Wirft Sure 5 Juden und Christen die Verfälschung der Heiligen Schrift vor?

12 Allah hatte ja mit den Kinder Isrāʾīls ein Abkommen getroffen. Und Wir beriefen von ihnen zwölf Obmänner. Und Allah sagte: „Ich bin mit euch. Wenn ihr das Gebet verrichtet, die Abgabe entrichtet, an Meine Gesandten glaubt und ihnen beisteht und Allah ein gutes Darlehen gebt, werde Ich euch ganz gewiß eure bösen Taten tilgen und euch ganz gewiß in Gärten eingehen lassen, durcheilt von Bächen. Wer aber von euch danach ungläubig wird, der ist wirklich vom rechten Weg abgeirrt.“ 13 Dafür, daß sie ihr Abkommen brachen, haben Wir sie verflucht und ihre Herzen hart gemacht. Sie verdrehen den Sinn der Worte, und sie haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden waren. Und du wirst immer wieder Verrat von ihnen erfahren – bis auf wenige von ihnen. Aber verzeihe ihnen und übe Nachsicht. Gewiß, Allah liebt die Gutes Tuenden. 14 Und (auch) mit denen, die sagen: „Wir sind Christen“, haben Wir ihr Abkommen getroffen. Aber dann vergaßen sie einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden waren. So erregten Wir unter ihnen Feindschaft und Haß bis zum Tag der Auferstehung. Und Allah wird ihnen kundtun, was sie zu machen pflegten. 15 O Leute der Schrift, Unser Gesandter ist nunmehr zu euch gekommen, um euch vieles von dem klarzumachen, was ihr von der Schrift verborgengehalten habt, und er verzeiht vieles. Gekommen ist, nunmehr zu euch von Allah ein Licht und ein deutliches Buch, 16 mit dem Allah diejenigen, die Seinem Wohlgefallen folgen, die Wege des Heils leitet und sie aus den Finsternissen hinaus mit Seiner Erlaubnis ins Licht bringt und sie zu einem geraden Weg leitet. (Sure 5,12-16)

[…] Und unter denjenigen, die dem Judentum angehören, unter ihnen gibt es manche, die auf Lügen horchen, die auf andere Leute horchen, die nicht zu dir gekommen sind. Sie verdrehen den Sinn der Worte, nach(dem sie an) ihrer (richtigen) Stelle (waren), und sagen: „Wenn euch dies gegeben wird, dann nehmt es an. Wenn euch dies aber nicht gegeben wird, dann seht euch vor.“ […] (aus Sure 5,41)

An allen Stellen, an denen der Koran die Thora oder das Evangelium namentlich erwähnt, ist keine Rede davon, dass diese Schriften verfälscht worden wären. Die relevanten Stellen sind hier und hier aufgelistet.

Nun aber finden wir in Sure 5 zwei Abschnitte in denen Juden und Christen der Vorwurf der Manipulation an den Schriften gemacht wird. Sprechen diese Stellen tatsächlich von einer Verfälschung der Bibel? Sehen wir uns die Stellen im Detail an!

Vermutlich spielt Sure 5,12 auf den Bund Gottes mit Israel in Sinai an. Dieser Bund wird im Koran allerdings in starkem Anklang an die islamische Praxis beschrieben. Als Hauptpunkte des Bundes werden die Einhaltung des Salat genannten Ritualgebets und das Geben der Zakat, der „Armensteuer“, die allerdings auch für den Dschihad gegeben werden kann, genannt. Gebet und Sorge für die Schwachen werden auch im Alten Testament betont, aber sie haben nicht diese stark formalisierte Gestalt wie im Islam.

Weil die Juden den Bund gebrochen haben, habe Allah sie verflucht und ihr Herz hart gemacht. Daraufhin haben sie „den Sinn der Worte verdreht“ und „einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden sind“.

Bedeutet der Ausdruck, dass sie „den Sinn der Worte verdreht“ haben, dass ihnen vorgeworfen wurde, den geschriebenen Text der Schrift verändert zu haben, oder wird den Juden eine falsche Interpretation ihrer Schrift vorgeworfen? Die von mir verwendete Übersetzung von Bubenheim und Elyas würde ich eher als Vorwurf einer falschen Interpretation verstehen. Die Version von Abu Ridda lautet:

Sie entstellten die Schrift an ihren richtigen Stellen.

Diese Version könnte man auch als Vorwurf einer Verfälschung des geschriebenen Textes verstehen.

