Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
(Lukas 22,61)
Nur Lukas erwähnt diese kurze Begegnung zwischen Jesus und Petrus, nachdem dieser seinen Herrn verleugnet hat.
55 Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. 56 Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen. 57 Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht! 59 Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. 60 Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. 61 Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22,55-62)
Die Szene trug sich im Hof des Palastes des Hohepriesters zu.
Nach Johannes 18,13 wurde Jesus nach seiner Gefangennahme zuerst zu Hannas, dem Schwiegervater des amtierenden Hohepriesters Kajaphas geführt. Hannas hatte als ehemaliger Hohepriester und Haupt der hohepriesterlichen Familie immer noch ein gewichtiges Wort.
In Johannes 18,24 heißt es:
Da schickte ihn Hannas gefesselt zum Hohepriester Kajaphas.
Es war wohl so, dass Jesus auf dem Weg von Hannas zu Kajaphas durch den Hof des Gebäudes geführt wurde. Unmittelbar nachdem Petrus ihn verleugnet hatte, ging Jesus auf seinem Weg an Petrus vorbei und blickte ihn an.
Es muss für Petrus sehr beschämend gewesen sein, als Jesus ihn gerade in dieser Situation anblickte. Hatte er doch noch wenige Stunden vorher beteuert:
Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. (Lukas 22,33)
Jesus hatte Petrus besser gekannt als er selbst und hat ihm sein Verhalten angekündigt.
Jesus aber sagte: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen. (Lukas 22,34)
Wenn Petrus daraufhin in Tränen ausbrach, waren das nicht nur oberflächliche Emotionen. Wir dürfen davon ausgehen, dass es Tränen der Reue waren. Vielleicht hat ihm gerade geholfen, dass er gesehen hat, wie tief ihn Jesus kannte. So konnte er Zuversicht fassen, dass auch die anderen Worte, die Jesus ihm zugesagt hatte, dass er nach seiner Umkehr seine Brüder stärken sollte (Lukas 22,32), eintreffen würden. Es kam auch so. Petrus wurde gewürdigt, der erste Mann zu sein, dem Jesus als Auferstandener erschienen ist (Lukas 24,34, 1 Korinther 15,5).
Es gibt noch eine andere Situation, in der die Schrift darüber spricht, dass Jesus Petrus angeblickt hat:
40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus. 42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus. (Johannes 1,40-42)
An beiden Stellen steht im Griechischen dasselbe Wort für „anblicken“: ἐμβλέπω / emblépō.
Es war die erste Begegnung zwischen Jesus und Petrus, von der wir wissen. Er war damals mit seinem Bruder Andreas bei Johannes dem Täufer. Schon damals hat ihm Jesus den Namen Kephas gegeben. Er sollte ein wichtiger Stein im Bauwerk der Kirche werden.
Wir können natürlich nicht wissen, ob Petrus, als ihn nach seiner Verleugnung der Blick Jesu traf, an diesen ersten Blick des Herrn gedacht hat. Es ist aber gut möglich, dass ihm in dieser Situation schmerzlich bewusst wurde, dass er sich jetzt nicht dem neuen Namen, den er von Jesus erhalten hatte, entsprochen hat, dass er an die Zeit der ersten Begegnung mit dem Herrn zurückdachte und auch aus der damaligen Zusage Jesu Kraft zur Reue und Umkehr schöpfte.
Der Blick Jesu hat Petrus nach seiner Sünde nicht nur beschämt. Er hat ihn auch aufgerichtet. Petrus hat sich nicht in Verzweiflung gestürzt, sondern hat neuen Mut geschöpft, um seinem Herrn trotz seines Versagens die Treue zu bewahren. So hat Jesus ihn nach seiner Umkehr befähigt, seine Schafe zu weiden.
Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen. (1 Petrus 2,25)
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