Mohammed in Jesaja 21

In Jesaja 21 gibt es zwei Stellen, in denen von Muslimen versucht wurde und wird, Hinweise auf Mohammed zu finden.

1 Jesaja 21,6-7

6 Denn so hat der Herr zu mir gesagt: Geh, stell einen Späher auf! Was er sieht, soll er kundtun. 7 Sieht er Wagen und Pferdegespanne, einen Zug von Eseln, einen Zug von Kamelen, soll er darauf achten, genau darauf achten.

Dieses Argument erschließt sich aus der hier zitierten Einheitsübersetzung nicht. Wenn man den hebräischen Konsonantentext anders vokalisiert, kann man übersetzen:

… einen Reiter auf einem Esel, einen Reiter auf einem Kamel.

Vermutlich wurde diese Stelle schon im 8. Jahrhundert als eine Prophezeiung auf Mohammed verstanden. Ibn Ishaq (gestorben 767) behauptete, dass das „Volk der Schrift“ die Ankunft eines Propheten erwarteten, von dem Jesus angekündigt habe, dass er auf einem Kamel reiten würde.1 John C. Reeves vermutet, dass hier Jesus (‘Īsā) und Jesaja (Ša‘yā) verwechselt wurden, und dass die Stelle aus Jesaja 21 gemeint sei. Dieselbe Verwechslung tauchte auch in einem muslimischen Text aus dem 9. Jahrhundert, der Christen zur Bekehrung zum Islam aufrief, auf. Seit damals wurde diese Stelle immer wieder als Ankündigung Jesu und Mohammeds verstanden.

Jesaja habe zwei Reiter angekündigt. Der Reiter auf dem Esel sei Jesus, der bekanntlich auf einem Esel in Jerusalem eingezogen ist (Johannes 12,14), der Reiter auf dem Kamel sei Mohammed. Eine bildliche Darstellung dieses Verständnisses aus dem 18. Jahrhundert ist hier zu finden.

Es gibt Gründe dafür anzunehmen, dass ursprünglich tatsächlich von Reitern die Rede war. Nach der Vokalisierung im Masoretentext steht dort רֶכֶב / räkäb, was „Wagen“ oder kollektiv „Wagenzug“ heißt. Mit anderer Vokalisierung רֹכֵב / rokäb heißt es „Reiter“. Die Jesajarolle von Qumran, die Jahrhunderte vor der Vokalisierung durch die Masoreten geschrieben wurde, deutete durch die Einfügung eines waw den Vokal o an. Das spricht dafür, dass man dieses Wort schon vor Christus als „Reiter“ verstanden hat.

Wenn hier von zwei Reitern die Rede ist, warum sollte das keine prophetische Ankündigung Jesu und Mohammeds sein?

Es ist bemerkenswert, dass in vorislamischer Zeit diese Jesajastelle weder von Juden noch von Christen messianisch verstanden wurde.

Ein Blick auf den Zusammenhang der Stelle zeigt, dass es hier um etwas völlig anderes geht als um die Erwartung des Messias oder künftiger Propheten.

Lesen wir die nächsten zwei Verse dazu:

8 Da rief der Seher: Auf dem Spähposten, Herr, stehe ich unablässig am Tag und auf meinem Wachtposten stehe ich bereit alle Nächte. 9 Und siehe, da kam es: ein Zug von Männern, Pferdegespanne. Da hob er an und sagte: Gefallen, gefallen ist Babel und all ihre Götterbilder hat man zu Boden geschmettert. (Jesaja 21,8-9)

Es geht um die Ankündigung des Falls von Babel. Die Reiter sind die Boten, die den Fall dieser gottlosen Stadt verkünden. Vermutlich ging es um die Eroberung Babyloniens durch Sargon II. im Jahre 710 v. Chr.

Der Späher soll aufmerksam darauf achten, was er sieht. Es wird mit Pferdegespannen oder Reitern auf Eseln oder Kamelen gerechnet. Letztlich ist in Vers 9 nur von Pferdegespannen die Rede. Die waren wohl schneller als die anderen Tiere. Sie haben die Nachricht vom Fall der Stadt gebracht. Das ist der Sinn des Textes. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass man hier eine Prophetie für die Zukunft hineinlesen sollte.

Ferner haben weder Jesus noch Mohammed über die Eroberung der Stadt Babel gesprochen.

