War Jona im Bauch des Fisches tot?

Islamische Apologeten versuchen, das Wort Jesu über das Zeichen des Jona als Argument dafür zu verwenden, dass Jesus nicht gestorben ist. Da Jona im Bauch des Fisches nicht tot war, war auch Jesus nach seiner Kreuzigung nicht tot. Ich habe mich mit diesem Argument im Beitrag „Das Zeichen des Jona“ beschäftigt.

In einer Reaktion auf diese islamische Argumentation wird in einem Kurzvideo behauptet, dass aus Jona 2 klar hervorgehe, dass Jona im Bauch des Fisches tatsächlich tot war und von Gott wieder zum Leben erweckt wurde.

Konkret wird auf folgende Verse aus dem Gebet Jonas im Bauch des Fisches verwiesen:

In meiner Not rief ich zum HERRN und er erhörte mich. Aus dem Leib der Unterwelt schrie ich um Hilfe und du hörtest meine Stimme. (Jona 2,3)

Das Wasser reichte mir bis an die Kehle, die Urflut umschloss mich. (Jona 2,6a)

Bis zu den Wurzeln der Berge bin ich hinabgestiegen in das Land, dessen Riegel hinter mir geschlossen waren auf ewig. Doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, HERR, mein Gott. (Jona 2,7)

Diesen Versen wird entnommen, dass Jona gesagt habe, dass er tot war und von Gott zum Leben zurückgebracht wurde.

Ich verstehe das Buch Jona so, dass es sich um ein literarisches Werk handelt und nicht tatsächlich geschehene Ereignisse berichtet. Doch ist das für die Argumentation nicht ausschlaggebend.

Sagen die angeführten Verse wirklich, dass Jona tot war?

Der erzählende Teil des Buches Jona spricht nicht ausdrücklich vom Tod des Propheten.

1 Der HERR aber schickte einen großen Fisch, dass er Jona verschlinge. Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches. 2 Da betete Jona zum HERRN, seinem Gott, aus dem Inneren des Fisches heraus: (Jona 2,1-2)

Jona wurde vom Fisch verschlungen und betete im Bauch des Fisches. Dass er inzwischen gestorben und wieder erweckt worden wäre, wird nicht gesagt.

In Vers 3 sagte Jona:

[…] Aus dem Leib der Unterwelt schrie ich um Hilfe […]

Wenn Jona in der Unterwelt um Hilfe geschrien hatte, konnte er dann tot sein?

Weiters drücken auch in anderen Texten der Bibel Beter ihre Notlage mit ähnlichen Worten aus, ohne dass diese gestorben wären.

54 Das Wasser ging mir über den Kopf; ich sagte: Ich bin verloren. 55 Da rief ich deinen Namen, HERR, tief unten aus der Grube. 56 Du hörtest meine Stimme: Verschließ nicht dein Ohr vor meinem Seufzen, meinem Schreien! 57 Du warst nahe am Tag, da ich dich rief; du sagtest: Fürchte dich nicht! 58 Du, Herr, hast meine Sache geführt, hast mein Leben erlöst. (Klagelieder 3,54-58)

Mit der „Grube“ (בּוֹר / bôr) in Vers 55 ist oft das Totenreich gemeint. Der Beter drückte aus, dass er in einer hoffnungslosen Situation war, in der er zu Gott gerufen hat, der ihn daraufhin befreit hat.

5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. 6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes. 7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren. (Psalm 18,5-7)

Auch diese Verse erinnern an das Gebet des Jona. In Vers 6 ist ausdrücklich von den Fesseln der Unterwelt (שְׁאוֹל / še′ôl – wie in Jona 2,3) die Rede. Der Psalmist meint damit die Lebensgefahr, in der er sich befunden hatte und aus der ihn Gott gerettet hat. Er war bereits „so gut wie tot“, aber doch nicht verstorben.

HERR, du hast meine Seele heraufsteigen lassen aus der Totenwelt, hast mich am Leben erhalten, sodass ich nicht in die Grube hinabstieg. (Psalm 30,4)

Hier sagt der Psalmist einerseits, dass Gott seine Seele (oder sein Leben) aus der Totenwelt (še′ôl) heraufgeholt hat. Zugleich wird erklärt, dass das bedeutet, dass er nicht gestorben, sondern vom Tod bewahrt worden ist.

Denn groß ist über mir deine Liebe, du hast mich entrissen der Tiefe der Unterwelt. (Psalm 86,13)

Auch hier sagt der Beter nicht, dass er tatsächlich gestorben ist. Ebenso wenig trifft das auf Psalm 116 zu:

Mich umfingen Fesseln des Todes, Bedrängnisse der Unterwelt haben mich getroffen, Bedrängnis und Kummer treffen mich. (Psalm 116,3)

Eine Parallele zu Jona 2,6 finden wir in Psalm 69:

2 Rette mich, Gott, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle! 3 Ich bin versunken im Schlamm des Abgrunds und habe keinen Halt mehr. In Wassertiefen bin ich geraten, die Flut reißt mich fort. (Psalm 69,2-3)

Auch Psalm 40 spricht nicht von einer Totenauferweckung im wörtlichen Sinn:

2 Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. 3 Er zog mich herauf aus der Grube des Grauens, aus Schlamm und Morast. Er stellte meine Füße auf Fels, machte fest meine Schritte. (Psalm 40,2-3)

In all diesen Texten geht es um die Rettung aus einer großen Gefahr. Gott hat die Gläubigen aus einer lebensbedrohlichen Not herausgeholt. Sie haben sich schon wie im Totenreich gesehen. Aber Gott hat sie gerettet.

So hat auch Jona in seiner großen Not die Rettung durch Gott erfahren. Er hat ihm schon gedankt, als er noch im Bauch des Fisches war. Aber aus seinem Gebet kann man nicht entnehmen, dass es um die Wiederbelebung eines Toten ging.

Den Missbrauch der Bibel durch muslimische Apologeten weist man nicht durch wortwörtliches Verständnis bildlicher Aussagen zurück. Der Tod und die Auferstehung Jesu sind klar bezeugt. Wenn ein islamischer Apologet in seiner Verzweiflung den Tod Jesu durch den Hinweis auf das von Jesus in Matthäus 12,40 genannte Zeichen des Jona bestreiten will, zeigt das zur Genüge seinen Argumentationsnotstand. Durch die Erfindung eines Wunders, von dem die Bibel nichts sagt, nämlich der Auferweckung Jonas, erweist man dem Christentum keinen guten Dienst.

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