Eine koranische Kritik an den „Leuten der Schrift“

65 Wenn die Leute der Schrift nur glaubten und gottesfürchtig wären, würden Wir ihnen wahrlich ihre bösen Taten tilgen und sie wahrlich in die Gärten der Wonne eingehen lassen. 66 Wenn sie nur die Thora und das Evangelium und das befolgten, was zu ihnen (als Offenbarung) von ihrem Herrn herabgesandt wurde, würden sie fürwahr von (den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen. Unter ihnen ist eine gemäßigte Gemeinschaft; aber wie böse ist bei vielen von ihnen, was sie tun. (Sure 5,65-66)

Als der Koran im 7. Jahrhundert nach Christus geschrieben wurde, war das Christentum schon sehr weit von seinen Anfängen entfernt. Die Gemeinschaft der Jünger Jesu hatte sich zu einer staatstragenden Religion entwickelt, die sich in vielen Bereichen nicht mehr an die Worte Jesu hielt. Auch das Judentum hatte sich, vor allem nach der Ablehnung des Messias, in eine Richtung entwickelt, die nicht dem Hauptgebot der Thora, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft zu lieben (Deuteronomium 6,5) entsprach.

Auch wenn der Autor des Korans die heiligen Schriften der Juden und Christen nicht direkt, sondern nur über den Umweg legendenartiger Überlieferungen kannte, muss er gemerkt haben, dass das Leben der „Leute der Schrift“ oft nicht dem entsprach, was ihre Schriften sagten. Es gab zwar eine „gemäßigte Gemeinschaft“, doch die meisten taten Böses.

So hat er seine Kritik in diesen Versen der 5. Sure formuliert.

Er ging davon aus, dass die Schriften der Juden und Christen unverfälscht waren. Was den „Leuten der Schrift“ fehlte, war der Glaube und die Gottesfurcht. Nur wenn sie glauben und Gott fürchten, kann Gott ihre bösen Taten tilgen und ihnen Zugang zum Paradies schenken.

Die Juden und Christen werden nicht aufgefordert, Muslime zu werden. Sie sollen ihre eigenen Schriften befolgen.

So heißt es auch in Vers 68a:

Sag: O Leute der Schrift, ihr fußt auf nichts, bis ihr die Thora und das Evangelium und das befolgt, was zu euch (als Offenbarung) von eurem Herrn herabgesandt worden ist.

Die Thora und das Evangelium sind die Grundlage des Glaubens. Solange sie diese nicht befolgen, „fußen sie auf nichts“, d. h., es fehlt ihnen die Basis zu einem Leben aus dem Glauben.

Aber in den Versen 66 und 68 geht es nicht nur um die Thora und das Evangelium, sondern auch um das, „was zu ihnen (als Offenbarung) von ihrem Herrn herabgesandt wurde“. Ist damit der Koran gemeint? Nach Vers 67 könnte man das so verstehen:

O du Gesandter, übermittele, was zu dir (als Offenbarung) von deinem Herrn herabgesandt worden ist! Wenn du es nicht tust, so hast du Seine Botschaft nicht übermittelt. Allah wird dich vor den Menschen schützen. Gewiß, Allah leitet das ungläubige Volk nicht recht.

Hier geht es um das, was zum Gesandten „herabgesandt“ wurde. Damit ist offensichtlich, wie auch in 68b, der Koran gemeint.

Was zu dir (als Offenbarung) von deinem Herrn herabgesandt worden ist, wird ganz gewiß bei vielen von ihnen die Auflehnung und den Unglauben noch mehren. So sei nicht betrübt über das ungläubige Volk!

In den Versen 66 und 68a geht es aber um das, was zu den Leuten der Schrift „herabgesandt“ wurde. Was genau damit gemeint ist, wird nicht mitgeteilt. Vielleicht ging es um die anderen Schriften, wie im Alten Testament die Schriften der Propheten und die Weisheitsschriften, und im Neuen Testament die Briefliteratur. Es ist ohnehin fraglich, welchen Einblick der Autor des Korans in die Heiligen Schriften der Juden und Christen hatte.

