Fragt man einen Katholiken, wer der Oberhirte oder der oberste Hirte der Kirche sei, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Papst verwiesen.
Unter den offiziellen Titeln des Papstes findet man diesen Begriff nicht. Die Abkürzung bei der Unterschrift PP steht für Pontifex Pontificum im Sinne von Pastor Pastorum, Hirte der Hirten. „Hirte der Hirten“ ist sinngemäß dasselbe wie der „oberste Hirt“.
Das Erste Vatikanische Konzil sprach 1870 im ersten Lehrentscheid über die Kirche Christi vom Papst als dem obersten Hirten.1
[…] Durch Bewahrung dieser Einheit mit dem römischen Bischof in der Gemeinschaft und im Bekenntnis desselben Glaubens ist so die Kirche Christi eine Herde unter einem obersten Hirten. […]
Diese Gewalt des obersten Hohenpriesters tut der ordentlichen unmittelbaren Gewalt der bischöflichen Rechtsbefugnis, in der die Bischöfe, die, eingesetzt vom Heiligen Geist, an die Stelle der Apostel getreten sind und als wahre Hirten die ihnen anvertrauten Herden weiden und leiten, jeder die seine, gar keinen Eintrag. Sie wird vielmehr vom obersten und allgemeinen Hirten anerkannt, gefestigt und verteidigt, wie schon der heilige Gregor der Große sagte: »Meine Ehre ist die Ehre der gesamten Kirche. Meine Ehre ist die volle Lebenskraft meiner Brüder. Dann bin ich in Wahrheit geehrt, wenn allen einzelnen die schuldige Ehre erwiesen wird.«
Bei oberflächlichem Lesen könnte man meinen, dass mit dem obersten Hirten Jesus gemeint sei. Doch im Zusammenhang ist klar, dass es um den Papst geht.
Auch das Zweite Vatikanische Konzil nannte den Papst den obersten Hirten:2
[…] Dieser Unfehlbarkeit erfreut sich der Bischof von Rom, das Haupt des Bischofskollegiums, kraft seines Amtes, wenn er als oberster Hirt und Lehrer aller Christgläubigen, der seine Brüder im Glauben stärkt (vgl. Lk 22,32), eine Glaubens- oder Sittenlehre in einem endgültigen Akt verkündet. […]
Neben dem Papst wird manchmal der Bischof einer Diözese „Oberhirte“ genannt. So heißt es auf katholisch.de:
[…] Durch die Bischofsweihe steht er unmittelbar in der Nachfolge der Apostel (Apostolische Sukzession) und besitzt die oberste Weihe-, Verwaltungs- und Gerichtsgewalt in seinem Bistum. Deshalb wird der Bischof auch als „Oberhirte“, der oberste Hirte seines Bistums, bezeichnet. […]
Wer ist in der Bibel der „oberste Hirte“?
1 Eure Ältesten ermahne ich, als Mitältester und Zeuge der Leiden Christi, der auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird: 2 Weidet die euch anvertraute Herde Gottes, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern mit Hingabe; 3 seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! 4 Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen. (1 Petrus 5,1-4)
Petrus hat diese Worte an die Ältesten oder Älteren der Gemeinden gerichtet. In Vers 5 werden die Jüngeren angesprochen:
Sodann, ihr Jüngeren: Ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt Stolzen entgegen, Demütigen aber schenkt er seine Gnade.
Diese Gegenüberstellung von Älteren3 und Jüngeren spricht einerseits dafür, dass es hier weniger um ein „Amt“ geht als um die Verantwortung, die die älteren Brüder den Jüngeren gegenüber haben. Andererseits haben diese Älteren doch eine Verantwortung als „Hirten“ für ihre Gemeinden, die ihnen „anvertraute Herde Gottes“. Der Oberhirte ist jedoch nicht Petrus, der sich nur „Mitältester“ nennt, sich also auf einer Ebene mit den Angesprochenen sieht, sondern Jesus Christus. Bei seinem Erscheinen werden diese den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.
Petrus hat sich selbst nicht „Oberhirte“ genannt. Für ihn war nur Jesus Christus der oberste Hirte. Die Päpste und Bischöfe, die sich als Nachfolger Petri bzw. der Apostel ausgeben, haben hingegen keine Scheu, diesen Titel auf sich selbst zu beziehen. Alleine dadurch zeigen sie, dass sie nicht das sind, was sie zu sein vorgeben.
Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Matthäus 23,12)
Erkennt: Der HERR allein ist Gott. Er hat uns gemacht, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide. (Psalm 100,3)
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