„Nötige sie hereinzukommen …“

Da sagte der Herr zu dem Diener: Geh zu den Wegen und Zäunen und nötige die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird.
(Lukas 14,23)

In Lukas 14,15-24 erzählt Jesus das Gleichnis vom Festmahl. Ein Mann lud zu einem Festmahl ein. Doch keiner der Geladenen wollte kommen. Jeder hatte seine mehr oder weniger schwerwiegenden Gründe, nicht zu kommen. Ein gekaufter Acker oder einige Ochsengespanne wurden genannt oder auch, dass jemand frisch verheiratet war. Darauf ließ der Mann die Armen und Behinderten von den Straßen der Stadt zum Festmahl kommen. Da immer noch Platz im Festsaal war, sandte der Herr seine Diener zu den Wegen und Zäunen. Von dort sollten die Leute genötigt werden, hereinzukommen.

Für einen unvoreingenommenen Leser ist klar, dass mit dem „Nötigen“ eine besonders dringliche Einladung gemeint ist. Keinesfalls ist im Gleichnis gemeint, dass die Menschen mit Gewalt oder Gewaltandrohung zum Festsaal gebracht werden sollten.

Das griechische Wort ἀναγκάζω / anankázō („nötigen, zwingen“) kann auch Gewaltandrohung beinhalten. Das hängt aber immer vom Zusammenhang ab.

Paulus sprach vor Festus und Agrippa über seine Zeit als Christenverfolger:

Und in allen Synagogen zwang ich sie oftmals durch Strafen, zu lästern. (Apostelgeschichte 26,11 Elberfelder)

Aber wenn Jesus die Jünger drängte, ins Boot zu steigen, war das ein dringlicher Ruf ganz ohne Gewaltandrohung.

Gleich darauf drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. (Matthäus 14,22; ähnlich Markus 6,45)

In Galater 2,14 warf Paulus Petrus vor, die (heidenchristlichen) Jünger zu zwingen, wie Juden zu leben.

Als ich aber sah, dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evangeliums zugingen, sagte ich zu Kephas in Gegenwart aller: Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?

Der „Zwang“ bestand darin, dass Petrus sich von der Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen zurückgezogen hatte. Dafür wurde er von Paulus scharf kritisiert, weil das zur Folge gehabt hätte, dass die Heidenchristen sich an die jüdischen Speisevorschriften zu halten, um mit Petrus Tischgemeinschaft zu haben.

Die genaue Bedeutung dieses griechischen Worts erschließt sich aus dem jeweiligen Zusammenhang.

Die Neue Jerusalemer Bibel schreibt in der Fußnote zu Lukas 14,23:

[…] Die „Nötigung“, die angewendet wird, um diese Armen hereinzuholen, will lediglich den Sieg der Gnade über ihr Nichtvorbereitetsein zum Ausdruck bringen, nicht eine Verletzung ihres Gewissens. Bekannt ist der Mißbrauch, der im Lauf der Geschichte mit dieser Nötigung getrieben wurde (compelle intrare).

Näheres zu diesem „bekannten Missbrauch“ wurde nicht angeführt.

Der Missbrauch von Lukas 14,23 geht auf einen der wichtigsten „Kirchenväter“, auf Augustinus von Hippo, zurück. In seinem Kampf gegen die Donatisten hat er diese Stelle neu interpretiert, um eine Handhabe zur Rechtfertigung staatlichen Vorgehens gegen die „Häretiker“ zu haben. Die Differenzen bestanden vor allem in der Frage, ob sündige Amtsträger die Sakramente gültig spenden können. Wenn Priester während der Verfolgungszeit heilige Schriften an die Verfolger ausgeliefert haben, galten für die Donatisten die von ihnen gespendeten Sakramente als nicht gültig. Das betraf Taufen und Weihen. Das Grundproblem, dass es in der Kirche Jesu überhaupt kein Weihepriestertum geben sollte, wurde von beiden Seiten nicht gesehen.

Anfangs hat auch Augustinus auf die Kraft von Argumenten gesetzt. Doch da sich viele Donatisten nicht überzeugen ließen, hat er seine Meinung geändert, auch weil er sah, dass die staatliche Gewaltandrohung tatsächlich viele Donatisten zu den Katholiken wechseln ließ.

408 schrieb er in einem Brief an Vincentius von Cartenna, der sich bei Augustinus über die Verfolgung der Donatisten beschwert hatte. In diesem Brief verweist er erstmals auf Lukas 14,23.

Du meinst, man dürfe niemanden zur Gerechtigkeit zwingen, obwohl du liest, daß der Hausvater zu seinen Knechten gesagt hat: „Alle, die ihr findet, zwinget einzutreten“, und obwohl du liest, daß auch Saulus, der spätere Paulus, unter dem Zwange einer gewaltsamen Einwirkung Christi zur Erkenntnis und Annahme der Wahrheit gebracht worden ist; denn du kannst nicht glauben, daß den Menschen das Geld oder irgendein Besitz lieber ist als das Augenlicht. Von der Himmelsstimme zu Boden geschleudert, erlangte er das plötzlich verlorene Augenlicht nicht eher wieder, als bis er der heiligen Kirche einverleibt wurde. Du meinst, man dürfe dem Menschen keine Gewalt antun, um ihn von einem verderblichen Irrtume zu befreien, während du doch an den unzweideutigsten Beispielen siehst, daß Gott, der uns durch seine Liebe den allergrößten Nutzen verschafft, dieses tut, und das Wort Christi vernimmst: „Niemand kommt zu mir, es sei denn, der Vater zieht ihn“. Dies geschieht in den Herzen aller, die sich aus Furcht vor dem Zorne Gottes zu ihm bekehren. Auch dürftest du wissen, daß bisweilen Diebe Futter streuen, um das Vieh auf die Seite zu locken, während der Hirte bisweilen mit der Geißel das verirrte Vieh wieder zur Herde zurücktreibt. (Brief Nr. 93 an Vincentius II,5)

