Die Pastoralbriefe – von Paulus?

„Pastoralbriefe“ werden seit dem 18. Jahrhundert die Paulusbriefe an Timotheus und Titus genannt. Die überwältigende Mehrheit der heutigen protestantischen und katholischen Theologen (vor allem im deutschsprachigen Raum) geht davon aus, dass diese Briefe nicht von Paulus stammen. Ich werde mich mit den wichtigsten von den Theologen verwendeten Argumenten auseinandersetzen. Ich verwende dazu das Standardwerk von Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 9., durchgesehene Auflage, Göttingen 2017, S.406-410.

Vor dem Eingehen auf die Argumente ist festzuhalten, dass bei jedem Dokument davon auszugehen ist, dass es von dem im Text genannten Verfasser geschrieben wurde, solange man keine überzeugenden Argumente gegen die Autorschaft dieses Verfassers hat. In vielen Fällen, etwa bei den sich auf apostolische Autoren berufende apokryphe Evangelien, gibt es eindeutige Gründe, die gegen den im Dokument genannten Verfasser sprechen. Als Beispiel sei auf das „Barnabasevangelium“ hingewiesen, bei dem aus zahlreichen Gründen klar ist, dass es unmöglich von Barnabas geschrieben sein kann. Ebenso klare Gründe müssen wir uns erwarten, wenn die Pastoralbriefe nicht von Paulus stammen sollten.

Nun zu den von Schnelle angeführten Gründen im Detail:

1 Die historische Situation passt nicht.

Die in den Briefen vorausgesetzte historische Situation lässt sich weder mit den Angaben der Apg noch der Protopaulinen in Übereinstimmung bringen. (Schnelle, Seite 406)

Mit „Protopaulinen“ sind die allgemein als „echt“ anerkannten Paulusbriefe gemeint, nämlich: Römer, 1/2 Korinther, Galater, Philipper, 1 Thessalonicher, Philemon.

Dieses Argument ist nicht zwingend, da die Apostelgeschichte nicht mit dem Tod von Paulus endet, sondern mit dem Ende seiner ersten römischen Gefangenschaft im Jahr 62. Es muss auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass Paulus diese Briefe erst später verfasst hat. Nach dem Zeugnis von Klemens von Rom (1 Klemens 5) kam Paulus in der neronischen Christenverfolgung (64-68) um. Es gab daher noch einen Zeitraum von mehreren Jahren zwischen dem Ende der Apostelgeschichte und dem Tod von Paulus.

Die meisten derer, die an der Echtheit der Pastoralbriefe festhalten, nehmen eine Abfassung dieser Briefe in den letzten Lebensjahren von Paulus an. Es gab aber auch den Versuch von J.A.T. Robinson (Redating the New Testament, 1975), die Pastoralbriefe in den von der Apostelgeschichte abgedeckten Zeitraum einzuordnen. Meine Argumentation ist von Robinson beeinflusst, wenn sie ihm auch nicht immer folgt.

1.1 Zum 1. Timotheusbrief

Nach 1 Tim 1,3 hielt sich Timotheus in Ephesus auf, während Paulus von dort aus nach Makedonien zog. Der Apostel wollte bald nach Ephesus zurückkehren (1 Tim 3,14; 4,13), er befand sich also auf freiem Fuß; Hinweise auf eine Gefangenschaft lassen sich dem Brief nicht entnehmen. Nach Apg 19,22 reiste nicht Paulus nach Makedonien und Timotheus blieb in Ephesus, sondern umgekehrt wurde Timotheus vom in Ephesus weilenden Apostel nach Makedonien vorausgeschickt. Er ist dann Mitverfasser des in Makedonien geschriebenen 2 Kor und zählt nach Apg 20,4 zur Kollektendelegation, die mit Paulus nach Jerusalem reiste. Auch inhaltliche Ungereimtheiten ergeben sich aus den Situationsangaben des Briefes. Timotheus war über lange Jahre der engste Mitarbeiter des Paulus, und er wurde nach 1 Tim 1,3 vor der Abreise des Apostels noch einmal ausdrücklich ermahnt, gegen die Irrlehrer vorzugehen. Welche Funktion hat der Brief angesichts der nur kurzen Abwesenheit des Paulus (1 Tim 3,14; 4,13)? Welche Themen und Probleme werden in dem Brief angesprochen, die Timotheus aus seiner langjährigen Mitarbeit in der paulinischen Mission nicht schon längst bekannt waren? (Schnelle, S. 406)

1.1.1 Der 1. Timotheusbrief und die Apostelgeschichte

Dass die von Schnelle angesprochene Situation von Apostelgeschichte 19,22 nicht passt, ist offensichtlich. Es war gerade umgekehrt, als in 1 Timotheus vorausgesetzt wird.

Die Lösung muss in Apostelgeschichte 20 gesucht werden.

Nachdem der Tumult sich gelegt hatte, rief Paulus die Jünger zusammen und sprach ihnen Mut zu. Dann verabschiedete er sich und ging weg, um nach Mazedonien zu reisen. Er zog durch die dortigen Gegenden und sprach oft und eindringlich zu den Jüngern. Dann begab er sich nach Griechenland; dort blieb er drei Monate. Als er mit dem Schiff nach Syrien fahren wollte, planten die Juden einen Anschlag auf ihn. So entschloss er sich, den Rückweg über Mazedonien zu nehmen. Dabei begleiteten ihn Sopater, der Sohn des Pyrrhus, aus Beröa, Aristarch und Secundus aus Thessalonich, Gaius aus Derbe und Timotheus sowie Tychikus und Trophimus aus der Provinz Asien. Diese reisten voraus und warteten auf uns in Troas. Nach den Tagen der Ungesäuerten Brote segelten wir von Philippi ab und kamen in fünf Tagen zu ihnen nach Troas, wo wir uns sieben Tage aufhielten. (Apostelgeschichte 20,1-6)

Vers 1 berichtet über die Abreise von Paulus aus Ephesus. Timotheus wird in Vers 4 als Begleiter von Paulus erwähnt. Der Text der Apostelgeschichte spricht über die Reisen von Paulus, nicht aber im Detail über die Reisen von Timotheus. Klar ist, dass Timotheus gemeinsam mit einigen anderen Jüngern Paulus nach Troas vorausgereist ist. Unklar ist, von welchem Ort aus das geschah. Es ist nicht gesagt, dass Timotheus gemeinsam mit Paulus aus Ephesus abgereist ist. Es ist also durchaus möglich, dass Paulus Timotheus in Ephesus zurückgelassen hat, und kurz danach den Brief an ihn geschrieben hat.

In 1 Tim 3,14 und 4,13 drückt Paulus die Hoffnung aus, bald nach Ephesus zurückzukehren. Das ist, wenn wir Apostelgeschichte 20 als Hintergrund annehmen, offensichtlich nicht geschehen. Eine Planungsänderung ist jedoch von vornherein nicht auszuschließen. Es kann starke Gründe gegeben haben, warum Paulus seine Pläne geändert hat. Dass der 1. Timotheusbrief nicht reibungslos in die Angaben der Apostelgeschichte hineinpasst, ist eher ein Argument für die Echtheit. Ein späterer Fälscher hätte sich bemüht, in Harmonie mit den Angaben der Apostelgeschichte zu schreiben. Auch beim allgemein als echt angesehenen 1. Thessalonicherbrief gibt es Spannungen zwischen dem Brief und der Erzählung der Apostelgeschichte. In beiden Fällen lassen sich diese Spannungen aber auflösen. Grundsätzlich spricht nichts gegen die Platzierung des 1. Timotheusbriefs in den Zeitraum, der zwischen Apostelgeschichte 20,1 und 20,4 liegt.

1.1.2 Inhaltliche „Ungereimtheiten“

Der 1. Timotheusbrief ist kein reiner Privatbrief. Wir dürfen in der Tat annehmen, dass vieles von dem, was Paulus seinem Mitarbeiter schrieb, für Timotheus nicht neu war. Der Brief war indirekt auch für die Gemeinde bestimmt.

Die Gemeinde in Ephesus war für damalige Verhältnisse zahlenmäßig relativ groß. Die Gemeinde hatte keine eigenen Kirchengebäude oder Kathedralen. Sie trafen sich in Hausgemeinden, die aufgrund der baulichen Gegebenheiten nicht allzu groß sein konnten. Das war durchaus gewollt, da nur in einer überschaubaren Gemeinschaft jeder die Möglichkeit hat, sich aktiv einzubringen. Da die junge Gemeinde im Wachsen begriffen war, ist anzunehmen, dass immer wieder neue Hausgemeinden entstanden. Da war es wichtig, dass dort Älteste eingesetzt werden. Das war eine der Aufgaben von Timotheus. Die Auflistung der Eigenschaften, die von einem Verantwortungsträger erwartet werden (in 1 Timotheus 3), wäre nur für Timotheus nicht nötig gewesen. Durch den Brief von Paulus hatte Timotheus auch den nötigen Rückhalt vonseiten des Apostels.

Auch Aussagen wie „Niemand soll dich wegen deiner Jugend gering schätzen“ (1 Tim 4,12) richten sich klar an die Gemeinde, auch wenn formell Timotheus angesprochen wurde. Auch wenn die Zeit, in der Timotheus die Hauptverantwortung in Ephesus hatte, relativ kurz war, war es doch gut, dass er für seine Aufgabe sich auf den Brief von Paulus berufen konnte. Auch für die Abwehr von Irrlehrern war es gut, wenn der junge Timotheus auf Paulus verweisen konnte.

1.2 Zum 2. Timotheusbrief

Schreibt Paulus den 1 Tim/Tit mitten aus seiner missionarischen Tätigkeit heraus, so erscheint er im 2 Tim als leidender Gefangener (2 Tim 1,8.12.16; 2,9), dem Tode nahe (2 Tim 4,6.8). Warum bittet er angesichts dieser Situation Timotheus, einen in Troas zurückgelassenen Mantel und Bücher mitzubringen (vgl. 2 Tim 4,13)? Nach 2 Tim 1,15; 4,10f.16 haben alle Mitarbeiter – bis auf Lukas – Paulus verlassen, in 2 Tim 4,21 hingegen richtet Paulus die Grüße von vier Mitarbeitern und ‚allen Brüdern‘ aus! Trophinus (sic!) blieb nach 2 Tim 4,20 krank in Milet zurück, nach Apg 21,29 begleitete er Paulus bis nach Jerusalem. Unerklärlich bleibt schließlich, warum sich Timotheus des gefangenen Paulus schämen sollte (vgl. 2 Tim 1,8). (Schnelle, S. 406)

1.2.1 Der 2. Timotheusbrief und die Apostelgeschichte.

Die klassische Annahme ist, dass Paulus diesen Brief während seiner zweiten römischen Gefangenschaft geschrieben habe. Für Rom spricht 2 Timotheus 1,16-17:

16 Dem Haus des Onesiphorus schenke der Herr sein Erbarmen, denn Onesiphorus hat mich oft getröstet und hat sich meiner Ketten nicht geschämt; 17 vielmehr hat er, als er nach Rom kam, unermüdlich nach mir gesucht, bis er mich fand.

