Frieden mit Gott

Gerecht gemacht also aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. (Römer 5,1)

Jeder Mensch hat durch seine Sünden Gott abgelehnt. Paulus hat diesen Zustand so beschrieben:

Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. (Römer 3,23)

Wir können diese verlorene Herrlichkeit nicht wieder aus eigener Kraft und eigenem Bemühen gewinnen. Es ist Gott selber, der in Jesus Christus auf uns zugeht und uns seinen Frieden und neues Leben schenken will. Diesen Frieden dürfen wir dankbar im Glauben annehmen. Gott schenkt uns Ungerechten seine Gerechtigkeit.

Umsonst werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. (Römer 3,24)

Es geht nicht darum, dass Gott uns nur als „Gerechte“ sieht, sondern durch den Glauben macht Gott die Seinen tatsächlich zu Gerechten. Er schenkt Befreiung und Überwindung von Sünde. Umkehr führt zu einem neuen Leben nach seinem Willen.

11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, 13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus. 14 Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun. (Titus 2,11-14)

11 So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus. 12 Daher soll die Sünde nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, sodass ihr seinen Begierden gehorcht. 13 Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die aus Toten zu Lebenden geworden sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes! (Römer 6,11-13)

Betrachten wir Römer 5,1 näher, so sehen wir, dass die ältesten Handschriften etwas anderes sagen als praktisch alle modernen Übersetzungen. In diesen heißt es im Indikativ:

haben wir Frieden mit Gott.

In den ältesten verfügbaren Handschriften (z. B. die Kodizes Sinaitikus, Alexandrinus, Vatikanus, Ephrämi Rescriptus …) steht aber nicht der Indikativ, sondern der Konjunktiv, den man in etwa so übersetzen müsste:

lasst uns Frieden mit Gott haben!

Bruce M. Metzger schrieb dazu in A Textual Commentary on the Greek New Testament:1

Obwohl der Konjunktiv ἔχωμεν [échōmen] […] eine weitaus bessere äußere Unterstützung hat als der Indikativ ἔχομεν [échomen] […], war die Mehrheit des Komitees der Ansicht, dass die interne Evidenz hier Vorrang haben muss. Da Paulus an dieser Stelle offenbar nicht ermahnt, sondern Tatsachen feststellt („Frieden“ ist der Besitz derer, die gerechtfertigt sind), ist nur der Indikativ mit der Argumentation des Apostels vereinbar. Da der Unterschied in der Aussprache zwischen ο [o] und ω [ō] im hellenistischen Zeitalter fast nicht existierte, könnte Tertius, sein Amanuensis (16,22), ἔχωμεν [échōmen] geschrieben haben, als Paulus ἔχομεν [échomen] diktierte. – Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Das Komitee, das mit der Herausgabe des Greek New Testament beschäftigt war, hat seine Entscheidung, den Indikativ und nicht den Konjunktiv in den Text aufzunehmen, entgegen dem Befund der Manuskripte getroffen, weil nach der Ansicht der Mehrheit der Mitglieder dieses Komitees der Text nicht so gemeint sein konnte, wie er in den ältesten Handschriften steht. Deswegen hat man eher einen Hörfehler bereits bei Tertius, dem Paulus den Römerbrief diktiert hatte, angenommen, als den Text der ältesten Handschriften aufzunehmen. So als ob Paulus vor dem Versenden des Briefes diesen nicht zur Kontrolle durchgelesen hätte! Ist es wirklich die Aufgabe der Herausgeber einer wissenschaftlichen Edition des griechischen Textes, ihr eigenes theologisches Verständnis zum Ausdruck zu bringen? Sollten sie nicht vielmehr den Text nach der besten Handschriftenlage dokumentieren?

Es ist klar, dass der Frieden mit Gott die Gabe Gottes ist, die wir dadurch empfangen, dass wir uns im Glauben von ihm gerecht machen lassen. Aber wollte Paulus nur sagen, dass wir diesen Frieden haben oder wollte er nicht darauf hinweisen, dass es gilt, dieses Geschenk festzuhalten, den Frieden mit Gott zu bewahren?

So hat es auch Chrysostomus verstanden:2

Kap. V, V. 1: „Gerechtfertigt also durch den Glauben, laßt uns Frieden haben mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“

— Was will das „Laßt uns Frieden haben“ sagen? Einige erklären es dahin, daß wir nicht einen Kampf heraufbeschwören sollen, indem wir darauf hinarbeiten, das Gesetz wieder einzuführen. Mir scheint aber, daß hier die Rede ist von unserem Lebenswandel. Nachdem nämlich der Apostel lang und breit vom Glauben gesprochen hat und von der Gerechtigkeit auf Grund der Gesetzeswerke, fügt er diesen Satz hinzu. Er will der Meinung entgegentreten, daß das Gesagte ein Grund sei, nun unbekümmert sich gehen zu lassen; er sagt darum: „Laßt uns Frieden halten“, d. h. laßt uns nicht mehr sündigen, laßt uns nicht mehr zu unserem früheren Wandel zurückkehren. Denn das heißt Krieg führen gegen Gott.

In eine ähnliche Richtung ging Norbert Baumert:3

‚Lasst uns Frieden halten mit Gott’ oder positiv gesagt: im Einklang mit ihm leben, und zwar trotz der Bedrängnis, in die wir als Christusgläubige kommen. In der Tat ist dies das untergründige Thema des ganzen 5. Kapitels und ist das Verbleiben und Wachsen in seinem Leben (nicht: die Vergebung!) Thema des ganzen II. Teiles bis 8,39. Die empfangene Gerechtigkeit aus dem Trauen Gottes ist also nicht einfach ein Garantieschein, dass wir diesen Frieden nicht mehr stören oder zerstören könnten! Paulus weiß zutiefst um die Gefährdung des Menschen, auch nach dem grundlegenden Rettungsakt (s. nur 1 Kor 10,6-13; 2 Kor 2,11). So bemüht er sich, die Leser zu motivieren, „in dieser Gnade“ der Gerechtgemachten zu bleiben.

Anders als das von Metzger angeführte Komitee sieht Baumert, dass es in Kapitel 5 um Ermunterung und Ermahnung geht. Der Friede mit Gott ist nicht einfach ein „Besitz“, auf dem man sich ausruhen kann. Er ist ein unverdientes Geschenk, das durch ein Leben in Heiligkeit – mit Gottes Hilfe und Gnade – bewahrt werden will.

[…] damit, wie die Sünde durch den Tod herrschte, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesus Christus, unseren Herrn. (Römer 5,21)


  1. Bruce M. Metzger, A Textual Commentary on the Greek New Testament, 2. Auflage, Stuttgart 2016, S. 452. 
  2. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, 10, 1
  3. Norbert Baumert, Christus – Hochform von ›Gesetz‹. Übersetzung und Auslegung des Römerbriefs, Würzburg 2012, S. 88. 

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