Beim gestrigen „Marsch fürs Leben“ in Wien waren auch wieder einige (erfreulicherweise relativ wenige) Gegendemonstranten mit dabei1. Ein Gegendemonstrant hielt eine Tafel mit diesem Text in die Höhe:
Jesus was Pro-Choice …
Am unteren Ende der Tafel stand noch eine Beschimpfung, die gewiss nicht im Sinne Jesu war (vergleiche Matthäus 5,22).
War Jesus „pro choice“? Wenn wir „pro choice“ in dem von dem Gegendemonstranten verstandenen Sinn verstehen, dass es um die Frage geht, ob eine Mutter über das Lebensrecht ihres Kindes nach Gutdünken entscheiden kann, finden wir dazu keine direkte Antwort im Munde Jesu. Anders als in den antiken heidnischen Gesellschaften (und auch im heutigen säkularen Staat Israel) war die Tötung ungeborener Kinder im damaligen Judentum nicht üblich. Jesus war daher in seinem Umfeld nicht mit der Abtreibung konfrontiert. Daher hat er auch in keinem seiner überlieferten Worte das Thema der Abtreibung ausdrücklich angesprochen.
Jesus hat jedoch das alttestamentliche Gebot „Du sollst nicht töten!“ (wörtlicher: Du sollst nicht morden!) bestätigend zitiert (z. B.: Matthäus 19,18). Er hat in der Bergpredigt darauf hingewiesen, dass der Mord nicht nur in der vollbrachten Tat geschieht, sondern seinen Anfang bereits in der Gesinnung des Menschen hat, dann, wenn einer seinen Mitmenschen beschimpft (Matthäus 5,21-22).
Da die Bibel davon ausgeht, dass auch das ungeborene Kind im Mutterleib schon ein Mensch ist (Psalm 139,13-16; Jeremia 1,4-5; Jesaja 49,1), muss auch Jesus, der das Wort Gottes in Person ist, so gedacht haben.
Wir können daher mit Bestimmtheit sagen, dass Jesus nicht „pro choice“ im Sinne des Demonstranten war.
Mich würde interessieren, welche Gründe der Mann, der das Schild hochhielt, für seine Behauptung gehabt hat. In einer derartig angespannten Situation, in der auch die Polizei die beiden Demonstrationen voneinander getrennt hat, war eine Diskussion leider nicht möglich.
Jesus ist aber „pro choice“ in einem anderen Sinn. Jesus lässt uns die Entscheidungsfreiheit, wenn es darum geht, welchen Lebensweg wir wählen.
13 Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. 14 Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden. (Matthäus 7,13-14)
„Pro choice“ heißt hier keinesfalls, dass diese beiden Wege gleichwertig sind. Jesus ruft uns dazu, auf dem schmalen Weg und durch das enge Tor zu gehen. Aber er zwingt niemanden dazu, den Weg, der zum Leben führt, zu gehen. Es steht ganz in unserer Freiheit, ob wir das Leben wählen. Jesus lädt zum Leben ein und warnt vor dem Verderben. Doch er nötigt niemanden. Liebe akzeptiert auch die schlechte Entscheidung. Ohne Freiheit gibt es keine Liebe.
In der Didache, einer frühchristlichen Schrift, die möglicherweise schon aus dem ersten Jahrhundert stammt, werden die Worte Jesu über die zwei Wege aufgegriffen und mit konkretem Inhalt gefüllt. Dort finden wir die vermutlich älteste christliche Stellungnahme zur Frage der Abtreibung.
Das zweite Gebot der Lehre aber (heißt): „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen“, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht Unzucht treiben, „du sollst nicht stehlen“, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreiben umbringen und das Neugeborene nicht töten, „du sollst nicht begehren nach deines Nächsten Gut“. (Didache 2,1-2)
Der Weg des Todes aber ist dieser: vor allem ist er schlecht und voll von Fluch:
[…] die ihren Schöpfer nicht kennen, „ihre Kinder töten“, das Gebilde Gottes (im Mutterleibe) umbringen, […] (Didache 5,1-2)
Wer Kinder im Mutterleib tötet, hat sich auf den Weg des Todes begeben. Es steht in unserer freien Entscheidung, welchen Weg wir gehen.
Jesus schenkt aber auch allen Hoffnung, die den Weg des Todes verlassen wollen. Dazu nämlich ist er gekommen, dass er die Menschen von ihren Sünden erlöst (vergleiche Matthäus 1,21)
Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.
(Deuteronium 30,19)
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