Robinson (S. 81-82) denkt jedoch, dass dieser Vers nicht notwendigerweise für Rom als Abfassungsort spricht. Es wird hier nur gesagt, wo Onesiphorus Paulus gesucht hat, nicht aber, wo er ihn fand. Es könnte sein, dass er in Rom, wo er Paulus gesucht hatte, erfahren hatte, dass dieser in Cäsarea ist, und sich dann auf den Weg quer über das halbe Mittelmeer gemacht hat, um ihn dort zu finden. Diese Erklärung scheint auf den ersten Blick seltsam, ist aber nicht unmöglich.

2 Timotheus 4,6.8 spricht nicht von einer unmittelbaren Lebensgefahr, wie sie in der zweiten römischen Gefangenschaft bestanden hat, aber von einem Wissen darum, dass sein Leben dem Ende entgegengeht. So konnte er Timotheus bitten, zu ihm zu kommen, auch wenn die Reise mehrere Wochen dauern würde. In der neronischen Verfolgung hätte Timotheus durch einen Besuch sein eigenes Leben in höchstem Maße gefährdet. Das hätte Paulus nicht von ihm erwartet. In Cäsarea, wo Paulus nach Apostelgeschichte 24,23 die Erlaubnis hatte, mit „den Seinen“ in Kontakt zu sein, bestand für Timotheus kein Risiko. Wenn Troas am Reiseweg von Timotheus war, dann ist die Bitte nach dem Mantel und den Büchern in 2 Timotheus 4,13 verständlich.

Zwischen 2 Timotheus 4,20 und Apostelgeschichte 21,29 besteht nur dann ein Problem, wenn man annimmt, dass sich 2 Timotheus 4,20 („Trophimus musste ich krank in Milet zurücklassen.“) auf die Reise nach Jerusalem bezieht. Dann wäre es in der Tat nicht möglich gewesen, dass Trophimus in Jerusalem gesehen wurde. Es könnte aber auch umgekehrt gewesen sein, dass Trophimus zuerst mit Paulus in Jerusalem war und anschließend von Paulus anderswohin gesandt wurde. Unterwegs erkrankte Trophimus in Milet, sodass er dortblieb. Auch wenn Paulus nicht bei Trophimus in Milet war, konnte er es so ausdrücken, dass er ihn dort zurücklassen musste, weil er eigentlich an einen anderen Ort reisen sollte.

Es gibt auch eine Parallele zwischen 2 Timotheus 4,17 und Apostelgeschichte 23,11.

16 Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden. 17 Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Völker sie hören; und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen. (2 Timotheus 4,16-17)

In der folgenden Nacht aber stand der Herr bei ihm und sprach: Sei guten Mutes! Denn wie du meine Sache in Jerusalem bezeugt hast, so musst du sie auch in Rom bezeugen. (Apostelgeschichte 23,11; Elberfelder)

Es muss sich nicht zwingend um dasselbe Ereignis handeln. Aber die ähnliche Formulierung ist bedenkenswert. Im Falle einer echten Parallele wüssten wir auch, was Paulus mit seiner ersten Verteidigung gemeint hat, nämlich seine Verteidigung vor dem Hohen Rat in Jerusalem.

1.2.2 Innere Widersprüche?

2 Timotheus 1,15 spricht davon, dass sich alle in der Provinz Asien von Paulus abgewendet haben. Was das genau heißt, ist nicht einfach zu sagen. Es geht gewiss nicht um alle Christen der Provinz, vermutlich um einige Mitarbeiter. Auf keinen Fall geht es um die Menschen in der Umgebung von Paulus, was Schnelle irrtümlicherweise annimmt.

In 2 Timotheus 4,10f informiert Paulus Timotheus über einige seiner Mitarbeiter, von denen nur noch Lukas bei Paulus ist. Demas hat vermutlich im Zuge der Schwierigkeiten rund um die Gefangennahme von Paulus in Jerusalem die Flucht ergriffen, was aber nicht heißt, dass er vom Glauben abgefallen ist. Kreszenz und Titus wurden von Paulus an die genannten Orte gesandt. Die in 2 Timotheus 4,21 genannten Geschwister dürften nicht zum engsten Mitabeiterkreis von Paulus gehört haben, „alle Brüder“ meint wohl alle Gläubigen aus Cäsarea.

„Die erste Verteidigung“ (2 Timotheus 4,16) dürfte sich nach der oben erwähnten Parallele auf Apostelgeschichte 23 beziehen, wo sich Paulus Hilfe von der Gemeinde in Jerusalem erwartet hatte, welche aber ausblieb. Auch hier gibt es keine Spannung zu 2 Timotheus 4,21.

2 Timotheus 1,8 ist eine Ermutigung für Timotheus, sich nicht des Zeugnisses für den Herrn und auch nicht Pauli zu schämen. Es ist nicht ganz so unerklärlich, wie Schnelle das schreibt. Zum Ersten wird nicht gesagt, dass Timotheus sich tatsächlich deswegen geschämt hat. Es ist eine Ermutigung. Für Timotheus war es vielleicht nicht so einfach, die Gefangennahme seines Lehrers, mit dem er in tief verbunden war, zu tragen. Da war es nur allzu verständlich, dass Paulus sein „geliebtes Kind“ ermuntert. Vermutlich hat Herr Schnelle noch nie versucht, in einer feindlichen Umgebung das Evangelium zu verkünden. Auch Paulus schreibt über sich selbst, dass er sich des Evangeliums nicht schämt (Römer 1,16). Die Ermunterung von 2 Timotheus 1,8 spricht stärker für die Echtheit des Briefes als dagegen. In einer späteren Zeit, in der sowohl Paulus als auch Timotheus als große Vorbilder gesehen wurden, wäre man nicht so leicht auf die Idee gekommen, dass Timotheus diese Ermunterung gebraucht hätte.

Fazit: Auch beim 2. Timotheusbrief sind die von Schnelle genannten Probleme nicht unüberwindlich.

1.3 Zum Titusbrief

Als Verfasser des Tit kommt Paulus nicht in Frage, denn von der im Brief vorausgesetzten gemeinsamen Mission auf Kreta und einer Überwinterung des Paulus in Nikopolis (Tit 3,12) berichten weder die authentischen Paulusbriefe noch die Apg. Lediglich in Apg 27,7f wird Kreta als eine Station auf der Romreise des gefangenen Paulus erwähnt. Eine inhaltliche Spannung besteht zwischen dem in Tit 3,12 geäußerten Wunsch, Titus möge so schnell wie möglich zu Paulus kommen, und Tit 1,5, wo er den Auftrag erhält, durch die Städte Kretas zu ziehen und Älteste einzusetzen. (Schnelle, Seite 406)

1.3.1 Der Titusbrief und die Apostelgeschichte

Es stimmt, dass wir weder in der Apostelgeschichte noch in einem der anderen Paulusbriefe etwas über eine Mission von Paulus auf Kreta lesen. Nur auf seiner Reise als Gefangener nach Rom kam Paulus kurz dorthin. Als Lösungsmöglichkeit bliebe wie auch bei den beiden Timotheusbriefen eine Abfassungszeit nach dem Jahr 62, über die die Apostelgeschichte nicht berichtet.

In Titus 1,5 heißt es:

Ich habe dich in Kreta deswegen zurückgelassen, damit du das, was noch zu tun ist, zu Ende führst und in den einzelnen Städten Älteste einsetzt, wie ich dir aufgetragen habe, […]

Das setzt nicht zwingend voraus, dass Paulus selbst in Kreta war. Aus den Korintherbriefen wissen wir, dass Titus wiederholt im Auftrag von Paulus unterwegs war. Es ist durchaus möglich, dass Paulus Titus zur Verkündigung nach Kreta gesandt hat und er ihm später den Auftrag gab, noch weiter auf der Insel zu bleiben, um in den neu entstandenen Gemeinden Älteste einzusetzen. Paulus ließ Titus dort, damit er sein Werk fortführen konnte. Robinson beschreibt auf Seite 87 eine Situation, in die die Missionsreise von Titus nach Kreta gut passen würde. Es wäre während des Aufenthalts von Paulus in Korinth auf seiner 3. Missionsreise. Den Titusbrief könnte Paulus vor oder während seiner Reise nach Jerusalem geschrieben haben.

Titus 3,12 spricht nur von einer geplanten, nicht aber von einer tatsächlich stattgefundenen Überwinterung in Nikopolis.

Sobald ich Artemas oder Tychikus zu dir schicke, beeile dich, zu mir nach Nikopolis zu kommen; denn ich habe mich entschlossen, dort den Winter zu verbringen.

Wenn Paulus nicht in Jerusalem gefangen worden wäre, sondern als freier Mensch seinen lang gehegten Plan, nach Rom zu reisen (Römer 1,10-15; 15,32), wäre Nikopolis in Epirus ein guter Ort gewesen, um dort vor der Überquerung der Adria nach Italien zu überwintern. Diese Pläne wurden aber nicht verwirklicht, da Paulus in Jerusalem gefangen genommen wurde.

1.3.2 Innere Widersprüche?

In Titus 3,12 schreibt Paulus nicht, dass Titus, wie Schnelle interpretiert, „so schnell wie möglich“ zu ihm kommen soll, sondern er schreibt über seine Pläne. Titus soll seine Aufgabe auf Kreta erfüllen, bis er durch Artemas oder Tychikus ersetzt werden wird. Wenn der Titusbrief im Frühling (vor Pfingsten) des Jahres 57 geschrieben wurde und Paulus über den Ort der Überwinterung schrieb, dann konnte Titus noch einige Monate seine Aufgabe weiterführen, bevor er sich auf den Weg nach Nikopolis machte. Spätestens Ende September sollte er dort sein. Die von Schnelle angeführte Spannung besteht nicht.

1.4 Zusammenfassung

Wir haben bei allen drei Briefen gesehen, dass eine Einfügung in den von der Apostelgeschichte vorgegebenen Rahmen möglich ist. Wenn diese nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, spricht das eher für die Echtheit der Briefe. Ein späterer Fälscher hätte sich mehr bemüht, in Harmonie mit der Apostelgeschichte zu sein.