In 68b wird dem „Gesandten“ gesagt, dass das, was zu ihm herabgesandt wurde, die Auflehnung und den Unglauben bei vielen noch mehren wird. Das hängt wohl nicht nur mit der Gesinnung der ungläubigen „Leute der Schrift“ zusammen, sondern auch mit dem Irrtum des „Gesandten“, der aufgrund seines mangelnden Wissens davon ausgegangen ist, dass seine Schrift mit den Schriften der Juden und Christen harmoniert.

Interessanterweise behauptet nicht einmal eine moderne Koranauslegung, dass es hier um den Koran geht. Im Tafsīr Al-Qur’ān Al-Karīm heißt es zu Sure 5,68:

Mit dem Ausdruck „Leute der Schrift“ sind u.a. Juden und Christen gemeint. Hätten Juden und Christen zur Zeit der Offenbarung des Qur’ān ihre wahren Lehren in der Thora und im Evangelium befolgt, dann wären sie dem Islam gegenüber nicht feindlich gesinnt gewesen.

Auch hier wird den Juden und Christen (warum hier „u.a.“ steht, weiß ich nicht) nur vorgeworfen, die wahren Lehren in der Thora und im Evangelium nicht befolgt zu haben. Dass sie dem Koran nicht gehorcht haben, wird nicht erwähnt. Überdies standen Juden und Christen auch nach der islamischen Überlieferung den Muslimen gegenüber zwar ablehnend, aber nicht feindlich gegenüber. Im „christlichen“ Äthiopien sollen muslimische Flüchtlinge aus Mekka Zuflucht gefunden haben. Den bewaffneten Kampf gegen Juden und Christen haben die Muslime begonnen. Dieser Kampf ist ihnen in Sure 9,29 ja auch befohlen.

Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und Sein Gesandter verboten haben, und nicht die Religion der Wahrheit befolgen – von denjenigen, denen die Schrift gegeben wurde –, bis sie den Tribut aus der Hand entrichten und gefügig sind!

Möglicherweise verstehen die modernen Koranerklärer schon die Nichtannahme des Islams als einen feindlichen Akt. Außerdem sind die „christenfreundlichen“ Worte aus der 5. Sure durch die zum Kampf aufrufenden Worte der 9. Sure wohl ohnehin als abrogiert und somit nicht mehr gültig zu verstehen. Das trifft dann auch auf den für Juden und Christen tröstlichen Vers 69 zu:

Gewiß, diejenigen, die glauben, und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Ṣābier und die Christen, – wer (immer) an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und rechtschaffen handelt, – über die soll keine Furcht kommen, noch sollen sie traurig sein.

Dieser Vers ist eine Parallele zu Sure 2,62. Zu diesem Vers gibt es einen eigenen Beitrag.

Auch wenn der Autor von Sure 5 nur ein sehr mangelhaftes Wissen über das Judentum und das Christentum und die Heiligen Schriften hatte, ist seine in Sure 5,65.66.68a geäußerte Kritik ernst zu nehmen. Diejenigen, die sich selbst als Juden und Christen betrachten, sind aufgefordert, das nicht nur dem Namen nach zu sein, sondern die Gebote Gottes, wie wir sie in der Heiligen Schrift lesen, ernst zu nehmen.

28 Denn Jude ist nicht, wer es nach außen hin ist, und Beschneidung ist nicht, was sichtbar am Fleisch geschieht, 29 sondern Jude ist, wer es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist, was am Herzen durch den Geist, nicht durch den Buchstaben geschieht. Der Ruhm eines solchen Juden kommt nicht von Menschen, sondern von Gott. (Römer 2,28-29)

Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.(Johannes 14,23)

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