Jesaja 21,13-17

13 Ausspruch in Arabien. Im Gebüsch, in der Steppe verbringt die Nacht, ihr Karawanen der Dedaniter! 14 Bringt dem Durstigen Wasser, Bewohner des Landes von Tema! Kommt dem Fliehenden entgegen mit Brot für ihn! 15 Denn vor den Schwertern sind sie geflohen, vor dem gezückten Schwert, vor dem gespannten Bogen, vor des Krieges Schwere. 16 Denn so hat der Herr zu mir gesagt: In noch einem Jahr – wie Söldnerjahre -, dann wird es aus sein mit der ganzen Macht Kedars. 17 Und der Überrest der Bogenzahl für die Helden der Söhne Kedars wird gering sein. Ja, der HERR, der Gott Israels, hat gesprochen.

Ahmadiyya.de2 erklärt diese Stelle so:

Zu dieser Prophezeiung ist folgendes zu beachten:

  1. Die Szene in der Prophezeiung ist die von Arabien. Dieses Merkmal ist von höchster Bedeutung. Der Heilige Prophet Mohammedsaw ist in Arabien erschienen.
  2. Die Prophezeiung spricht von „ihm der flüchtete”. Die Flucht des Propheten Mohammedsaw von Mekka nach Medina ist ein sehr bedeutendes Ereignis in der Weltgeschichte. Der islamische Kalender beginnt mit dem Jahr der Hijrat, d.h. der Flucht des Propheten Mohammedsaw im Jahre 622.
  3. »Sie fliehen vor dem gezogenen Schwert.« Dieses Merkmal beweist in entscheidender Weise die Erfüllung der Prophezeiung in der Person des Heiligen Propheten Mohammedsaw. Er flüchtete von Mekka, während sein Haus von seinen Todfeinden, die mit gezogenen Schwertern und dürstend nach seinem Blut gekommen waren, umzingelt worden war.
  4. Der Ausdruck „innerhalb eines Jahres” enthält ein weiteres klares Zeugnis im Bezug auf den Propheten Mohammedsaw. Ferner lesen wir in der Prophezeiung, binnen eines Jahres soll »alte Herrlichkeit Kedars untergehen, und der übrigen mächtigen Männer zu Kedar soll wenig sein«. Diese Voraussage ist während der Schlacht von Badr erfüllt worden, die innerhalb eines Jahres nach der Flucht des Propheten Mohammedsaw von Mekka nach Medina stattgefunden hat. In dieser Schlacht hatten die Quraisch von Mekka, (das in der Prophezeiung Kedar genannt wird), eine vernichtende Niederlage erlitten.

Die meisten ihrer mächtigen Männer sind in der Schlacht von Badr gefallen. Reverend C. Forster bestätigt, dass Kedar im Hedjaz, d.h. Arabien, gelegen ist. Er hat das Volk Kedar als identisch mit dem arabischen Stamm von Quraisch dargelegt (Vgl. Foster C., The historical Geography of Arabia, S. 244-265).

Der Punkt, an dem diese Erklärung hängt, ist die Identifizierung des biblischen Kedar mit dem Stamm der Quraisch. Das Werk von Foster, auf das man sich beruft, stammt aus dem Jahr 1844. Nach heutigem Wissensstand (unter anderem aus assyrischen Quellen, die Foster nicht kennen konnte) wird Kedar in Nordarabien lokalisiert. Im 5. Jahrhundert vor Christus waren die Kedrener weiter nach Westen, in den Süden Kanaans vorgedrungen. Auch das in Vers 14 genannte Tema ist wie die in Vers 13 erwähnten Dedaniter in Nordarabien zu finden.

Wenn Kedar nicht in der Gegend von Mekka und Medina war, braucht man sich mit den übrigen Gedankengängen nicht näher beschäftigen.

In Jesaja 21 hat der Prophet über verschiedene Völker geweissagt, die zu seiner Zeit lebten. Es ging um sehr aktuelle Ereignisse. Kedar sollte nach Vers 16 innerhalb eines Jahres eine schwere Niederlage erleiden. Die Bewohner von Tema sollten den flüchtenden Söhnen Kedars helfen, ihnen mit Brot entgegengehen. Da hat der Prophet über Ereignisse seiner Zeit gesprochen, nicht über das 7. nachchristliche Jahrhundert.

Anstatt in der Bibel erfolglos prophetische Hinweise auf Mohammed zu suchen, wäre es für Muslime angebracht, dort den Weg des Heils zu suchen und auch zu finden, den Weg, den Gott auch für sie offenbart hat.

Denn alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schriften Hoffnung haben. (Römer 15,4)


  1. John C. Reeves, The Muslim Appropriation of a Biblical Text: The Messianic Dimensions of Isaiah 21:6-7, ohne Ort und Datum, verfügbar auf Academia.edu, S. 9-10. 
  2. Mir ist bewusst, dass die Ahmadiyya eine Randgruppe des Islams bilden. Diese Stelle wird auch von anderen Muslimen auf Mohammed bezogen, z. B. hier

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