Möglich wäre auch eine Abfassung der Pastoralbriefe nach der von der Apostelgeschichte abgedeckten Zeit.

Auch die von Schnelle angeführten inneren Spannungen oder Widersprüche können aufgelöst werden.

2 Probleme der dritten urchristlichen Generation?

In den Past spiegeln sich die Probleme der dritten urchristlichen Generation wider. So ist die kirchliche Verfassung weiter fortgeschritten als bei Paulus. Nicht mehr die Hausgemeinde, sondern die nach dem Modell des antiken Hauses gegliederte Ortsgemeinde (vgl. 1 Tim 3,15; 2 Tim 2,20f; Tit 1,7) bildet die vorherrschende Organisationsstruktur. Episkopen, Presbyter und Diakone werden durch Handauflegung anderer kirchlicher Autoritäten auf Dauer in ihr Amt eingeführt, und sie haben das Recht auf Unterhalt (vgl. 1 Tim 1,18; 3,1-7.8-13; 4,14; 5,17-22; 2 Tim 1,6; 2,1f; Titus 1,5-9). Die charismatisch-funktionale Gemeindestruktur des Paulus (vgl. 1 Kor 12,4-11.28f; Röm 12,3-8) wurde durch ein System von Amtsträgern ersetzt. Als Führungspersönlichkeiten gilt ihnen das öffentliche Interesse, und sie müssen sich entsprechend verhalten (vgl. 1 Tim 3,7.10; 5,8.14; 6,11ff; Tit 2,5-8). Von grundlegender Bedeutung ist die apostolische Glaubenstradition, die als ‚gesunde Lehre‘ erscheint (vgl. 1 Tim 1,10). Zu ihr bekennen sich die Amtsträger bei ihrer Einführung vor Zeugen (vgl. 1 Tim 6,12f; ferner 4,6). Die Auseinandersetzung mit dem Judentum hat keine Bedeutung mehr, im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Stellung der christlichen Gemeinde in einer nichtchristlich-heidnischen Umwelt. Als Maxime gilt hier: Die Christen sollen die Obrigkeit respektieren und in Frömmigkeit und Rechtschaffenheit unauffällig leben (vgl. 1 Tim 2,2). (Schnelle, Seite 406-407)

2.1 Hausgemeinde vs. Ortsgemeinde?

Die christlichen Gemeinden haben sich sowohl im ersten als auch im frühen zweiten Jahrhundert (Schnelle nimmt eine Abfassung der Pastoralbriefe um 100 n. Chr. an) ausschließlich in Privathäusern versammelt. Damals wurden keine eigenen christlichen Versammlungshäuser gebaut. Die Struktur war auch im zweiten Jahrhundert noch die der Hausgemeinde. Wenn es in einer Stadt aufgrund der großen Anzahl von Christen mehrere Hausgemeinden gab, haben diese sich immer als eine einzige Gemeinde verstanden. So rief Paulus in Apostelgeschichte 20,17 die Ältesten der Gemeinde (Einzahl) von Ephesus zu sich, obwohl es in Ephesus sicher mehr Christen gab, als sich in einer Hausgemeinde versammeln konnten. Die Ortsgemeinde konnte sich schon aus Platzgründen nur in Hausgemeinden organisieren. Außerdem ist christliches Gemeindeleben, das voraussetzt, dass die Brüder und Schwestern einander gut kennen, nur in kleineren Einheiten möglich. Der Gegensatz „Hausgemeinde – Ortsgemeinde“ existierte weder zur Zeit von Paulus noch am Anfang des 2. Jahrhunderts.

Dass in den von Schnelle erwähnten Stellen (1 Timotheus 3,15; 2 Timotheus 2,20f; Titus 1,7) das Bild des Hauses für die Gemeinde verwendet wird, stimmt. Doch kommt dieses Bild auch in 1 Korinther 3,9-17 vor. In Galater 6,10 spricht Paulus von den „Hausgenossen des Glaubens“.

2.2 Episkopen, Presbyter, Diakone

Episkopen, Presbyter und Diakone kommen in den Pastoralbriefen nicht als drei verschiedene Ämter vor, was Schnelle auf Seite 410 etwas verklausuliert auch zugibt:

Die Ämterstruktur in den Past unterscheidet sich von der Ordnung, die bei Ignatius und Polykarp für die Zeit zwischen 110 n. Chr. und 130 n. Chr. vorauszusetzen ist.

Den Ignatiusbriefen ist zu entnehmen, dass Ignatius eine Ordnung propagiert, in der es Diakone, Presbyter und an der Spitze einen einzigen Episkopen gibt. In den Pastoralbriefen ist das nicht der Fall. Titus 1,5-7 verwendet die Bezeichnungen „Presbyter“ (Ältester) und „Episkopos“ (Aufseher / „Bischof“) austauschbar.

Ich habe dich in Kreta deswegen zurückgelassen, damit du das, was noch zu tun ist, zu Ende führst und in den einzelnen Städten Älteste einsetzt, wie ich dir aufgetragen habe, wenn einer unbescholten und Mann einer einzigen Frau ist, mit gläubigen Kindern, die nicht unter dem Vorwurf der Liederlichkeit stehen oder ungehorsam sind. Denn der Bischof muss unbescholten sein als Haushalter Gottes, nicht überheblich und jähzornig, kein Trinker, nicht gewalttätig, nicht habgierig, […]

Die Bezeichnung „Ältester“ scheint eher die Würde der Aufgabe auszudrücken, das Wort „Aufseher“ den Inhalt. Er soll auf seine Brüder und Schwestern schauen, sich um sie kümmern.

Dieselbe austauschbare Verwendung der Begriffe „Presbyter“ und „Episkopos“ finden wir auch in der Apostelgeschichte.

Von Milet aus schickte er jemanden nach Ephesus und ließ die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen. (Apostelgeschichte 20,17)

Gebt Acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Vorstehern (griechisch: episkopoi) bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche des Herrn sorgt, die er sich durch sein eigenes Blut erworben hat! (Apostelgeschichte 20,28)

Vers 28 ist ein Teil der Rede, die Paulus an die Ältesten von Ephesus gerichtet hat.

Auch im allgemein als echt angesehenen Philipperbrief werden die Episkopen und Diakone erwähnt.

Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit ihren Vorstehern und Helfern. (Philipper 1,1)

Im Griechischen steht dort: „episkopoi“ und „diakonoi“. Die Pastoralbriefe haben keine andere „Ämterstruktur“ als der Philipperbrief. Wenn der Philipperbrief von Paulus ist, warum spricht man ihm die Pastoralbriefe ab?

2.3 Handauflegung

In den Pastoralbriefen wird die Handauflegung dreimal erwähnt. An zwei Stellen (1 Timotheus 4,14; 2 Timotheus 1,6) wird Timotheus daran erinnert, dass ihm durch die Handauflegung durch die Ältestenschaft bzw. Paulus eine Gnadengabe geschenkt wurde. Es geht dort nicht um eine Handauflegung zur Einführung in ein Amt. Vermutlich geht es um die Situation, als Paulus Timotheus als Begleiter auf seine Missionsreise mitnahm (Apostelgeschichte 16,1-3). Auch Paulus wurden, als er auf seine erste Missionsreise gesandt wurde, die Hände aufgelegt (Apostelgeschichte 13,3). Die Handauflegung durch die Ältesten und durch Paulus sollten Timotheus in seinem Dienst bestärken. Zugleich sollte ihm Gott die nötigen Gnadengaben dazu schenken. Timotheus war kein Diakon oder Presbyter, sondern ein Mitarbeiter des Apostels, der in dessen Auftrag selber Presbyter und Diakone einsetzen sollte, so wie es auch Paulus in verschiedenen Gemeinden getan hatte (Apostelgeschichte 14,23).

In 1 Timotheus 5,22, der dritten Stelle, an der es um das Handauflegen geht, heißt es:

Lege keinem vorschnell die Hände auf und mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden; bewahre dich rein!

Hier könnte es tatsächlich um die Einführung in ein Amt gehen. Vom Zusammenhang wäre aber auch die Rehabilitierung bestrafter Sünder gehen. Besonders die Warnung, sich nicht an fremden Sünden mitschuldig zu machen, weist in diese Richtung.

Die Handauflegung wurde bereits in der frühen Urgemeinde praktiziert, wie man in Apostelgeschichte 6,6 bei der Erwählung der sieben „Diakone“ lesen kann.

Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf.

Warum die Handauflegung als Argument für eine nachpaulinische Zeit sprechen soll, bleibt rätselhaft.

2.4 Recht auf Unterhalt

Ebenso wenig ist das in 1 Timotheus 5,17-18 erwähnte Recht auf Unterhalt für „die Ältesten, die gut vorstehen“ ein Hinweis auf eine Zeit nach Paulus. Paulus beruft sich auf ein Wort Jesu (Lukas 10,7). Auch in 1 Korinther 9,3-14 schreibt Paulus vom Recht der Apostel auf Unterhalt, das er selber allerdings nicht in Anspruch genommen hat. In 1 Timotheus 5 geht es zwar nicht um Apostel, sondern um Älteste. Doch schreibt Paulus auch in Gal 6,6:

Wer im Wort des Evangeliums unterwiesen wird, lasse den, der ihn unterweist, an allen Gütern teilhaben.

Das ist sinngemäß nicht viel anders als 1 Timotheus 5,17-18.

2.5 Charismatisch-funktionale Gemeindestruktur vs. System von Amtsträgern?

Es wird hier ein Scheingegensatz konstruiert, der vermutlich auch darin seinen Grund hat, dass Herr Schnelle (und auch alle anderen Theologen) niemals erlebt haben, wie auch heute das Leben einer christlichen Gemeinde aussieht, sondern nur ihre im Formalismus erstarrten Konfessionen kennen. Es ist kein Widerspruch, dass es einerseits Menschen gibt, denen eine besondere Verantwortung für die jeweilige Gemeinde gegeben wird, und andererseits jeder einzelne Gläubige die Verantwortung hat, sich selbst voll und ganz in das Gemeindeleben einzubringen. Eine christliche Versammlung des ersten Jahrhunderts bestand eben nicht aus einem Ritus und einem Vortrag, dem die Masse stumm folgte.

Wie wir bereits gesehen haben, kannte die Gemeinde von Anfang an Menschen, die eine besondere Verantwortung für ihre Geschwister hatten, auch die paulinischen Gemeinden. Neben Philipper 1,1, sei noch 1 Thess 5,12-13 genannt, eine Stelle aus einem der frühesten uns erhaltenen Paulusbriefe.

12 Wir bitten euch, Brüder: Erkennt die an, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen! 13 Achtet sie äußerst hoch in Liebe wegen ihres Wirkens! Haltet Frieden untereinander!

