Schamlose Sprache in der Bibel?

Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, auferbaut und denen, die es hören, Nutzen bringt! (Epheser 4,29)

Paulus schrieb den Christen, auf ihre Worte zu achten, wissend, dass alles, was wir sagen, eine Wirkung auf unsere Mitmenschen hat. Unsere Worte sollen anderen Nutzen bringen, sie aufbauen.

So hat uns auch Jesus ermahnt, uns der Verantwortung für unsere Worte bewusst zu sein:

36 Ich sage euch aber: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen; 37 denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden. (Matthäus 12,36-37)

Auch im Alten Testament betete der Psalmist:

HERR, stelle eine Wache vor meinen Mund, behüte das Tor meiner Lippen! (Psalm 141,3)

Im Epheserbrief mahnte Paulus, insbesondere im Zusammenhang mit dem sexuellen Bereich, sehr auf eine angemessene Sprache zu achten:

3 Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. 4 Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schicken sich nicht für euch, sondern vielmehr Dankbarkeit. (Epheser 5,3-4)

Gottes gute Gabe der Sexualität darf nicht durch eine schamlose Wortwahl durch den Schmutz gezogen werden.

Nun aber gibt es in der Bibel eine Stelle, in der es nicht danach aussieht, als ob der Autor nach diesen guten Grundsätzen gehandelt hätte. Diese Stelle wird auch von Muslimen verwendet, um zu zeigen, dass die Bibel verfälscht worden sein muss. Der heilige Gott würde doch niemals eine derart schamlose Sprache verwenden.

Bei dieser Stelle handelt es sich um Ezechiel 23, insbesondere Vers 20.

Und sie hatte Verlangen nach ihren Liebhabern, deren Glieder wie die Glieder der Esel und deren Erguss wie der Erguss der Hengste waren.

„Sie“, das ist eine Frau, die im Kapitel den symbolischen Namen Oholiba trägt. Diese Frau steht für das Königreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem. Sie und ihre Schwester Ohola sind die Hauptgestalten des Kapitels.

Ohola bedeutet „ihr Zelt“, Oholiba „mein Zelt in ihr“. Ohola hatte ihr eigenes Zelt, d. h. ihre eigene selbst gewählte Gottesverehrung. Ohola war das Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria. Juda hingegen hatte die von Gott vorgesehene Gottesverehrung, Sein Zelt, der Tempel, war in ihr.

In Kapitel 23 beschreibt Ezechiel die Geschichte Israels als eine Geschichte des Götzendienstes und der Untreue gegen Gott. Diese Untreue hat bereits in Ägypten begonnen, wo das Volk Israel in Knechtschaft gelebt hatte.

Sie hurten in Ägypten, in ihrer Jugend hurten sie; dort wurden ihre Brüste gedrückt und dort griff man nach ihren jugendlichen Brüsten. (Ezechiel 23,3)

Auch in Vers 20 geht es um Ägypten (vergleiche die Verse 19-21). Als das Strafgericht durch die Babylonier drohte, hoffte Juda auf Hilfe aus Ägypten.

Das Volk Israel war Gottes Volk. Sie sollten nur ihm als ihrem einzigen Herrn dienen. Wir finden im Alten Testament verschiedentlich das Bild einer Ehe für den Bund zwischen Gott und seinem Volk. Darum wird Götzendienst als eheliche Untreue, als Ehebruch gesehen und auch so benannt. Zusätzlich war vor allem in den kanaanäischen Fruchtbarkeitskulten der Götzendienst tatsächlich mit Kultprostitution verbunden.

Darum hat der Prophet Ezechiel diese provokante, ja in unseren Ohren schamlose Sprache1 verwendet. Er wollte die Sünden Israels so drastisch er konnte darstellen. Ezechiel wollte schockieren. Seinen Hörern sollte dadurch die volle Tragweite und Bosheit bewusst werden, die hinter dem Götzendienst und der Untreue zu Gott steht.

Es mag sein, dass es auch kulturelle Unterschiede darin gibt, welche Worte als akzeptabel und welche als unanständig gelten. So schreibt Thorleif Boman (im Zusammenhang mit dem Hohelied):2

Das Hohelied, wie das Alte Testament überhaupt, erwähnt alle Dinge auf dem geschlechtlichen Gebiet mit derber Offenheit, auch die Geschlechtsteile; diese durften aber nicht gezeigt werden (Gen. 9,21ff.; 1. Mak. 1,14). Die Offenheit war also auditiv. Die Griechen betrachteten das Geschlechtsleben ebenso unbefangen wie die Hebräer; ihre Offenheit auf diesem Gebiet war aber anders orientiert; sie konnten ihren nacktne Körper ohne Scham zeigen – vgl. ihre Gymnastik und Skulptur – hätten aber an den derben Ausdrücken der Hebräer Anstoß genommen: ihre Offenheit war also visuell.

Ich würde die Sprache des Hohenlieds nicht als derb bezeichnen (meine Gedanken zum Hohelied habe ich hier zusammengefasst). Doch es mag in der Tat in diesem Punkt einen Unterschied zwischen der hebräischen und der griechischen Kultur, die auch unsere europäische Kultur mitgeprägt hat, geben. Ich nehme aber an, dass in anderen Zusammenhängen auch Ezechiel nicht in dieser Weise gesprochen hat.

Es ist auch darauf hinzuweisen, dass die Inspiration der Heiligen Schrift nicht bedeutet, dass ein Text wortwörtlich und direkt von Gott stammt. Gott hat durch die Propheten gesprochen. Aber die Propheten haben die göttliche Botschaft mit ihren eigenen Worten ausgedrückt. Wenn Ezechiel in seiner konkreten Situation in seiner Kultur diese Wortwahl für passend erachtet hat, so waren es seine eigenen Worte. Es heißt daher nicht, dass diese konkreten Wörter die Worte des ewigen Gottes sind. Es ist auch nicht angebracht, dass wir uns über Ezechiel erheben. Wir leben nicht in seiner Situation, nicht in seiner Kultur.

Wir sind, jeder einzelne, vor Gott für unsere eigenen Worte verantwortlich. Gott will unser Denken und Reden so prägen, dass es Zeugnis von ihm, unserem heiligen und guten Herrn gibt. Vielleicht sind da auch manchmal harte oder schockierende Worte notwendig, so wie auch Jesus manchmal harte Worte verwendet hat. Wichtig ist, dass unsere Worte unseren Mitmenschen zum Guten dienen und so auch Gott die Ehre geben.

Euer Wort sei immer freundlich, doch mit Salz gewürzt, denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können.
(Kolosser 4,6)

Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser. (Psalm 19,15)


  1. Auch wenn die Übersetzung dieses Verses nicht in allen Details geklärt ist (das von der Einheitsübersetzung mit „Erguss“ übersetzte Wort kommt im Alten Testament nur an dieser Stelle vor), ist offensichtlich, dass es sich um eine derbe sexuelle Sprache handelt. 
  2. Thorleif Boman, Das hebräische Denken im Vergleich mit dem griechischen, 5. Auflage 1968, S. 220, Endnote 116. 

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