Mein Auge wird seine Lust sehen an meinen Feinden.

Und mein Auge wird seine Lust sehen an meinen Feinden. Meine Ohren werden ihre Lust hören an den Übeltätern, die gegen mich aufstehen. (Psalm 92,12 – Elberfelder)

Liest man diesen Vers, kommen einem Gedanken über die Rachsucht, die den Psalmisten wohl beherrscht haben muss. Wenn das Auge „seine Lust“ an den Feinden sehen soll, offensichtlich an deren Bestrafung, geht es doch um mehr als nur um eine gerechte Strafe, sondern um die Befriedigung eines Rachebedürfnisses, das einen mit Lust erfüllt.

Doch ist das wirklich so?

Ich bringe hier verschiedene Übersetzungen:

Vnd meine auge wird sein lust sehen an meinen Feinden / Vnd mein ohre wird seine lust hören an den Boshafftigen / die sich wider mich setzen. (Luther 1545)

Mit Freude sieht mein Auge auf meine Feinde herab und hört mein Ohr von den Boshaften, die sich gegen mich erheben. (Luther 2017)

Mit Lust blickt mein Auge auf die, die mich belauern, hören meine Ohren vom Geschick der Übeltäter, die gegen mich aufstehen. (Zürcher Bibel)

Mein Auge wird mit Freuden herabschauen auf die, die mir auflauern, und mein Ohr wird mit Freuden hören vom Geschick der Bösen, die sich gegen mich erheben. (Schlachter 2000)

Ich sehe den Sturz meiner Feinde, ich höre das Klagegeschrei der Gegner, die mich überfallen wollten. (Gute Nachricht Bibel)

Mein Auge blickt herab auf meine Verfolger, auf jene, die sich gegen mich erheben; mein Ohr hört vom Geschick der Bösen. (Einheitsübersetzung 2016)

Mein Aug blickt nieder auf meine Verleumder, von den wider mich Aufgestandnen, den Bösgesinnten, bekommen meine Ohren zu hören. (Martin Buber)

Es fällt auf, dass die drei zuletzt angeführten Übersetzungen nichts über Lust oder Freude am Geschick der Feinde schreiben. Die Gute Nachricht Bibel hat nicht das Ziel einer möglichst textnahen Wiedergabe, die Einheitsübersetzung hat auch eher das Anliegen einer zeitgemäßen Sprache. Buber hingegen wollte sich schon nahe am hebräischen Original bewegen.

וַתַּבֵּ֥ט עֵינִ֗י בְּשׁ֫וּרָ֥י בַּקָּמִ֖ים עָלַ֥י מְרֵעִ֗ים תִּשְׁמַ֥עְנָה אָזְנָֽי׃

Im Hebräischen finden sich diese Wörter auch nicht. Man könnte höchstens annehmen, dass die Verben (im hebräischen Text fett) einen Beiklang in diese Richtung enthalten. Das Wort שָׁמַע / šāma‘ ist das normale Wort für „hören“ und enthält in sich nicht die Konnotation „seine Lust hören“. נָבַט / nābat ist zwar nicht das Standardwort für „sehen“, ist aber mit 69 Vorkommen im Alten Testament auch nicht so selten. An keiner dieser Stellen hat dieses Verb die Bedeutung „seine Lust sehen“, am ehesten kommt noch Psalm 22,18 in Frage:

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an. (Einheitsübersetzung)

Hier sind es die Feinde des Gerechten, die auf ihn blicken, die durchaus Lust an dessen Notlage empfunden haben konnten.

Das Wörterbuch von Gesenius (18. Auflage 2013) erwähnt zu nābat die Bedeutung „seine Lust sehen“ nicht.

Wir haben hier den interessanten Fall, dass sogar die Gute Nachricht Bibel näher am Text ist als die sich um Texttreue bemühende Elberfelder Übersetzung.

Psalm 92 ist ein Loblied. Der Psalmist preist Gott für seine Gnade und Treue. Er freut sich über das Wirken Gottes. Ab Vers 8 kommen die Frevler ins Bild, die in dieser Welt „sprießen wie Gras“ und blühen. Doch sie werden nicht bleiben. Gott ist erhaben, seine Feinde gehen zugrunde. Der Gerechte wird gestärkt (Vers 11), und so kann er auf seine Verfolger blicken und hört vom Geschick der Bösen (Vers 12). Der Gerechte hat seinen Platz im Haus Gottes und bringt Frucht bis ins Alter, um die Gerechtigkeit Gottes zu verkündigen.

Vers 12 drückt die Bewahrung aus. Gott rettet den Frommen vor seinen Verfolgern. Die Feinde Gottes haben keinen Bestand. Im Fokus des Gerechten ist die Rettung aus der Not, die mit der Vernichtung der Feinde einhergeht. Es geht aber nicht um Rachegelüste. Es geht um Dankbarkeit für Gottes rettendes Handeln, dafür, dass er Gerechtigkeit schafft.

Es ist klar, dass alttestamentliche Texte noch nicht die Vollkommenheit haben, die uns Jesus gelehrt hat. Es gibt Texte, die die Rache an den Gottlosen betonen. Das darf aber trotzdem nicht dazu führen, dass Übersetzer etwas in den Text hineinlesen, was nicht dort steht.

Dieser Text ist auch ein Aufruf dazu, Stellung zu beziehen. Stehen wir auf Gottes Seite auch dann, wenn es scheint, dass die Bösen in der Übermacht sind und siegen werden? Oder beugen wir uns der „Wirklichkeit“ dieser Welt und machen uns so zu Feinden Gottes, auf die nur mehr das Gericht wartet?

Wie groß sind deine Werke, HERR, wie tief deine Gedanken! (Psalm 92,6)

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