Doch gleich danach, im Vers 14 werden alle Brüder und Schwestern ermahnt und ermuntert, sich umeinander zu kümmern.

Auch in 1 Korinther 12, wo Paulus über die Geistesgaben schreibt, erwähnt er:

Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. (1 Korinther 12,5)

Unterschiedliche Briefe haben unterschiedliche Themen. Die Gnadengaben, von denen wir in Römer 12 oder 1 Korinther 12-14 lesen, werden auch in anderen „echten“ Paulusbriefen nicht in dieser Weise thematisiert. Ebenso wenig waren sie ein Thema in den Briefen, die Paulus an seine Mitarbeiter Timotheus und Titus schrieb. Da diese beiden Brüder die Aufgabe hatten, in ihrem jeweiligen Bereich auch Älteste einzusetzen, ist klar, dass sich die Briefe damit beschäftigen.

Dass sich Christen so verhalten, dass Außenstehende keinen Anstoß daran nehmen, sollte klar sein. Das gilt natürlich umso mehr für diejenigen, die die Gemeinde nach außen hin repräsentieren. Das galt zur Zeit von Paulus genauso wie nach ihm:

Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf! (1 Korinther 10,32)

Unter den von Schnelle angeführten Stellen, in denen es um das Verhalten der Amtsträger geht, finden sich interessanterweise auch Worte über die jüngeren Witwen (1 Timotheus 5,14) und über die jungen Frauen (Titus 2,5), die gewiss keine Amtsträger waren. Jeder Christ soll im Bewusstsein leben, dass sein Leben seinen Glauben durch ein heiliges Leben bezeugen soll.

2.6 Apostolische Glaubenstradition, gesunde Lehre

Der Textbefund bestätigt nicht die Worte Schnelles, wonach die apostolische Glaubenstradition als „gesunde Lehre“ erscheint. An keiner der Stellen, an denen von der „gesunden Lehre“ die Rede ist (1 Timotheus 1,10; 2 Timotheus 4,3; Titus 1,9; 2,1) findet sich ein Bezug zur apostolischen Glaubenstradition. 1 Timotheus 6,3 spricht von den „gesunden Worten“ Jesu Christi. Nur in 2 Timotheus 1,13 heißt es:

Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast in Glaube und Liebe in Christus Jesus!

Hier geht es um die „gesunden Worte“, die Timotheus von Paulus gehört hat, also um die apostolische Tradition. Bei den Stellen, wo es um die „gesunde Lehre“ geht, ist der Zusammenhang vor allem ein ordentlicher Lebenswandel nach den Geboten Gottes. Es trifft zu, dass die Formulierung „gesunde Lehre“ sich nur in den Pastoralbriefen findet. Das würde eher zu den „sprachlichen Eigentümlichkeiten“ (Punkt 3) passen. Doch ist dieser Wortgebrauch Grund genug, diese Briefe Paulus abzusprechen? Sogenannte „Lasterkataloge“ wie in 1 Timotheus 1,9-10, finden wir auch sonst bei Paulus (Römer 1,29-31; 1 Korinther 6,9-10; Galater 5,19-21). Diese Dinge, die der „gesunden Lehre“ widersprechen, hat Paulus auch in anderen Briefen scharf abgelehnt.

Das Festhalten an der apostolischen Tradition finden wir bei Paulus nicht nur in den Pastoralbriefen.

Gott aber sei Dank; denn ihr wart Sklaven der Sünde, seid jedoch von Herzen der Gestalt der Lehre gehorsam geworden, an die ihr übergeben wurdet. (Römer 6,17)

Die Lehre, der die Christen in Rom gehorchten, hatte eine Gestalt, eine Form, die ihr wohl von den Aposteln gegeben wurde.

10 Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. 11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. (1 Korinther 3,10-11)

Der von den Aposteln (hier konkret: Paulus) gelegte Grund ist die Basis, auf der gebaut werden muss. Einen anderen Grund als Jesus Christus gibt es nicht.

Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, […] (1 Korinther 15,3)

Das Zeugnis der Apostel vom Tod und von der Auferstehung Jesu war von Anfang an der Grundpfeiler des Christentums.

Schnelle führte 1 Timotheus 6,12f und 4,6 als Belege dafür an, dass sich „die Amtsträger bei ihrer Einführung“ zur apostolischen Glaubenstradition bekennen. So wichtig es für alle Christen und insbesondere solche mit mehr Verantwortung ist, ganz in der Überlieferung der Apostel zu stehen, steht das trotzdem nicht in diesen Versen. Man gewinnt den Eindruck, dass sich der Autor nicht einmal die Mühe genommen hat, die von ihm angeführten Belegstellen zu lesen.

2.7 Auseinandersetzung mit dem Judentum bedeutungslos?

Pauli Mitarbeiter Timotheus und Titus waren durch ihre Zusammenarbeit mit Paulus mit der Auseinandersetzung mit dem Judentum zutiefst vertraut und brauchten keine besondere Einführung in diese Thematik. Paulus hatte nicht vor, seine Mitarbeiter in diesen drei Briefen darüber zu belehren. Trotzdem finden wir Hinweise darauf.

Die in 1 Timotheus 1,3-7 charakterisierten Irrlehrer scheinen einen jüdisch oder judaistischen Hintergrund zu haben. Sie beschäftigen sich mit „endlosen Geschlechterreihen“ (1,4) und „wollen Gesetzeslehrer sein“ (1,7). Um die Geschlechterreihen geht es auch in Titus 3,9. Ebenso weisen die in 1 Timotheus 4,3b-4 angeführten Speisegebote auf einen jüdischen Hintergrund hin. (Das in Vers 3a angesprochene Eheverbot scheint eher auf eine Frühform der Gnosis hinzuweisen.) Auch in Titus 1,10.14 ist von Gegnern „aus der Beschneidung“, d. h., aus dem Judentum die Rede. Offensichtlich war in den Pastoralbriefen die Auseinandersetzung mit dem Judentum doch nicht so bedeutungslos.

2.8 Die Gemeinde in einer nichtchristlich-heidnischen Umwelt

Für die christliche Gemeinde war es immer wichtig, wie sie sich in einer nicht-christlichen Umwelt verhält, seit Beginn der Heidenmission war das vor allem eine heidnische Umwelt. Ganz gewiss war das in Ephesus so, wo Timotheus war, als ihm Paulus seinen ersten Brief sandte, und ebenso in Kreta, wo Titus sich aufhielt. Warum das ein Argument gegen die Autorschaft von Paulus sein sollte, bleibt ein Rätsel. Dass Christen die Obrigkeit respektieren sollen, steht nicht nur in 1 Tim 2,2, sondern noch ausführlicher in Römer 13,1-7. Ein „unauffälliges Leben in Frömmigkeit und Rechtschaffenheit“ war nicht erst in nachpaulinischer Zeit gewünscht. So schreibt Paulus in einem seiner ersten Briefe:

Wir ermahnen euch aber, Brüder, darin noch vollkommener zu werden. 11 Setzt eure Ehre darein, ruhig zu leben, euch um die eigenen Aufgaben zu kümmern und mit euren Händen zu arbeiten, wie wir euch aufgetragen haben. 12 So sollt ihr vor denen, die nicht zu euch gehören, ein rechtschaffenes Leben führen und auf niemanden angewiesen sein. (1 Thessalonicher 4,10b-12)

2.9 Zusammenfassung

Die von Schnelle als „Probleme der dritten urchristlichen Generation“ genannten Punkte betrafen genauso die erste und zweite Generation. Es gibt kein wirklich stringentes Argument gegen die Autorschaft von Paulus.

3 Sprachliche Eigentümlichkeiten

In den Past finden sich zahlreiche sprachliche Eigentümlichkeiten. Auffallend ist die große Zahl der Hapaxlegomena (Wörtern, die nur einmal im Neuen Testament vorkommen): 66 im 1 Tim, 60 im 2 Tim und 32 im Tit. Auch beim Sonderwortschatz (im Hinblick auf die anderen Paulusbriefe) nehmen die Pastoralbriefe eine Sonderstellung ein. „Die Pastoralbriefe … müßten mit ihrem zusammengefaßten Wortbestand von 3484 Worten normalerweise eine Sondergutwortzahl aufweisen, die ungefähr in der Mitte zwischen denjenigen für den 2. Korintherbrief und den Galaterbrief liegt, also um 130 herum. Faktisch weisen sie aber 335 Sondergutvokabeln auf, gut 50 mehr als der doppelt so lange Römerbrief! Das ist nun freilich eine Zahl, die sehr kräftig für die Unechtheit der Pastoralbriefe spricht.“ Charakteristische Begriffe für die Theologie der Past sind: ἀγάπη, ἁγνός, αἰών, ἀλήθεια, διδασκαλία, διδάσκειν, δικαιοσύνη, δόξα, εἰρήνη, ἐπίγνωσις, ἐπιφάνεια, εὐσέβεια, καθαρός, κακός, καλός, λόγος, μανθάνειν, μῦθος, πίστις, πνεῦμα, συνείδησις, σῴζειν, σωτήρ, ὑγιαίνειν. (Schnelle, Seite 407)

Das Zitat im Inneren des Absatzes stammt aus: R. Morgenthaler, Statistik des neutestamentlichen Wortschatzes, Zürich ³1982, Seite 38.

Sprachliche Eigentümlichkeiten sind nicht unbedingt das stärkste Argument, da begabte Schreiber mitunter auch ihren Stil ändern können. Es ist auch zu berücksichtigen, dass bei den Pastoralbriefen eine etwas andere literarische Gattung vorliegt als bei den übrigen Briefen von Paulus. Diese Briefe sind weder an Gemeinden gerichtet, noch Privatbriefe (in diese Richtung geht der Philemonbrief). Es handelt sich um Briefe an Mitarbeiter des Paulus, die auch private Aspekte enthalten, aber vor allem die geistlichen Aufgaben der Mitarbeiter zum Inhalt haben. Ich werde auch hier die einzelnen Argumente der Reihe nach durchgehen.

3.1 Hapaxlegomena

Ein Hapaxlegomenon ist ein Wort, das nur einmal im Neuen Testament vorkommt. Aus der Häufigkeit der Verwendung seltener Wörter kann man auf den Stil eines Autors schließen.

Dass in den Pastoralbriefen ein prozentuell höherer Anteil von Hapaxlegomena vorliegt als bei anderen Paulusbriefen kann nicht bestritten werden. Doch sind die Unterschiede nicht so gravierend. Beim Römerbrief sind etwas über 10 % des Wortschatzes Hapaxlegomena, beim 1. Timotheusbrief sind es etwas über 12 %, beim 2. Timotheusbrief knapp über 13 % und beim Titusbrief ca. 10,5 %. Das ist nicht übermäßig mehr. Es ist auf jeden Fall mehr als gewagt, aufgrund dieser Werte Paulus die Autorschaft dieser Briefe abzusprechen.

