Zeigt sich Gott falsch?

26 Gegen den Treuen zeigst du dich treu, lauter handelst du am Lauteren. 27 Gegen den Reinen zeigst du dich rein, doch falsch gegen den Falschen.
(Psalm 18,26-27 // 2 Samuel 22,26-27)

Was haben uns diese Worte aus diesem Psalm zu sagen? Heißt das, dass Gott nicht nur gut ist, sondern auch böse? Ist der Gott der Bibel nicht anders als Allah, der beste Ränkeschmied (Sure 3,54)?

Bevor ich mich mit diesem Vers aus Psalm 18 beschäftige, möchte ich an einige Aussagen der Bibel über Gott erinnern:

Und einer rief dem anderen zu und sagte: Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen. Erfüllt ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit. (Jesaja 6,3)

Deine Augen sind zu rein, um Böses mit anzusehen, du kannst der Unterdrückung nicht zusehen. (Habakuk 1,13a)

Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung oder Verfinsterung gibt. (Jakobus 1,17)

Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. (1 Johannes 1,5)

Heiligkeit, Reinheit, absolute Güte machen das Wesen des biblischen Gottes aus. Da ist kein Platz für Finsternis und Falschheit.

Eine Aussage in diese Richtung finden wir auch nur wenige Verse später in Psalm 18:

31 Gott, sein Weg ist lauter, das Wort des HERRN ist im Feuer geläutert. Ein Schild ist er für alle, die sich bei ihm bergen. 32 Denn wer ist Gott außer dem HERRN, wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott? (Psalm 18,31-32)

Am lauteren Weg Gottes kein Platz für Falschheit.

Eine Hilfestellung kann uns der Zusammenhang des Psalms geben. Der Psalmist dankt Gott für die Hilfe, die er ihm im Kampf gegen seine Feinde geschenkt hat. Er sieht den Grund für Gottes Hilfe darin, dass er gerecht war.

20 Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen. 21 Der HERR handelte gut an mir nach meiner Gerechtigkeit, vergalt mir nach der Reinheit meiner Hände. 22 Denn ich hielt mich an die Wege des HERRN und fiel nicht ruchlos ab von meinem Gott. 23 Ja, ich habe alle seine Entscheide vor mir, weise seine Satzungen nicht von mir ab. 24 Ich war vor ihm ohne Makel, ich nahm mich in Acht vor meiner Sünde. 25 Darum hat der HERR mir vergolten nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen. 26 Gegen den Treuen zeigst du dich treu, lauter handelst du am Lauteren. 27 Gegen den Reinen zeigst du dich rein, doch falsch gegen den Falschen. 28 Ja, du rettest das elende Volk, doch die Blicke der Stolzen zwingst du nieder. 29 Ja, du lässt meine Leuchte erstrahlen, der HERR, mein Gott, macht meine Finsternis hell. 30 Ja, mit dir überrenne ich Scharen, mit meinem Gott überspringe ich Mauern. 31 Gott, sein Weg ist lauter, das Wort des HERRN ist im Feuer geläutert. Ein Schild ist er für alle, die sich bei ihm bergen. 32 Denn wer ist Gott außer dem HERRN, wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott? (Psalm 18,20-32)

Wenn der Psalmist von seiner Gerechtigkeit, Reinheit und Makellosigkeit spricht, ist klar, dass er das nicht in einem absoluten Sinn versteht. Aber er hat sich in Acht vor der Sünde genommen und hat die Satzungen Gottes nicht abgewiesen.

Vor diesem Hintergrund können wir auch die Verse 26 und 27 verstehen. Gott vergilt jedem nach seinem Tun. Dem Treuen erwidert er seine Treue, dem Lauteren seine Lauterkeit, dem Reinen die Reinheit. Und dem Falschen die Falschheit?

Leider entspricht der Text der Einheitsübersetzung nicht ganz dem hebräischen Text. Während bei den drei positiven Eigenschaften der Verse 26 und 27a das Verb, das Gottes Verhalten ausdrückt, genau der entsprechenden Eigenschaft entspricht, ist das in Vers 27b bei der Falschheit nicht so. Der hebräische Text verwendet hier Wörter mit unterschiedlichen Wurzeln.

