Gott trennen (vergleiche Jesaja 59,1-2). Das wurde ihnen durch den Verlust des Symbols der Gegenwart Gottes, der Bundeslade, deutlich vor Augen geführt. Andererseits wollte Gott in seiner Treue den Bund mit seinem Volk nicht aufkündigen. Die Bundeslade sollte nicht in den Händen der Feinde bleiben.

Das Handeln Gottes wird in Vers 65 mit drastischen Bildern beschrieben. Es sah so aus, als ob Gott bisher untätig gewesen wäre, ja sogar geschlafen hätte. Doch nun kam sein Gericht über die Philister, wie es in 1 Samuel 5-6 nachgelesen werden kann. Darauf wird in Psalm 78,66 angespielt.

Aber dachte der Psalmist wirklich, dass Gott vorher geschlafen hat? Die Verse 59-62 sprechen über Gott nicht als schlafend, sondern höchst aktiv im Gericht über Israel. Auch wenn es die Philister in ihrer eigenen Initiative waren, die Israel angegriffen hatten, war es zugleich das Gericht Gottes. Er hat nicht geschlafen. Schon gar nicht war er betrunken. Er hat sein Volk gerichtet.

Im Vers 65 geht es um einen Vergleich. Insbesondere für die Philister sah es so aus, als hätten ihre Götter den Gott Israels besiegt, als hätte Israels Gott geschlafen. Doch dann haben die Philister die Macht Gottes erkennen müssen. So wie ein ausgeschlafener Mann wieder mit voller Kraft handelt, so wie ein Held, der vom Wein betäubt war, danach wieder kräftig kämpft. Das ist der Vergleich und sonst nichts.

Schläft Gott?

Siehe, er schlummert nicht ein und schläft nicht, der Hüter Israels. (Psalm 121,4)

Das Wissen, dass der ewige Schöpfer nicht den materiellen Bedürfnissen wie Hunger oder Schlaf unterworfen ist, war in den Gläubigen immer tief verankert. Gerade, weil das für sie so klar war, hatte der Psalmist die Freiheit, das Handeln Gottes auch mit dem Bild eines vom Schlaf erwachten Menschen zu vergleichen.

Für die biblischen Autoren war es kein Problem, über Gott mit Ausdrücken zu schreiben oder zu sprechen, die nur auf Menschen zutreffen. Sie konnten von ihren Zuhörern oder Lesern erwarten, dass sie die Bildhaftigkeit ihrer Sprache verstehen und den Vergleichspunkt erkennen.

Wir finden in den Psalmen verschiedentlich die flehende Bitte an Gott, aufzuwachen und zu helfen, so in 7,7; 35,23; 44,24; 59,5-6, ebenso in Jesaja 51,9. Keiner dieser Psalmisten oder Propheten hat aber gedacht, dass Gott wirklich schläft. Es sind dringliche Bitten an ihn, rettend einzugreifen.

Für Muslime mag diese anthropomorphe Ausdrucksweise befremdlich sein. Doch spricht auch der Koran über Allah in ähnlicher Weise. Er spricht von

  • Allahs Angesicht (55,27)
  • Allahs Hand (48,10)
  • Allahs Auge (20,39)
  • Allah hat sich auf den Thron gesetzt (57,4)

Während für Christen solche Ausdrücke über Gott kein Problem sind, weil wir darin die Bildhaftigkeit sehen, kommen Muslime, denen eine derartige Ausdrucksweise fremd ist, nicht umhin, zu denken, dass Gott tatsächlich ein Angesicht, eine Hand und ein Auge hat.

Wir dürfen gewiss sein, dass Gott nie schläft. Auch wenn es scheint, dass die Bosheit der Menschen überhand nimmt, so als ob Gott es nicht zur Kenntnis nehmen würde, dürfen wir gewiss sein, dass Gott alles in seiner Hand hat. Es liegt ganz in seiner Hand, wie und wann er eingreift. So wie er es macht, ist es gut.

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