3.2 Der Sonderwortschatz

Mit „Sonderwortschatz“ oder „Sondergut“ sind Wörter gemeint, die nur in einer Schrift oder Gruppe von Schriften, wie den Pastoralbriefen, vorkommen. Morgenthaler hat in seiner Ermittlung der Sondergutvokabeln die drei Pastoralbriefe nicht gesondert genommen, sondern wie einen einzigen Brief zusammengefasst. Wenn man die drei Briefe nicht zusammenfasst, sieht das Ergebnis anders aus. Ich habe auf Basis der von Morgenthaler erstellten Tabellen das Sondergut jedes einzelnen Paulusbriefes festgestellt, also welche Wörter innerhalb der Paulusbriefe nur in einem einzigen Brief vorkommen. Namen von Personen, geographischen Örtlichkeiten und Völkern wurden nicht berücksichtigt.

Der Anteil der „Sonderwörter“ am Gesamtwortschatz jedes Briefes wurde von mir wie folgt festgestellt. Da die Arbeit händisch erfolgte, sind kleinere Fehler nicht auszuschließen.

Röm: 229 von 1068 = 21,44%
1Kor: 230 von 967 = 23,78%
2Kor: 178 von 792 = 22,47%
Gal: 80 von 526 = 15,21%
Eph: 85 von 529 = 16,07%
Phil: 70 von 478 = 15,63%
Kol: 54 von 431 = 12,53%
1Thess: 37 von 366 = 10,11%
2Thess: 21 von 250 = 8,40%
1Tim: 126 von 541 = 23,29%
2Tim: 80 von 458 = 17,47%
Tit: 43 von 303 = 14,19%
Phlm: 7 von 141 = 4,96%

Die Pastoralbriefe bewegen sich innerhalb der Schwankungsbreite der übrigen Paulusbriefe. Den höchsten Anteil von Sonderwörtern am Wortschatz des jeweiligen Briefs hat der 1. Korintherbrief, dessen Echtheit nicht angezweifelt wird. Knapp danach folgt der 1. Timotheusbrief. Die beiden anderen Pastoralbriefe bewegen sich im oberen Feld, aber nicht außerhalb der Schwankungsbreite. Auch hier ist wieder festzustellen, dass mit der Möglichkeit gerechnet werden muss, dass wegen der besonderen literarischen Gattung dieser drei Briefe eine höhere Anzahl von Sonderwörtern vorliegt.

Überdies hat Schnelle das Werk von Morgenthaler selektiv zitiert. Morgenthaler hat nicht nur das Sondergut untersucht, sondern auch wie es sich mit dem gemeinsamen Wortschatz zwischen den verschiedenen Paulusbriefen verhält. Dabei stellt er fest, dass die Verbindung zwischen dem 1. Korintherbrief und dem Römerbrief, was den Wortschatz betrifft, relativ schwach ist. Er erklärt sich das dadurch, dass sich der 1. Korintherbrief „weitgehend um andere Themen dreht als der Römerbrief“. (Seite 38-39)

Über die Pastoralbriefe schreibt er:

Überraschenderweise fügt sich aber die Zahl für die Pastoralbriefe […] harmonisch in die Reihe ein.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß einzig die Zahl der Sondergutwörter für eine Unechtheit der Pastoralbriefe spricht, sonst aber den reinen Zahlen der Wortstatistik nach nichts wirklich Außerordentliches zu beobachten ist.

In dieser Statistik geht es aber überhaupt nicht darum, fertige Urteile über Echtheitsfragen zu fällen. (Alle Zitate von Seite 39)

3.3 Charakteristische Begriffe

Mir ist nicht ganz klar, was Schnelle mit der Auflistung der „charakteristischen Begriffe“ bezweckte. Ich habe auf Basis der Tabelle von Morgenthaler die von Schnelle genannten Wörter und ihre Vorkommen in den Paulusbriefen zusammengestellt.

1K

2K

Ga

Eph

Ph

Ko

1Th

2Th

1Ti

2Ti

Tit

Phl

ἀγάπη / agape Liebe

9

14

9

3

10

4

5

5

3

5

4

1

3

ἁγνός / hagnos rein

2

1

1

1

αἰών / aion Äon, Ewigkeit

6

8

3

3

7

2

1

4

3

1

ἀλήθεια / aletheia Wahrheit

8

2

8

3

6

1

2

3

6

6

2

διδασκαλία / didaskalia Lehre

2

1

1

8

3

4

διδάσκειν / didaskein lehren

2

2

1

1

3

1

3

1

1

δικαιοσύνη / dikaiosyne Gerechtigkeit

33

1

7

4

3

4

1

3

1

δόξα / doxa Ehre

16

12

19

1

8

6

4

3

2

3

2

1

εἰρήνη / eirene Friede

10

4

2

3

8

3

2

3

3

1

2

1

1

ἐπίγνωσις / epignosis Erkenntnis

3

2

1

4

1

2

1

1

ἐπιφάνεια / epiphaneia Erscheinung

1

1

3

1

εὐσέβεια / eusebeia Frömmigkeit

8

1

1

καθαρός / katharos rein

1

2

2

3

κακός / kakos schlecht

15

3

1

1

1

2

1

1

1

καλός / kalos gut

5

6

2

2

1

16

3

5

λόγος / logos Wort

7

17

9

2

4

4

7

9

5

8

7

5

μανθάνειν / manthanein lernen

1

3

1

1

2

1

3

3

1

μῦθος / mythos Fabel

2

1

1

πίστις / pistis Glaube

40

7

7

22

8

5

5

8

5

19

8

6

2

πνεῦμα / pneuma Geist

34

40

17

18

14

5

2

5

3

3

3

1

1

συνείδησις / syneidesis Gewissen

3

8

3

4

1

1

σῴζειν / sozein retten

8

9

1

2

1

1

4

2

1

σωτήρ / soter Retter

1

1

3

1

6

ὑγιαίνειν / hygiainein gesund sein

2

2

4

Die in der zweiten Spalte angegebene Übersetzung dient nur zur groben Orientierung. Manche Wörter haben ein breiteres Bedeutungsspektrum als hier angegeben.

Unter den von Schnelle genannten Wörtern befinden sich einige, die zu den Grundbegriffen des Christentums gehören, oder zumindest von Paulus auch in anderen Schriften verwendet werden. Die Tabelle zeigt, dass unter den 24 Wörtern nur drei sind, die sich in keinem Paulusbrief außer den Pastoralbriefen finden. Es handelt sich um eusebeia, mythos und hygiainein. Die Wörter epiphaneia und katharos kommen außerhalb der Pastoralbriefe nur einmal in einem Paulusbrief vor, soter zweimal. Die übrigen Wörter unterscheiden sich teilweise in ihrer Häufigkeit von den anderen Paulusbriefen, kommen aber auch dort nicht selten vor. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. So finden wir z. B. das Wort hamartíaSünde, das 64-mal in den Paulusbriefen steht, 48-mal im Brief an die Römer, im Philipperbrief hingegen kein einziges Mal. Oder das Wort anakrinein – beurteilen, prüfen, verhören – kommt im 1. Korintherbrief zehnmal vor, in allen anderen Paulusbriefen nicht. Das Wort asthenés – krank, schwach – steht elfmal im 1. Korintherbrief, in allen anderen Paulusbriefen zusammen nur viermal. Die Verwendung von Wörtern hängt sehr stark mit der Thematik eines Textes zusammen. Darum sollte man aus diesen von Schnelle genannten „charakteristischen Begriffen“ keine zu großen Schlüsse in Bezug auf die Unechtheit der Pastoralbriefe ziehen.

4 Differenzen zur Theologie der Protopaulinen

Die Past weisen erhebliche Differenzen zur Theologie der Protopaulinen auf. Es fehlen Begriffe wie ‚Gerechtigkeit Gottes‘, ‚Freiheit‘, ‚Kreuz‘, ‚Sohn Gottes‘ oder ‚Leib Christi‘. Ein Reflex der spezifisch paulinischen Rechtfertigungslehre findet sich nur in Tit 3,4-7, die Antithese ‚Fleisch – Geist‘ erscheint nicht. Zudem lassen sich inhaltliche Verschiebungen feststellen. Während bei Paulus der Glaube als die Aneignungsform des Heils erscheint, dominiert im 1 Tim der Glaubensinhalt als Lehrverkündigung. Zum Zentralbegriff wird διδασκαλία, das bei 21 Belegen im Neuen Testament allein 15mal in den Past erscheint. Der Glaube tritt als rechter Glaube im Gegensatz zur Irrlehre hervor (vgl. 1 Tim 1,19; 4,1.6; 6,21; 2 Tim 2,18; 3,8) und prägt als Haltung die christliche Existenz. Der Glaube kann mit anderen Tugenden wie ‚gutes Gewissen‘ (1 Tim 1,5.19; 3,9), ‚Besonnenheit, Liebe und Heiligung‘ (1 Tim 2,15), ‚Reinheit‘ (1 Tim 4,12), ‚Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Geduld, Sanftmut‘ (1 Tim 6,11) in einer Reihe genannt werden (vgl. ferner 2 Tim 1,13; 2,22; 3,10f; Tit 2,2). Die Parusie Christi wird in den Past zur Epiphanie, sie tritt zur vorherbestimmten Zeit ein (vgl. 1 Tim 6,14; 2 Tim 4,1.8; Tit 2,13) und rückt damit zugleich in eine unbestimmte Ferne. Das Frauenbild der Past ist im Gegensatz zu den Paulusbriefen nicht vom Modell der selbstverständlichen Mitarbeit und Teilhabe, sondern vom Aufruf zur Unterordnung geprägt (vgl. 1 Tim 2,9-15; 5,14). (Schnelle, Seite 407-408)

4.1 Fehlende Begriffe

Die Briefe von Paulus waren – abgesehen vom Römerbrief – Gelegenheitsschreiben. Sie wurden in einer bestimmten Situation mit besonderen Fragen oder Sorgen und Problemen geschrieben. Aufgrund dieser verschiedenen Situationen hat Paulus nicht in allen Briefen alle Themen seiner Theologie angesprochen. Am systematischsten ist der Römerbrief, in dem Paulus seine Lehre der Gemeinde in Rom darlegen wollte. Doch finden sich nicht einmal in diesem Brief alle von Schnelle genannten Begriffe.

