Der König der Bäume

Nachdem Jotam, der Sohn Gideons, knapp seiner Ermordung entkommen war, rief er vom Berg Garizim den Bürgern der Stadt Sichem zu:

Hört auf mich, ihr Bürger von Sichem, damit Gott auf euch hört!
8 Einst gingen die Bäume hin, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! 9 Der Ölbaum sagte zu ihnen: Habe ich etwa schon mein Fett aufgegeben, das Götter und Menschen an mir ehren, und werde hingehen, um über den Bäumen zu schwanken?
10 Da sagten die Bäume zum Feigenbaum: Geh du hin, sei unser König! 11 Der Feigenbaum sagte zu ihnen: Habe ich etwa schon meine Süßigkeit und meine guten Früchte aufgegeben und werde hingehen, um über den Bäumen zu schwanken?
12 Da sagten die Bäume zum Weinstock: Geh du hin, sei unser König! 13 Der Weinstock sagte zu ihnen: Habe ich etwa schon meinen Most aufgegeben, der Götter und Menschen erfreut, und werde hingehen, um über den Bäumen zu schwanken?
14 Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Geh du hin, sei unser König! 15 Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wenn ihr mich wirklich zu eurem König salben wollt, kommt, bergt euch in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen. (Richter 9,7b-15)

Gideon, der Vater Jotams, hatte das Volk Israel aus der Unterdrückung durch die Midianiter befreit (Richter 6-8). Aufgrund dieses Sieges wollten die Israeliten Gideon zum Herrscher machen, was dieser aber ablehnte.

22 Die Israeliten sagten zu Gideon: Herrsche über uns, du und auch dein Sohn und dein Enkel; denn du hast uns aus der Hand Midians gerettet. 23 Aber Gideon antwortete ihnen: Ich will nicht über euch herrschen und auch mein Sohn soll nicht über euch herrschen; der HERR wird über euch herrschen. (Richter 8,22-23)

Für Gideon war klar, dass nur Gott der König über sein Volk Israel sein darf. Deswegen wollte er nicht der Herrscher über das Volk sein. Einen seiner Söhne nannte Gideon Abimelech, was „Mein Vater (=Gott) ist König“ bedeutet. Ausgerechnet dieser Sohn, dessen Name ein Bekenntnis zum Königtum Gottes war, erhob sich mit der Hilfe der Bürger der Stadt Sichem zum König. Seine siebzig Brüder ließ er töten. Einzig Jotam konnte sich verstecken und entkam dadurch dem Massaker (Richter 9,1-6).

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Fabel, die Jotam den Leuten von Sichem vortrug, verstehen.

Er erzählte über drei „Bäume“, die es ablehnten, über die anderen Bäume zu herrschen, weil sie Besseres zu tun hatten. Ihre Aufgabe war es, wertvolle Früchte zu bringen. Sie wollten nicht herrschen, sondern dienen. Ihre Produkte sollten die Menschen erfreuen und auch im Dienst an Gott verwendet werden. (Das hebräische Wort אֱלהִים / ′älōhîm ist ein Pluralwort und heißt wörtlich „Götter“, wird aber sehr oft für den einen Gott Israels verwendet. Ich denke, dass es nicht korrekt ist, dass die Einheitsübersetzung und auch viele andere Übersetzungen hier das Wort „Götter“ verwenden, da Jotam wie sein Vater, dessen erste Tat es war, einen Altar Baals zu zerstören – Richter 6,25-27 –, nur an einen einzigen Gott geglaubt hat. Auch die Septuaginta hat in den Versen 9 und 13 den Singular.)

Nur der Dornenstrauch, der nach damaligem Verständnis nutzlos war und keine wertvollen Früchte hervorbrachte, nahm das Angebot an. Er begann seine Herrschaft sofort mit der Drohung, die zu vernichten, die sich nicht in seinem Schatten bergen wollten.

Mit dieser Fabel übte Jotam eine scharfe Kritik nicht nur an seinem Halbbruder Abimelech, der mit Gewalt die Königsherrschaft an sich gerissen hatte, sondern grundsätzlich an der Institution des Königtums im Volk Gottes. Er stand damit in der Tradition seines Vaters, der es abgelehnt hatte, Herrscher über Israel zu werden.

Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock lehnten es ab, über den Bäumen zu „schwanken“. Jotam verwendete hier nicht das übliche Wort für „herrschen“ oder „König sein“, sondern das Wort נוּעַ / nûa′ (schwanken, wackeln, zittern, beben, schütteln). Dadurch drückte er die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit menschlicher Herrschaft aus, vielleicht auch den Wankelmut, der oft mit dem Wesen des Menschen verbunden ist.

Im konkreten Fall von Abimelech endete das Projekt „Königsherrschaft“ in einer Katastrophe sowohl für Abimelech als auch für die Stadt Sichem (Richter 9,22-57).

Die geistliche Lehre dieser Fabel ist jedoch überzeitlich. Im Volk Israel war der Wunsch nach einem König letztlich so stark, dass Gott das akzeptierte. Doch zeigte sich, dass die überwiegende Mehrzahl der Könige nicht gottesfürchtig waren. Eine machtvolle Institution wie das Königtum verleitet zum Missbrauch der Macht. Gott hat das Königtum aber dazu verwendet, auf den kommenden idealen König, den Messias, hinzuweisen. Dieser würde die Macht nicht missbrauchen, wie es der Prophet Jesaja ausgedrückt hat:

1 Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. 2 Der Geist des HERRN ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. 3 Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN. Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, 4 sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt das Land mit dem Stock seines Mundes und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen. 5 Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften und die Treue der Gürtel um seine Lenden. (Jesaja 11,1-5)

Dieser gerechte König, der Messias, ist Jesus. Seine Funktion als Richter wird er erst bei seinem zweiten Kommen im vollen Sinn ausüben.

Unter denen, die zum Messias gehören, den Nachfolgern Jesu, ist seine Herrschaft jetzt schon Wirklichkeit. Deswegen gibt es dort auch keine Machtpositionen. Jünger Jesu sind wie die Bäume in der Jotamsfabel. Sie sind nicht darauf bedacht, über anderen zu schwanken, sondern zu dienen und ihre Frucht zum Dienst an den Menschen und zur Ehre Gottes zu geben. Die Einführung von Hierarchien in verschiedenen „Kirchen“ steht in klarem Widerspruch zum Willen Gottes, den er bereits durch Jotam, aber noch viel klarer durch die Worte Jesu ausgedrückt hat.

Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. 26 Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, 27 und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.
(Matthäus 20,25b-27)

8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. 9 Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. 10 Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. 11 Der Größte von euch soll euer Diener sein. 12 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Matthäus 23,8-12)

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