Römer 9,5 – Ein Bekenntnis der Gottheit Jesu Christi?

In den Kapiteln 9-11 seines Briefes an die Römer beschäftigt sich Paulus mit der Frage nach Gottes Plan für sein Volk Israel. In den ersten Versen des 9. Kapitels drückt er aus, wie sehr ihn der Unglaube seines Volkes belastet. Danach zählt er in den Versen 4-5 Dinge auf, die Gott dem Volk Israel geschenkt hat.

4 Sie sind Israeliten; ihnen gehören die Sohnschaft, die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse; ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen; 5 ihnen gehören die Väter und ihnen entstammt der Christus dem Fleische nach. Gott, der über allem ist, er sei gepriesen in Ewigkeit. Amen.

So lautet der Text in der Einheitsübersetzung von 2016. In der Einheitsübersetzung von 1980 liest sich Vers 5 so:

[…] sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen.

Der Hauptunterschied besteht im Schlussteil des Verses. Geht es hier um ein Lob Gottes oder wird hier Christus als Gott bezeichnet, der in Ewigkeit gepriesen ist?

Da der griechische Text keine Satzzeichen kennt, sind beide Übersetzungen möglich. Im Vergleich von Übersetzungen zeigt sich, dass ältere Übersetzungen, so etwa die lateinische Vulgata, das Gotteslob auf Christus beziehen, während neuere Übersetzungen hier nur ein allgemeines Lob Gottes sehen.

Diese Tendenz sieht man nicht nur bei der Einheitsübersetzung, sondern auch in der Lutherbibel.

1545: […] welcher auch sind die Veter / aus welchen Christus her kompt nach dem Fleische / Der da ist Gott vber alles / gelobet in ewigkeit / Amen.

1912: […] welcher auch sind die Väter, und aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

1984: […] denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. 

2017: […] denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit. Amen.

Bruce M. Metzger hat in seinem textkritischen Kommentar (A textual Commentary on the Greek New Testament, Second Edition, Stuttgart 1994, 459-462) wichtige Argumente zur Beurteilung dieser Frage zusammengestellt. Er bringt die Argumente beider Seiten.

Zum besseren Verständnis der Argumente ist es gut, den griechischen Text mit einfacher Transkription und annähender wörtlicher Übersetzung vor Augen zu haben:

ὧν οἱ πατέρες καὶ ἐξ ὧν ὁ Χριστὸς τὸ κατὰ σάρκα, ὁ ὢν ἐπὶ πάντων θεὸς εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας, ἀμήν.

hōn hoi pateres kai ex hōn ho Christos to kata sarka, ho ōn epi pantōn theos eulogētos eis tous aiōnas, amēn.

deren die Väter und aus denen der Christus nach dem Fleisch, der seiend über allen Gott gepriesen in die Äonen, amen.

Folgende Argumente sprechen für die traditionelle Sicht, dass Jesus als Gott gepriesen wird:

  • Die Interpretation, die die Stelle auf Christus bezieht, entspricht der Struktur des Satzes. Das andere Verständnis, das die Worte als einen asyndetischen, d. h., nicht durch eine Konjunktion verbundenen Lobpreis Gottes des Vaters sieht, ist unbeholfen und unnatürlich. „Die Nebeneinanderstellung von ‚der Christus nach dem Fleisch‚ und ‚der seiend usw.‚ scheint einen Wechsel des Subjekts unwahrscheinlich zu machen.“ (Westcott)
  • Wenn der Satzteil „der seiend usw.“ ein unverbundener Lobpreis Gottes des Vaters ist, ist das Wort seiend überflüssig. „Er, der Gott über alles ist“ wird am einfachsten durch ὁ ἐπὶ πάντων θεὸς ausgedrückt. Die Anwesenheit des Partizips seiend weist darauf hin, dass der Nebensatz die Funktion eines Relativsatzes hat (nicht „Er, der ist …“, sondern, „der ist …“), und so Christus als „Gott über allen“ beschreibt.
  • Theodor Zahn (Der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 1910, 433, Anm. 78) hat darauf hingewiesen, dass paulinische Doxologien (Lobpreisungen Gottes) niemals asyndetisch sind, sondern immer eingeflochten werden: Römer 1,25; 2 Korinther 11,31; Galater 1,5; 2 Timotheus 4,18; Römer 11,36; Epheser 3,21; Philipper 4,20; 1 Timotheus 1,17.
  • Nicht nur in der Bibel, sondern auch in semitischen Inschriften werden unverbundene Doxologien anders konstruiert. Das Verb oder Verbaladjektiv (gepriesen) geht dem Namen Gottes immer voraus und folgt ihm nicht, wie es in Römer 9,5 der Fall ist. Z. B. Genesis 24,27: Gepriesen sei der HERR, der Gott meines Herrn Abraham …
  • Der Zusammenhang ist Pauli Kummer über den Unglauben Israels. Es scheint keinen psychologischen Grund dafür zu geben, hier einen Lobpreis Gottes einzuführen.

Als Grund dafür, diese Doxologie nicht auf Christus zu beziehen, erwähnt Metzger, dass Paulus in seinen echten Briefen Christus niemals als Gott bezeichnet. Es wird auf der Grundlage des allgemeinen Tenors der paulinischen Theologie als so gut wie unmöglich betrachtet, dass Paulus die Größe Christi dadurch ausgedrückt hätte, dass er ihn „Gott, gepriesen für immer“ genannt hätte. In einer Fußnote weist Metzger darauf hin, dass Titus 2,13 („während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.“) allgemein als deuteropaulinisch betrachtet wird.

Wenn der Titusbrief aber keine „deuteropaulinische“ Fälschung ist, sondern tatsächlich von Paulus verfasst wurde, dann haben wir in diesem Brief ein Beispiel dafür, dass Jesus von Paulus tatsächlich als Gott bezeichnet wurde.

Überdies geht Paulus auch an Stellen, wo er nicht das Wort „Gott“ für Jesus verwendet, von der Gottheit Jesu aus. Ein Beispiel ist Römer 10,9-13, wo Joel 3,5, das vom JHWH spricht, auf Jesus bezogen wird. Auch Philipper 2,6-11 bezeugt die göttliche Natur Jesu. Ebenso Kolosser 1,15-17, wo er der Ursprung und das Ziel der Schöpfung ist. Insofern entspricht es durchaus dem „Tenor der paulinischen Theologie“ Jesus als Gott zu bezeichnen, auch wenn in der Regel dieses Wort für den Vater verwendet wird, Jesus aber als der „Herr“, der aber ebenso wie der Vater über allem steht, bezeichnet wird.

Jesus ist Gott. Das soll keine theoretische Erkenntnis bleiben. Wir sollen und dürfen ihm durch ein Leben nach seinen Worten die Ehre geben, die ihm, dem Ewigen, gebührt.

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