4.1.1 „Gerechtigkeit Gottes“

Der Begriff „Gerechtigkeit Gottes“ kommt nur im Römerbrief und im 2. Korintherbrief vor, in Letzterem nur in 5,21. Der exakte Begriff findet sich somit nur in zwei von dreizehn Paulusbriefen. Die Thematik wird auch in anderen Briefen mit anderen Formulierungen erwähnt oder behandelt, so auch im Titusbrief.

Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet – nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen – durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist. (Titus 3,4-5)

Mehr dazu unter Punkt 4.1.6.

4.1.2 „Freiheit“

Das Wort ἐλευθερία / eleutheria fehlt außer in den Pastoralbriefen in folgenden Briefen: Epheser, Philipper, Kolosser, 1 Thessalonicher, 2 Thessalonicher, Philemon. Von diesen Briefen werden drei (Philipper, 1 Thessalonicher, Philemon) allgemein als echt anerkannt. Sind diese Briefe Fälschungen, weil sie das Wort „Freiheit“ nicht enthalten?

4.1.3 „Kreuz“

Das Wort σταυρός / stauros fehlt außer in den Pastoralbriefen in folgenden Briefen: Römer, 2 Korinther, 1 Thessalonicher, 2 Thessalonicher, Philemon. Ist der Römerbrief nicht von Paulus? Woran hat der Autor von 1 Timotheus 2,6 wohl gedacht, wenn nicht an den Tod Jesu am Kreuz?

[…] der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle […]

4.1.4 „Sohn Gottes“

Obwohl (oder weil) für Paulus die Gottessohnschaft Jesu keine Frage war, schreibt er nicht in allen Briefen darüber. Im allgemein als echt angesehenen Philipperbrief schreibt er nicht darüber, auch nicht im 2. Brief an die Thessalonicher und im Philemonbrief.

4.1.5 „Leib Christi“

Dieser Begriff fehlt in folgenden Briefen: 2 Korinther, Galater, Philipper, 1 Thessalonicher, 2 Thessalonicher, Philemon. Sind alle diese Briefe deswegen nicht von Paulus?

4.1.6 Nur ein Reflex der Rechtfertigungslehre?

Schnelle sieht in Titus 3,4-7 nur einen „Reflex“ der paulinischen Rechtfertigungslehre. Wie kann er diesen „Reflex“ von der authentischen Lehre des Paulus unterscheiden? Hängt es damit zusammen, dass er die Pastoralbriefe von vornherein als nicht paulinisch sieht, und deswegen etwas, das ganz gut zu Paulus passt, nur ein „Reflex“ sein kann?
Einen ähnlichen „Reflex“ lesen wir auch in 2 Timotheus 1,9-10.

9 Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; 10 jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium, […]

Es fehlt hier das Wort „Rechtfertigung“. Von der Sache her ist aber davon die Rede.

Nicht einmal einen „Reflex“ auf die Rechtfertigungslehre finden wir in den Thessalonicherbriefen oder im Philemonbrief. Zumindest 1 Thessalonicher und Philemon werden aber allgemein als „protopaulinisch“ betrachtet.

Die Rechtfertigungslehre ist zwar ein wichtiger Punkt bei Paulus, aber es kann nicht erwartet werden, dass er sie in jedem seiner Briefe ausführlich behandelt. Am wenigsten zu erwarten ist dies in Briefen an seine Mitarbeiter, die diese Lehre bestens kannten.

4.1.7 Die Antithese „Fleisch-Geist“

Diese Antithese fehlt auch in den Thessalonicherbriefen. Paulus hat seine Briefe situationsbezogen geschrieben und nicht in jeden Brief jedes Hauptthema seiner Theologie gepackt.

4.2 Glaube

4.2.1 Glaube als „Aneignungsform des Heils“

Vermutlich hätte sich Paulus über die Formulierung, dass Glaube eine „Aneignungsform des Heils“ sei, sehr gewundert. Der Glaube umfasst im Grunde zwei Komponenten. Das eine ist, dass ich jemandem glaube, d. h. dass ich ihm vertraue, mich ihm anvertraue. Das enthält die zweite Komponente, dass ich glaube, dass das, was er sagt, wahr ist. Mit der zweiten Komponente beschäftigt sich der nächste Abschnitt.

Die erste Komponente ist die Voraussetzung eines Lebens als Christ. Gott ist uns in Jesus Christus entgegengekommen. Wir können uns aus der durch unsere Sünden verursachten Entfremdung von Gott nicht selbst herausholen. Deswegen kommt Gott in seinem Sohn Jesus auf uns zu, um uns aus der Sklaverei unserer Sünden zu befreien. Unsere Antwort auf das Rettungsangebot Gottes soll der Glaube sein, eine vertrauensvolle Hingabe unseres Lebens an Gott durch seinen Sohn Jesus. Setzen wir diesen Schritt, dann ist es zu unserem Heil. Wir können nur Frieden mit Gott haben, wenn wir Gott vertrauen.

Diese Grundentscheidung jedes Christen ist natürlich auch in den Pastoralbriefen vorausgesetzt. Das hat noch nichts mit der Echtheitsfrage zu tun, sondern gehört zur Basis des Christentums.

Wenn in 1 Timotheus 1,5 von „ungeheucheltem Glauben“ die Rede ist, dann geht es doch gerade um das offene und ehrliche Vertrauen in Gott.

Auch in 1 Timotheus 1,14 spricht Paulus über diesen Glauben, der im Grunde Gottes Geschenk ist:

Doch über alle Maßen groß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.

Dass wir durch den Glauben das ewige Leben erlangen, schreibt Paulus in 1 Timotheus 1,16b:

[…] zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen.

Wenn er in 1 Timotheus 3,9 schreibt, dass die Diener „mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten“ sollen, geht es in erster Linie nicht um die Lehrinhalte, sondern dass sie ihre durch den Glauben begründete Beziehung zu Gott festhalten sollen. Das schließt natürlich die richtige Lehre ein.

Wenn es in 1 Timotheus 4,10 heißt, dass der lebendige Gott ein „Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen“ ist, besagt das doch, dass wir die uns von Gott geschenkte Rettung durch den Glauben annehmen sollen. Nur durch das vertrauensvolle Annehmen des Rettungsangebots Gottes wird es auch Wirklichkeit.

Paulus ermahnt Timotheus in 1 Timotheus 4,12, dass er ein Vorbild im Glauben sein soll. Seine vertrauensvolle Beziehung zu Gott soll den anderen Gläubigen eine Hilfe sein.

Timotheus soll den „guten Kampf des Glaubens“ kämpfen und so „das ewige Leben ergreifen“ (1 Timotheus 6,12), oder um es mit Schnelle auszudrücken, „sich das Heil aneignen“.

In 2 Timotheus 1,12 schreibt Paulus:

[…] denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe […]

Es geht hier um das tiefe Vertrauen, mit dem er Gott sein ganzes Leben anvertraut hat.

Timotheus ist Paulus in diesem Glauben gefolgt (2 Timotheus 3,10), nicht nur in der Lehre.

Die Heiligen Schriften können ihn weise machen „zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus.“ (2 Timotheus 3,15)

In Titus 1,4 nennt Paulus Titus sein „Kind aufgrund des gemeinsamen Glaubens„. Der gemeinsame Glaube, die vertrauensvolle Beziehung zu Gott, verbindet Paulus und Titus.

In Titus 3,15 grüßt Paulus „alle, die uns durch den Glauben in Liebe verbunden sind“. Das gemeinsame Vertrauen in Gott verbindet die Gläubigen.

Diese Beispiele zeigen, dass auch in den Pastoralbriefen der Glaube die Grundlage für das Leben eines Christen ist, mehr als nur die Lehrverkündigung. Die Lehrinhalte gehören natürlich dazu, nicht nur in den Pastoralbriefen, sondern auch in den anderen Briefen von Paulus.

4.2.2 Glaube als Lehrverkündigung

Wenn Glaube die vertrauensvolle Hinwendung zu Gott ist, dann ist damit notwendigerweise verbunden, dass ich dem glaube, was Gott gesagt hat. Glaube ist somit immer mit Inhalten verbunden, die auch verkündet werden müssen.

Dass die Lehrverkündigung gerade in den Pastoralbriefen eine besondere Betonung erfährt, sollte nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass Paulus diese Briefe an seine Mitarbeiter geschrieben hat, die in ihren jeweiligen Bereichen dafür verantwortlich waren, dass diese Verkündigung in rechter Weise geschieht. In den direkt an die Gemeinden geschriebenen Briefen tritt dieses Thema zurück. Doch sind gerade die Briefe selbst Ausdruck der Lehrverkündigung des Apostels, in denen er sich mit den verschiedensten Fragen der Lehre und des Lebens beschäftigt.

Auch in den Pastoralbriefen geht es bei der „Lehre“ nicht nur um theologische Lehrinhalte, sondern auch um Fragen der Lebensführung. Die Dinge, die in 1 Timotheus 1,9-10 der gesunden Lehre entgegenstehen, sind Sünden, zum Teil extrem schwere Verbrechen, die es im Leben eines Christen nicht geben darf. Auch in Titus 2,1 geht es bei der „gesunden Lehre“ um eine dem Glauben entsprechende Lebensführung.

4.2.3 Glaube im Gegensatz zur Irrlehre

Die Wahrheit des Glaubens musste immer gegen Verfälschungen verteidigt werden. Wer etwas anderes glaubt als das, was Gott offenbart hat, zeigt dadurch, dass er Gott nicht glaubt. So warnt Paulus auch in den anerkannt echten Briefen vor Irrlehren und Irrlehrern.

Ich ermahne euch aber, Brüder, auf die Acht zu geben, die im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt, Spaltung und Verwirrung verursachen: Haltet euch von ihnen fern! (Römer 16,17)

13 Denn diese Leute sind Lügenapostel, unehrliche Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. 14 Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts. 15 Es ist also nicht erstaunlich, wenn sich auch seine Diener als Diener der Gerechtigkeit tarnen. Ihr Ende wird ihren Taten entsprechen. (2 Korinther 11,13-15)

Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. Es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen. Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben – er sei verflucht. Was ich gesagt habe, das sage ich noch einmal: Wer euch ein anderes Evangelium verkündet im Widerspruch zu dem, das wir verkündet haben – er sei verflucht. (Galater 1,6-9)

Warnung vor Irrlehrern ist keine Besonderheit der Pastoralbriefe.

4.2.4 Glaube in Verbindung mit anderen Tugenden

Sehr eigenartig ist der Schnelles Satz: [Der Glaube] prägt als Haltung die christliche Existenz. Was sonst? Die traurige Tatsache, dass in den heutigen „christlichen“ Konfessionen in der Regel der Glaube die christliche Existenz nicht prägt, sollte zum Nachdenken und vor allem zur Umkehr einladen. Im frühen Christentum war das gelebte Selbstverständlichkeit, auch wenn die ersten Christen nicht sündenlos waren.