Für die Falschen steht עִקֵּשׁ / ′iqqeš, ein Adjektiv oder Substantiv mit der Bedeutung „verkehrt, falsch“. Für die Reaktion Gottes steht das Wort תִּתְפַּתָּֽל / titpattāl abgeleitet von der Wurzel ptl mit der Grundbedeutung „drehen, wickeln“. Die konkrete Bedeutung muss aber aus dem Zusammenhang erschlossen werden. Außer Psalm 18 und 2 Samuel 22 kommt dieses Verb nur an drei Stellen des Alten Testaments vor. Ich zitiere jeweils nach der Einheitsübersetzung und der Elberfelder Übersetzung.

Genesis 30,8:
EÜ: Da sagte Rahel: Gotteskämpfe habe ich ausgestanden mit meiner Schwester und ich habe mich durchgesetzt. So gab sie ihm den Namen Naftali – Kämpfer.
ELB: Da sprach Rahel: Kämpfe Gottes habe ich mit meiner Schwester gekämpft, ich habe auch gesiegt. Und sie gab ihm den Namen Naftali.

Hier wird dieses Wort mit „kämpfen“ wiedergegeben. Auch der Name Naftali leitet sich von der Wurzel ptl ab (p und f sind im Hebräischen derselbe Buchstabe).

Ijob 5,13:
EÜ: Weise fängt er in ihrer List, der Plan der Schlauen überstürzt sich.
ELB: Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit, und der Rat der Hinterlistigen überstürzt sich.

Sprüche 8,8:
EÜ: Alle Worte meines Mundes sind gerecht, keines von ihnen ist hinterhältig und falsch.
ELB: In Gerechtigkeit ⟨ergehen⟩ alle Worte meines Mundes; nichts in ihnen ist verschlagen oder falsch.

In diesen beiden Versen hat das Wort eine negative Konnotation. In Sprüche 8,8 ist der Parallelausdruck „falsch“ das Wort ′iqqeš, das auch in Psalm 18,27 steht. Diese Parallele würde dafür sprechen, dass auch im Psalm gesagt werden soll, dass Gott auf die Falschheit seiner Feinde in ähnlicher Weise reagiert. Die Verwendung des Wortes in Genesis 30,8 würde aber zu einem Verständnis passen, dass Gott die Falschheit der Feinde bekämpft.

Die meisten Übersetzungen übersetzen ähnlich wie die Einheitsübersetzung, so z. B.:

Elberfelder 2006: Gegen den Reinen zeigst du dich rein, gegen den Verkehrten aber verdreht.
Luther 2017: gegen die Reinen bist du rein, und gegen die Verkehrten bist du verkehrt.
Zürcher: Dem Reinen zeigst du dich rein, doch dem Falschen voller Ränke.
Buber: mit dem Geläuterten bist du lauter, aber mit dem Krummen bist du gewunden.

Anders übersetzen folgende Übersetzungen:

Schlachter 2000: gegen den Reinen erzeigst du dich rein, aber dem Hinterlistigen trittst du entgegen!
Elberfelder (Version von bibelkommentare.de): gegen den Reinen erzeigst du dich rein, und gegen den Verkehrten erzeigst du dich entgegenkämpfend.
Neues Leben: Den Reinen erweist du dich als rein, doch den Falschen überführst du.

Die drei letztgenannten Versionen haben einen eher fundamentalistischen Hintergrund und sehen wohl dasselbe theologische Problem, das ich auch sehe, und wollen dieses Problem mit ihrer Übersetzung, die nach dem Wortgebrauch in Genesis 30,8 noch im Rahmen des Möglichen ist, vermeiden.

Doch auch wenn wir den Vers wie die meisten Übersetzungen verstehen, heißt das nicht zwangsläufig, dass Gott sich als falsch oder verkehrt zeigt. Der Psalm ist keine dogmatische Abhandlung über das Wesen Gottes. Er ist auch keine Selbstoffenbarung Gottes, sondern ein Gebet in dichterischer Sprache. Der Psalmist drückt seine Erfahrung aus. Gott hat ihm wegen seiner Reinheit geholfen. Der Psalmist war Gott treu, und so hat ihm Gott die Treue erwiesen. Seine Feinde waren falsch, und Gott hat ihnen ihre Falschheit vergolten. Das heißt aber nicht, dass Gott selber falsch gehandelt hat. Denn der Weg Gottes ist lauter.

So werden diese Verse eine Ermunterung zur Treue und Reinheit, dazu, alle Falschheit abzulegen, aus dem Vertrauen auf Gott in Demut zu leben, da Gott die Blicke der Stolzen niederzwingt (Vers 28). So können wir mit Gott über Mauern springen (Vers 30).

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