An wen von den Heiligen willst du dich wenden?

Ruf doch! Ist einer, der dir Antwort gibt? An wen von den Heiligen willst du dich wenden? (Ijob 5,1)

Die Worte der Freunde Ijobs (Hiobs) werden am Ende des Buches sehr negativ beurteilt:

Als der HERR diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. (Ijob 42,7)

Das bedeutet aber nicht, dass alles, was sie gesagt haben, falsch war. Sie haben vielfach richtige Dinge gesagt, aber verallgemeinernd auf die Situation des leidenden Ijob angewandt. Sie haben einen Zusammenhang zwischen Sünde und Leid gesehen, den es oft tatsächlich gibt. Aber sie haben diese Verbindung umgedreht und aus dem Leiden Ijobs geschlossen, dass er gesündigt haben muss. In dieser Weise haben sie nicht recht von Gott gesprochen. Dennoch enthalten ihre Worte viel Wahres.

Elifas von Teman war der erste der Freunde Ijobs, der nach seiner Klage über sein Leid das Wort ergriff. Einleitend (4,3-4) erinnert er daran, wie Ijob Schwachen und Strauchelnden geholfen hat, um dann aber rasch auf den Zusammenhang zwischen Schuld und Unheil hinzuweisen:

7 Bedenk doch! Wer geht ohne Schuld zugrunde? Wo werden Redliche im Stich gelassen? 8 Wohin ich schaue: Wer Unrecht pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch. 9 Durch Gottes Atem gehen sie zugrunde, sie schwinden hin vor dem Hauch seines Zornes. (Ijob 4,7-9)

Er deutet dadurch auf eine noch unbekannte Schuld Ijobs hin, obwohl er noch nicht direkt darüber spricht, sondern allgemein darauf hinweist, dass kein Mensch vor Gott gerecht ist.

Ist wohl ein Mensch vor Gott gerecht, ein Mann vor seinem Schöpfer rein? (Ijob 4,17)

In 5,1 stellt Elifas die rhetorische Frage, an welchen der Heiligen Ijob sich wenden will. Sollte er von einem von ihnen eine Antwort erwarten? Er wollte damit klarstellen, dass es keinen Heiligen gibt, der ihm helfen kann.

Mit den „Heiligen“ sind nicht die verstorbenen „Heiligen“ gemeint, die von Katholiken und anderen um Hilfe angerufen werden. Es geht um Engel. In 4,18 hatte Elifas gesagt:

Selbst seinen Dienern traut er (Gott) nicht, zeiht seine Engel noch des Irrtums.

Vielleicht hat er darin den Grund gesehen, warum auch Engel nicht helfen können. Ich würde die Worte aus 4,18 nicht als dogmatische Aussage über die Engel werten. Es gibt Engel, die Gott in ihrem Dienst treu ergeben sind, und es gibt die Engel, die mit Satan gegen Gott rebelliert haben und keinesfalls Diener Gottes genannt werden können. Den treuen Engeln gegenüber gibt es kein Misstrauen Gottes. Aber vielleicht wollte Elifas auch nur auf den ungeheuer großen Unterschied zwischen dem Schöpfer und seinen Engeln hinweisen.

Später sagt Elifas, an wen sich Ijob wenden soll:

8 Ich aber, ich würde Gott befragen und Gott meine Sache vorlegen, 9 der Großes und Unergründliches tut, Wunder, die niemand zählen kann. 10 Er spendet Regen über die Erde hin und sendet Wasser auf die weiten Fluren, 11 um Niedrige zu erhöhen, damit Trauernde glücklich werden. (Ijob 5,8-11)

Dieser Ratschlag ist auf jeden Fall richtig. Auch wenn Elifas diese Worte in einem falschen Rahmen gesagt hat, auch wenn seine Aussage über das Misstrauen Gottes den Engeln gegenüber nicht stimmt, so ist es doch richtig, seine Anliegen direkt vor Gott zu bringen.

Es ist nicht Gottes Wille, dass der Mensch sich mit seinen Anliegen zu Engeln oder auch zu verstorbenen („heiligen“) Menschen, die ihn ohnehin nicht hören können, wendet. Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen (Genesis 1,27). Das bedeutet auch, dass wir zur Gemeinschaft mit ihm geschaffen worden sind. Wir dürfen und sollen direkt zu ihm kommen.

Das war auch den frühen Christen klar. Irenäus hat im 2. Jahrhundert über die Kirche Jesu geschrieben:

Keine Engel ruft sie an, keine Zaubersprüche gebraucht sie, noch macht sie irgend welche frevelhaften Experimente. Rein, lauter und offen richtet sie ihre Gebete zu dem Herrn, der alles erschaffen hat, und ruft den Namen unseres Herrn Jesu Christi an […] (Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien 2,32,5)

Die Gebete der Gläubigen richten sich an den Schöpfer und an den Herrn Jesus Christus, nicht aber an Engel oder andere Heilige.

Unsere Hilfe ist im Namen des HERRN, der Himmel und Erde erschaffen hat. (Psalm 124,8)

8 Bei Gott ist meine Rettung und meine Ehre, mein starker Fels, in Gott ist meine Zuflucht. 9 Vertraut ihm, Volk, zu jeder Zeit! Schüttet euer Herz vor ihm aus! Denn Gott ist unsere Zuflucht. (Psalm 62,8-9)

Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!
(1 Petrus 5,7)

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