Darum ist es ganz natürlich, dass der Glaube mit anderen „Tugenden“ zusammen genannt wird. Überdies ist ein gutes Gewissen keine Tugend, sondern die Folge eines tugendhaften Lebens.

Über das (gute) Gewissen schreibt Paulus auch in Römer 13,5 und 2 Korinther 1,12.

Auch in anderen Paulusbriefen wird der Glaube (πίστις / pistis) in einer Reihe mit anderen Tugenden genannt, so in 1 Korinther 13,13 und 1 Thessalonicher 1,3; 5,8 mit Hoffnung und Liebe, in 2 Kor 8,7 mit „Rede und Erkenntnis, jedem Eifer und der Liebe“, in Galater 5,6 und 1 Thessalonicher 3,6 mit der Liebe, in Philemon 5-6 mit der Liebe und der Erkenntnis des Guten, in Galater 5,22-23 mit „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Sanftmut und Enthaltsamkeit„. (In der letzten Stelle wird pistis aber üblicherweise mit „Treue“ übersetzt.)

Die Pastoralbriefe unterscheiden sich auch in diesem Punkt nicht grundsätzlich von den anderen Paulusbriefen.

4.3 Parusie – Epiphanie

Das Wort ἐπιφάνεια / epiphaneia („Erscheinung“) findet sich außerhalb der Pastoralbriefe nur im 2. Thessalonicherbrief, aber dort in einer interessanten Verbindung.

Dann wird der gesetzwidrige Mensch offenbar werden. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch das Erscheinen seiner Ankunft vernichten. (2 Thessalonicher 2,8)

Auf Griechisch steht dort: τῇ ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας αὐτοῦ / te epiphaneia tes parousias autou. Die von Schnelle als Gegensätze postulierten Begriffe sind zu einer Einheit verbunden. Das Problem ist, dass Schnelle auch den 2. Thessalonicherbrief nicht als paulinisch betrachtet − mit noch weniger Gründen als die Pastoralbriefe.

In den Pastoralbriefen wird nicht nur das erwartete zweite Kommen des Herrn als Epiphanie bezeichnet, sondern auch sein erstes Kommen (2 Timotheus 1,10; vergleiche auch Titus 2,11; 3,4, wo das Verb ἐπιφαίνειν / epiphanein für das erste Kommen des Herrn verwendet wird). Doch kann die Verwendung eines Wortes, das in den „echten“ Paulusbriefen nicht vorkommt, Grund dafür sein, Paulus diese Briefe abzusprechen?

Schnelles Satz „Die Parusie Christi wird in den Past zur Epiphanie, sie tritt zur vorherbestimmten Zeit ein […] und rückt damit zugleich in eine unbestimmte Ferne“ geht vom „Dogma“, dass Paulus Naherwartung hatte, aus. Man könnte diese Naherwartung auch in den 1. Timotheusbrief hineinlesen, wo es heißt:

Erfülle deinen Auftrag rein und ohne Tadel, bis zum Erscheinen Jesu Christi, unseres Herrn […] (1 Timotheus 6,14)

Nach wörtlichem Verständnis müsste Paulus das Erscheinen Jesu Christi noch zu Lebzeiten von Timotheus erwartet haben, nicht in einer „unbestimmten Ferne“. Also unterscheiden sich die Pastoralbriefe nicht wesentlich von den anderen Paulusbriefen. In Wahrheit hatte Paulus weder bei der Abfassung seiner „echten“ Briefe, noch bei der Niederschrift der Pastoralbriefe Naherwartung. Es sieht nicht danach aus, dass Paulus mit der in Römer 11,25-26 erwarteten Errettung Israels innerhalb seiner eigenen Lebenszeit gerechnet hätte. In Philipperbrief war sein Tod durchaus im Bereich des Möglichen (Philipper 1,21-26; 2,17). Paulus war sich auch des Missionsauftrags Jesu sehr stark bewusst. Auch wenn er sein Bestes zur Verbreitung des Evangeliums gab, war es doch klar, dass die Welt um einiges größer war als der Bereich, der innerhalb einer Generation zu erreichen war – auch wenn er über die Existenz weiter Teile des Planeten noch nichts wusste.

4.4 Das Frauenbild der Pastoralbriefe

Es ist korrekt, dass in 1 Timotheus 2,12 der Frau nicht gestattet wird, zu lehren. Doch was bedeutet dieses Lehren genau? Eine Frau konnte nicht Episkopos werden. War das etwas Neues im Vergleich zu den „echten“ Paulusbriefen? 1 Korinther 14,34-35 ist textkritisch umstritten und soll daher außer Betracht bleiben. Der Autor dieser beiden Verse scheint Frauen gegenüber eine negativere Einstellung zu haben als der Autor der Pastoralbriefe.

Dass eine Frau sich „still verhalten“ soll (1 Timotheus 2,12), heißt nicht, dass sie schweigen soll. ἡσυχία / hesychia heißt eher Ruhe als völliges Schweigen. Auch wenn eine Frau nicht die Aufgabe einer Lehrerin haben konnte, heißt das nicht, dass sie ständig schweigen sollte.

Im Zusammenhang mit den Dienern („Diakonen“) ist in 1 Timotheus 3,11 auch von den Frauen die Rede. Es spricht vieles dafür, dass es hier nicht um die Frauen der Diakone geht, sondern um Frauen, die den Dienst eines Diakons ausüben, so wie es Phöbe in der Gemeinde von Kenchreä tat (Römer 16,1). Das sieht sogar die katholische Jerusalemer Bibel so.

Mitarbeit und Teilhabe ist den Frauen auch in den Pastoralbriefen nicht untersagt. Immerhin lässt Paulus in 2 Timotheus 4,19 auch Priska grüßen, eine bedeutsame Mitarbeiterin von ihm. In Vers 21 sendet Klaudia ihren Gruß, offensichtlich eine dem Timotheus bekannte eifrige Schwester, die nicht von „Mitarbeit und Teilhabe“ ausgeschlossen war.

5 Keine theologische Auseinandersetzung mit dem Judentum

Die theologische Auseinandersetzung mit dem Judentum hat keine Bedeutung mehr und reduziert sich auf reine Polemik (vgl. Tit 1,10). Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Stellung der christlichen Gemeinde in einer nichtchristlich-heidnischen Umwelt. (Schnelle, Seite 408)

Schnelle wiederholt hier nur eine bereits unter Punkt 2 genannte Kritik. Meine Gedanken dazu habe ich unter 2.7 geschrieben.

6 Der Glaube als Element der Familienüberlieferung

Für Paulus undenkbar ist schließlich der Gedanke des christlichen Glaubens als Element der Familienüberlieferung, wie er in 2 Tim 1,5 für Timotheus („Gedenke ich doch deines ungeheuchelten Glaubens, der schon in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunike wohnte; ich bin sicher, er ist auch in dir“; vgl. 2 Tim 3,14f) und in 2 Tim 1,3a für Paulus selbst formuliert wird („Dank sage ich Gott, dem ich von den Vorfahren her mit reinem Gewissen diene“). Organisch fügt sich jedoch das Motiv der Erziehung zum Glauben in das Erziehungs- und Oikoskonzept der Past ein: Das Haus wird zum Ort der Glaubensüberlieferung und -erziehung.

Leider verrät uns Schnelle nicht, warum der Gedanke des christlichen Glaubens als Element der Familienüberlieferung für Paulus undenkbar ist.

Einerseits ist klar, dass in der ersten Zeit der Gemeinde die missionarische Verkündigung der wichtigste Weg war, Menschen zum Christentum zu führen. Das gilt aber nicht nur für die Anfangszeit. Jede christliche Gemeinde ist ihrem Wesen nach missionarisch. Andererseits ist ebenso klar, dass christliche Eltern ihre Kinder im christlichen Glauben erziehen. Paulus nennt sogar die Kinder aus einer Ehe, in der sich nur einer der beiden Partner dem Christentum zugewandt hat, heilig (1 Korinther 7,14). Das setzt voraus, dass diese Kinder als Teil der Gemeinde betrachtet und im Glauben erzogen wurden. Die Erziehung kann die notwendige eigene in Freiheit getroffene Glaubensentscheidung nicht ersetzen. Eine gute Erziehung ist ihr aber sehr förderlich. Ein christliches Haus, das nicht zum Ort der Glaubensüberlieferung wird, ist kein christliches Haus. Auch wenn die Erziehung in den „echten“ Paulusbriefen (wohl aber in den von Schnelle als „deuteropaulinisch“ betrachteten Briefen an die Epheser und Kolosser) nicht thematisiert wird, so ist sie vorauszusetzen, sobald es christliche Familien gab. Diese gab es aber von Anfang an. Also spricht dieser Punkt nicht gegen die Echtheit der Pastoralbriefe.

Überdies geht es in 2 Timotheus 1,5 nicht um die Weitergabe des christlichen Glaubens. Timotheus ist höchstwahrscheinlich etwa zeitgleich mit seiner Mutter auf der ersten Missionsreise von Paulus Christ geworden. Paulus weist an dieser Stelle darauf hin, dass bereits die Großmutter von Timotheus eine gläubige Frau war, deren Glaube natürlich der jüdische war. Sie hat diesen Glauben ihrer Tochter weitergegeben, diese wiederum ihrem Sohn. Der christliche Glaube ist die konsequente Fortsetzung des Judentums. Darum konnte Paulus das so ausdrücken. Ein späterer Fälscher hätte wohl nicht gewagt, sich in dieser Weise auszudrücken, weil der Unterschied zwischen dem Judentum und dem Christentum zu wenig klar sichtbar gemacht worden wäre.

Derselbe Gedanke trifft auch auf 2 Timotheus 1,3a zu, und entspricht dem Selbstverständnis von Paulus, wie wir es auch in Philipper 3,10 finden. Beachtenswert ist auch die große Spannung zwischen 2 Timotheus 1,3 und 1 Timotheus 1,13. Das spricht eher dafür, dass beide Worte von Paulus stammen, der seinen Glauben von einer gläubigen jüdischen Familie empfangen hat, auf dieser Grundlage guten Gewissens mit voller Überzeugung Christen verfolgte, um danach aber zu sehen, wie sehr sündhaft sein Verhalten trotzdem war.