Augustinus hat auch die Erblindung von Paulus bei der Erscheinung des Auferstandenen vor Damaskus als Argument für Gewaltanwendung verwendet. Paulus hat sowohl in Reden als auch in seinen Briefen über seine Bekehrung berichtet. An keiner Stelle weist er darauf hin, dass die zeitweilige Erblindung für seine Bekehrung von Bedeutung gewesen wäre. Er hat seine Entscheidung in Freiheit getroffen. Weitere Gedanken dazu in diesem Beitrag. Der Vergleich von Geld und Besitz mit dem Augenlicht hat den Hintergrund in staatlich angeordneten Vermögenskonfiskationen der Donatisten, die Augustinus damit gutheißt.

Im Jahr 417 erklärt er in einem Brief die „Wege und Hecken“ des Gleichnisses als „Häresien und Schismen“.1

Wenn daher die Kirche durch die Macht, die sie von der göttlichen Gunst erhalten hat, zur gewollten Zeit mittels der Frömmigkeit und des Glaubens der Könige diejenigen zum Eintreten zwingt, denen man entlang der Wege und der Hecken begegnet, das heißt in den Häresien und Schismen, dann dürfen sich diese nicht beklagen, gezwungen zu werden, sondern sie müssen auf das achten, wozu man sie zwingt. (Brief 185, De correctione Donatistarum liber)

Die Wege und Hecken erklärt er 420 in einer Schrift gegen den Donatistenbischof Gaudentius:2

Ihr irrt, Ihr kennt die Schriften und die Macht Gottes nicht, der da sie zu Wollenden macht, während sie widerwillig gezwungen werden … Obwohl diese gewaltsam zu dem Mahl eines so großen Familienvaters herangeführt und zum Eintreten genötigt werden, finden sie drinnen dennoch das, woher sie sich freuen können, eingetreten zu sein. …
Die Wege freilich bezeichnen an dieser Stelle verschiedene Meinungen, die Zäune aber verkehrte Ansichten. Was wundert Ihr Euch also, wenn infolge Hungers nicht nach leiblicher, sondern nach geistlicher Speise jeder stirbt, der zu dieser Mahlzeit weder freiwillig hineingeführt noch mit Gewalt getrieben (violenter impulsus) hineinschreitet? (Contra Gaudentium I,25.28)

Diese Erklärung der Wege und Zäune hat mit dem Gleichnis nichts mehr zu tun. Dort geht es offensichtlich um Menschen, die ganz neu zum Festmahl gerufen werden, nicht um solche, die von der Wahrheit abgeirrt sind.

Augustinus ging davon aus, dass die Gezwungenen letztlich doch Freude haben werden.

Durch diese von Augustinus eingeführte falsche Auslegung hat den Einsatz von Gewalt in Glaubensfragen legitimiert. Das hatte Auswirkungen, die länger als ein Jahrtausend andauerten.3 Nicht nur Katholiken, sondern auch Luther4 und Calvin beriefen sich auf Augustinus. Obwohl Augustinus nicht die Todesstrafe für Häretiker vertrat, haben sich deren Verfechter auf ihn berufen. Dazu gehörten auch Erasmus von Rotterdam, der es anders als Augustinus für legitim hielt, dass Fürsten Ketzer mit dem Tode bestrafen, wenn sie durch Aufruhr den öffentlichen Frieden stören. Der „Heilige“ Kardinal Robert Bellarmin (1542-1621) hat sogar wahrheitswidrig behauptet:

„Es ist klar und einsichtig, dass Augustin der Auffassung war, es sei gerecht, wenn Häretiker getötet werden.“

1641 hat Hugo Grotius darauf hingewiesen, dass Lukas 14,23 anders zu verstehen ist. Seit damals begann sich das Verständnis dieses Verses zu ändern.

Wie war es möglich, dass sich eine derartig falsche Auslegung über ca. 1200 Jahre halten konnte? War es blinder Autoritätsglaube, der einfach alles akzeptiert hat, was eine Größe wie Augustinus verkündet hat, auch wenn es bei einem normalen Lesen des Gleichnisses so offensichtlich ist, dass das Verständnis von Augustinus nicht stimmen kann? Wo war da der Heilige Geist, von dem die Katholiken behaupten, dass er ihre Kirche beständig leitet? Wie viele Menschen mussten unter dieser falschen Auslegung eines Kirchenvaters leiden? Wie sehr wurde der Name Christi durch angeblich von Jesus sanktionierter Gewalt beschmutzt! Hier trifft das zu, was Paulus über die ungläubigen und heuchlerischen Juden geschrieben hat:

Denn euretwegen wird unter den Heiden der Name Gottes gelästert, wie geschrieben steht. (Römer 2,24)


  1. Zitiert nach: Anneliese Felber, Zwei Wörter mit langer Gewaltgeschichte: Compelle Intrare (Lk 14,23): Protokolle zur Bibel 2009, S. 128. 
  2. Felber, S. 129. 
  3. Zusammengefasst von Felber, S. 130-132. 
  4. Papst Leo X. hatte Luthers Satz „Daß Häretiker verbrannt werden, ist gegen den Willen des Geistes“ in seiner Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ verurteilt (Nr. 33). Später rief Luther aber zur Gewalt gegen die Täufer auf. 

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