Der zweite Vorwurf, dass „sie einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden sind, vergessen“ haben, passt allerdings nicht zu einer Verfälschung des Textes. Es trifft auf viele Irrlehren zu, dass die Worte der Bibel, die der eigenen Lehre widersprechen, ignoriert und somit auch „vergessen“ werden.

Den Christen wird in Vers 14 nur der Vorwurf des „Vergessens“ gemacht, nicht aber wie den Juden, dass sie „den Sinn der Worte verdreht“ hätten. Den Christen wird also nicht vorgeworfen, den geschriebenen Text verändert zu haben. Das ist deshalb wichtig, weil die Heilige Schrift der Juden als das Alte Testament auch ein Teil der Heiligen Schrift der Christen ist.

Wenn nun die Juden schon vor dem Kommen Jesu ihre Heilige Schrift verfälscht hätten, hätten die Christen von vornherein eine verfälschte Schrift als Heilige Schrift akzeptiert. Hätte da nicht Jesus seine Jünger darauf aufmerksam machen müssen, dass die Thora verfälscht worden war?

Wenn die Juden die Schrift erst später verfälscht haben, warum ist die Heilige Schrift der Juden mit dem Alten Testament der Christen identisch?

In Vers 15 wird dem „Volk der Schrift“ (Juden und Christen?) vorgeworfen, dass sie in der Schrift etwas verborgengehalten hätten, was nun aber durch den Gesandten (Mohammed) klargemacht werde. Denn nun sei von Allah „ein Licht und ein deutliches Buch“ gekommen. Dass dieses „deutliche Buch“ auch Stoff enthält, den keiner außer Allah versteht, ist ein anderes Thema.

Dinge, die verborgengehalten werden, sind existent. Sie werden nur nicht angesprochen. Dieser Vorwurf kann keine Verfälschung des Textes meinen, sondern ein Verschweigen des Inhalts. Das kann gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen können und Bücher wegen ihres hohen Preises selten sind, leicht passieren, dass auf diese Weise der Inhalt durch Weglassen wichtiger Passagen in der Verkündigung verfälscht wird. Aber in den Büchern sind diese Texte da. Sie sind nur leider für viele Menschen nicht zugänglich.

Heute können die meisten Menschen lesen und biblische Texte sind für jeden, der sie lesen möchte, leicht verfügbar (außer in manchen islamischen Ländern, die Bücher, die sogar im Koran als von Gott kommende Schriften bezeichnet werden, verboten haben). Jeder Interessierte kann sich überzeugen, dass in diesen Schriften kein Prophet Mohammed angekündigt worden ist.


Im zweiten Abschnitt in Vers 41 wird der bereits in Vers 13 den Juden gemachte Vorwurf, dass sie den Sinn der Worte verdrehen, wieder aufgegriffen. Es wird allerdings nur von „manchen“ gesprochen, die auf Lügen horchen. Es ist kein Vorwurf gegen alle Juden.

Kurz danach kommt der Koran in den Versen 43 und 44 direkt auf die Thora zu sprechen:

43 Wie aber können sie dich richten lassen, während sie doch die Thora haben, in der das Urteil Allahs (enthalten) ist, und sich hierauf, nach alledem, abkehren? Diese sind doch keine Gläubigen. 44 Gewiß, Wir haben die Thora hinabgesandt, in der Rechtleitung und Licht sind, womit die Propheten, die sich (Allah) ergeben hatten, für diejenigen, die dem Judentum angehören, walten, und so auch die Leute des Herrn und die Gelehrten, nach dem, was ihnen von der Schrift Allahs anvertraut worden war und worüber sie Zeugen waren. So fürchtet nicht die Menschen, sondern fürchtet Mich. Und verkauft Meine Zeichen nicht für einen geringen Preis! Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungläubigen. (Sure 5,43-44)

Die Thora, die die Juden zur Zeit der Niederschrift des Korans hatten, hat das Urteil Gottes enthalten. In der Thora sind Rechtleitung und Licht. Die Juden brauchten nicht Mohammed richten lassen, da sie die Thora hatten. Dieser Zusammenhang zeigt, dass der in den Versen 13 und 41 gemachte Vorwurf, dass die Juden „den Sinn der Worte verdreht“ hätten, nicht eine Verfälschung des geschriebenen Textes meinen kann.

Im Koran wird davon ausgegangen, dass der Text der Heiligen Schriften der Juden und Christen nicht verfälscht worden ist. Wenn heute Muslime die Verfälschung der Bibel behaupten, widersprechen sie ihrer eigenen Schrift, dem Koran. Ist das nicht sehr kühn?

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. (Jesaja 40,8)

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. (Markus 13,31)

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