7 Zusammenfassende Gedanken

Wir sind jetzt Udo Schnelles Argumente der Reihe nach durchgegangen. Ich habe meine kritischen Gedanken dazu geäußert. Es bleibt nun jedem Leser selbst überlassen, ob er die von der modernen Theologie gelieferten Gründe für die Unechtheit der Pastoralbriefe für ausreichend erachtet oder nicht. Falls jemand Einwände gegen die von mir genannten Gegenargumente hat, bitte ich um entsprechende Rückmeldung.

8 Pseudepigraphie – für Christen erlaubt?

8.1 Aus der Argumentation von Schnelle

Auf den Seiten 355-360 seines Buches schreibt Schnelle als Einleitung zu den „deuteropaulinischen“ Briefen einiges zum Thema Pseudepigraphie. Pseudepigraphie (von griechisch ψευδής / pseudés „lügenhaft“ und ἐπιγραφή / epigraphé „Inschrift“) meint eine Schrift mit einer falschen Verfasserangabe. Er verweist auf heidnische und jüdische Beispiele für dieses Phänomen und sieht auch die neutestamentliche Pseudepigraphie in diesem Zusammenhang.

In einer Phase der Neuorientierung und der damit verbundenen notwendigen Neuinterpretation der überlieferten Traditionen war für viele Gruppen innerhalb des Urchristentums offenbar die Pseudepigraphie das wirksamste Mittel, um auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen. Weil es keine Persönlichkeiten mehr gab, die eine gesamtkirchliche Autorität besaßen, griffen die Verfasser pseudepigraphischer Schreiben auf die Autoritäten der Vergangenheit zurück, um ihren jeweiligen Zielen in der sich wandelnden kirchengeschichtlichen Situation einen adäquaten Ausdruck zu verleihen. […] (Schnelle, Seite 358)

Die ntl. Pseudepigraphie war somit in eine ganz bestimmte zeitgeschichtliche Situation eingebunden und muss als gelungener Versuch der Bewältigung zentraler Probleme der dritten urchristlichen Generation gesehen werden. Das Ziel der ntl. Pseudepigraphie bestand nicht nur darin, die Kontinuität der apostolischen Tradition in der Zeit nach dem Tod der Apostel sicherzustellen. Vielmehr sollte vor allem die Autorität der Apostel in der Gegenwart neu zur Sprache gebracht werden. […] (Schnelle, Seite 359)

Im Einzelnen bedienten sich die Verfasser der Pseudepigraphen sehr verschiedener Mittel. Während z. B. der Hebr in Kap. 13,23 nur andeutungsweise zu erkennen gibt, dass er von Paulus geschrieben sein will, bieten die Pastoralbriefe eine vollständige Paulus-Fiktion. So werden die Briefeingänge und Briefschlüsse dem paulinischen Stil mit ihren Adressenangaben, Grüßen, Namensnennungen und persönlichen Mitteilungen nachgeahmt (vgl. 1 Tim 1,1f; 6,21; 2 Tim 1,1-3; 4,19-22; Tit 1,1-4; 3,12-15). Darüber hinaus schildert der Verfasser bis ins Detail hinein die jeweilige Lebenssituation des Paulus (vgl. 1 Tim 1,20; 2 Tim 4,13), und er gibt sogar Gedanken des Apostels angesichts des bevorstehenden Todes wieder (vgl. 2 Tim 4,6-8.17f). Die Elemente der stilistischen Imitation, der fiktiven Situationsschilderung durch chronologische Angaben oder der Schilderung historischer Umstände und die Darstellung der jeweiligen persönlichen Situation der in Anspruch genommenen Autorität gehören in verschiedener Intensität zu den Mitteln ntl. Pseudepigraphie. […] Dabei bedingen sich die vom jeweiligen Verfasser gewählten Stilmittel und die Situation, in die hinein das pseudepigraphische Schreiben wirken soll. Wenn z. B. in 1 Tim 5,23 Paulus dem Timotheus rät, wegen seiner Gesundheit auch etwas Wein zu trinken, dann richtet sich dieser persönliche Ratschlag auch gegen die rigorosen asketischen Bestrebungen (vgl. auch Kol 2,16!), die der Briefschreiber in 1 Tim 4,3-9 bekämpft. (Schnelle, Seite 359)

Eine theologische Beurteilung darf nicht von den moralischen Kategorien der Fälschung oder des Betrugs ausgehen, sondern sie muss den inneren Zusammenhang zwischen der zeitgeschichtlichen Situation und dem Phänomen der ntl. Pseudepigraphie bedenken. Die literarische Form der Pseudepigraphie war im letzten Drittel des ersten christlichen Jahrhunderts das wirksamste Mittel, um die neu aufgebrochenen Probleme aus der Sicht der Verfasser der Pseudepigraphen im Sinn der von ihnen jeweils in Anspruch genommenen Autoritäten zu lösen. Die moralische Kategorie der Fälschung ist daher ungeeignet, die Zielsetzung der Pseudepigraphie zu erfassen. Sachgemäßer ist von ‚entliehenen Verfasserangaben‘ zu sprechen, bei denen die apostolische Autorität als Bürge für die Gültigkeit des Besagten auftritt. Die ntl. Pseudepigraphie muss als der theologische legitime und ekklesiologisch notwendige Versuch angesehen werden, die apostolische Tradition in einer sich verändernden Situation zu bewahren und zugleich notwendige Antworten auf neue Situationen und Fragen zu geben. Dabei ist die gesamtkirchliche Perspektive für die pseudepigraphischen Schriften charakteristisch, sie entstanden aus ökumenischer Verantwortung. (Schnelle, Seite 360)

Interessant zu lesen ist auch Fußnote 17 auf Seite 360:

Völlig anders mit polemischer Diktion M. Frenschkowski, Pseudepigraphie und Paulusschule, 251: „Es bleibt dabei, dass Pseudepigraphie eine bewusste und planmäßig durchgeführte Täuschung ist, welche – wenn sie erkannt worden wäre – damalige Leser im allgemeinen ebenso vor den Kopf gestoßen hätte wie heutige. Nur die Arglosigkeit und Naivität christlicher Leser hat meist ihre Erkenntnis verhindert.“ Hier wird nicht nur die historische und theologische Legitimität von Pseudepigraphie innerhalb der Selbstformierungsprozesse des frühen Christentums geleugnet, sondern die angebliche Naivität des frühen Christentums gegen die angeblich kritische Intellektualität heutiger Exegeten ausgespielt.

8.2 Kritische Gedanken dazu

  • Der Autor geht davon aus, dass die neutestamentliche Pseudepigraphie ein Faktum ist, und sucht eine möglichst „schöne“ theologische Erklärung dafür. Am Beispiel der Pastoralbriefe habe ich versucht zu zeigen, dass die von ihm genannten Argumente nicht stichhaltig sind. Der Inhalt der Pastoralbriefe gibt keinen wirklichen Grund zur Annahme, sie seien nicht von Paulus geschrieben worden. Darum erübrigt sich die Suche nach „schönen“ theologischen Rechtfertigungen für Lüge.
  • Warum sollte es nach dem Tod der Apostel keine Persönlichkeiten mehr gegeben haben, die eine allgemein anerkannte Autorität besaßen? Aus den „echten“ Paulusbriefen wissen wir, dass Paulus eine Reihe verlässlicher Mitarbeiter hatte, die wohl zu einem großen Teil jünger als Paulus waren. Zumindest Timotheus, den Paulus sein Kind nannte, dürfte um einiges jünger als der Apostel gewesen sein und hat Paulus vermutlich um Jahrzehnte überlebt. Timotheus oder Titus hätten die Autorität besessen, Briefe im eigenen Namen zu schreiben. Sie hätten damit zwar nicht Heilige Schrift geschrieben, hätten aber für die konkrete Situation zumindest die notwendige Autorität gehabt, die z. B. der 1. Klemensbrief für die Gemeinde in Korinth hatte. Menschen, die auf Paulus gehört haben, haben auch auf Timotheus oder andere seiner Mitarbeiter gehört. Überdies ging es in den Pastoralbriefen ohnehin nicht um „gesamtkirchliche“ Probleme, sondern wie in den meisten anderen Paulusbriefen um spezifische Probleme in konkreten Gemeinden, wie in Ephesus oder auf der Insel Kreta.
  • Wenn ein Autor sich die Mühe macht, historische Situationen zu konstruieren, Grußlisten zu erfinden, dann muss davon ausgegangen werden, dass er nicht wollte, dass die Leser bemerken, dass hier jemand eine ‚entliehene Verfasserangabe‘ verwendet. Die Kritik von Frenschkowski ist berechtigt, wenngleich er mit der Annahme unrecht hat, dass es neutestamentliche Pseudepigraphien gibt.
  • Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass in der frühen Kirche Lüge in irgendeiner Situation als gerechtfertigt gesehen wurde.
  • In den Pastoralbriefen wird wiederholt die Lüge verurteilt bzw. der Wert der Wahrheit betont.
    […] Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenhändler, für Leute, die lügen und Meineide schwören und all das tun, was gegen die gesunde Lehre verstößt, […] (1 Timotheus 1,10)
    […] als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde – ich sage die Wahrheit und lüge nicht – , als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit.  (1 Timotheus 2,7)
    Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, welches die Kirche des lebendigen Gottes ist, Säule und Fundament der Wahrheit. (1 Timotheus 3,15)
    […] getäuscht von heuchlerischen Lügnern, deren Gewissen gebrandmarkt ist. (1 Timotheus 4,2)
    Bemühe dich darum, dich vor Gott zu bewähren als ein Arbeiter, der sich nicht zu schämen braucht, der das Wort der Wahrheit geradeheraus verkündet! (2 Timotheus 2,15)
    […] in der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, schon vor ewigen Zeiten verheißen hat. (Titus 1,2)
    Wenn der Autor dieser Briefe selbst ein Lügner wäre, würde er sich moralisch disqualifizieren.
  • In 2 Thessalonicher 2,2 wird ausdrücklich vor gefälschten Briefen gewarnt. Das zeigt einerseits, dass ‚entliehene Verfasserangaben‘ nicht gutgeheißen wurden, andererseits, dass der Autor dieses Briefes, wäre er pseudepigraphisch, ein besonders frecher Mensch gewesen sein musste. Dieser Brief könnte unmöglich Heilige Schrift sein, wäre er nicht von Paulus.
  • Tertullian weist in Über die Taufe (De baptismo) 17 darauf hin, dass der Presbyter, der die Paulusakten „aus Liebe zu Paulus“ geschrieben hat, seines Amts enthoben wurde. Pseudepigraphie wurde also nicht gutgeheißen.

Als Abschluss passt gut ein Wort aus dem 1. Johannesbrief:

Ich schreibe euch nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und weil keine Lüge von der Wahrheit stammt. (1 Johannes 2,21)

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