6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen 7 und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. 8 Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.
(Johannes 20,6-8)
In Johannes 20,1-10 lesen wir, wie Maria Magdalena am ersten Wochentag nach der Kreuzigung und Grablegung Jesu, der Stein vom Grab Jesu weggenommen worden war. Sie informierte sofort Simon Petrus und den „anderen Jünger“ (Johannes, den späteren Schreiber des Johannesevangeliums), die dann zum Grab liefen. Dort sahen sie Leinenbinden und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte.
Wir haben es hier mit dem Bericht eines Augenzeugen zu tun, der seinen ersten Eindruck beim Blick in das Grab Jesu wiedergab.
Meines Erachtens widerspricht dieser Augenzeugenbericht der Behauptung, dass das sogenannte Turiner Grabtuch tatsächlich das Tuch ist, in dem der Leichnam Jesu gehüllt wurde. Das in Turin aufbewahrte Tuch stellt uns tatsächlich vor viele Rätsel, was seinen Ursprung als auch seine Aufbewahrung durch die Jahrhunderte betrifft.
Es handelt sich um ein 4,36 m langes und 1,10 m breites Leinentuch, das sowohl die Vorder- als auch die Rückseite eines Mannes darstellt. Da nach wie vor rätselhaft ist, wie die Abbildung auf das Tuch gelangt ist, sehen Verehrer dieses Tuches in ihm ein Zeugnis für die Auferstehung Jesu. Im Augenblick seiner Auferstehung habe diese eine Art fotografische Aufnahme im Grabtuch bewirkt.
Es wäre tatsächlich sehr interessant, einen derartigen „Beweis“ für die Auferstehung des Herrn Jesus zu haben. Ist doch die Auferstehung Jesu der Punkt, mit dem das Christentum steht oder fällt.
Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube. (1 Korinther 15,14)
Es stellt sich aber die Frage, ob Gott uns tatsächlich einen derart „zwingenden“ Beweis der Auferstehung Jesu geben wollte, indem er uns quasi ein Foto dieses Wunders geschenkt hätte.
Die Auferstehung Jesu ist gut bezeugt. Mehr dazu in diesem Artikel. Dieses Zeugnis sollte jedem, der die Wahrheit sucht, genügen.
Der Abdruck auf dem Turiner Grabtuch setzt voraus, dass der Leichnam direkt auf der einen Hälfte dieses sehr langen Tuchs gelegen ist, dessen andere Hälfte über dem Haupt über die Vorderseite des Mannes geklappt wurde (hier gibt es ein Bild dazu). Das Tuch musste locker auf dem Leib gelegen haben, da das Bild keine Verzerrungen aufwies, die es gegeben hätte, wäre es eng an den Körper und auch an das Gesicht gepresst worden.
Das steht aber in Spannung zu dem, was Petrus und Johannes im Grab gesehen haben. Dort ist die Rede von „Leinenbinden“ (ὀθόνια / othónia) in den Versen 5, 6 und 7 und von einem „Schweißtuch“ (σουδάριον / sudárion) in Vers 7. Die Jünger sahen also nicht ein einziges großes Tuch, das locker auf dem Leib des Verstorbenen gelegen hatte, sondern eine Mehrzahl von „Binden“ und ein einziges Tuch, das direkt am Haupt Jesu gelegen war.
In Johannes 19,40 lesen wir auch über die Leinenbinden:
Sie (Josef von Arimathäa und Nikodemus) nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.
Der Leichnam war mit Leinenbinden umwickelt worden. Es wurde nicht ein einziges Tuch locker über den Leichnam geschlagen.
Auch Lukas 24,12 spricht von Leinenbinden im Plural, die Petrus im Grab Jesu gesehen hatte:
Petrus aber stand auf und lief zum Grab. Er beugte sich vor, sah aber nur die Leinenbinden. Dann ging er nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war.
Es handelte sich um mehrere Binden, nicht um ein einziges großes Tuch.
Ähnliches lesen wir auch über Lazarus. In Johannes 11,44 heißt es im Zusammenhang seiner Auferweckung:
Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.
Hier hat Johannes zwar ein anderes Wort („Binden“: κειρίαι / keiríai) verwendet. Von der Sache entspricht es aber den Tüchern, die sich im leeren Grab Jesu befunden haben. Der Körper mit Händen und Füßen war mit Binden umwickelt, am Gesicht war ein Schweißtuch.
Bei diesem „Schweißtuch“, das sowohl auf dem Haupt von Lazarus als auch auf dem von Jesus erwähnt wird, handelt es sich nicht um ein über vier Meter langes Tuch, sondern um ein größeres Taschentuch, vielleicht in der Größe eines Geschirrtuchs. Darauf weisen auch die anderen Stellen hin, an denen das griechische Wort σουδάριον / sudárion im Neuen Testament vorkommt, hin.
Nun kam ein anderer und sagte: Herr, siehe deine Mine. Ich habe sie in einem Schweißtuch aufbewahrt. (Lukas 19,20)
In diesem Gleichnis Jesu hatte der Knecht etwa 600 g Silber in diesem Tuch eingebunden.
Sogar seine Schweißbinden und Tücher, die er auf der Haut getragen hatte, nahm man weg und legte sie den Kranken auf; da wichen die Krankheiten und die bösen Geister fuhren aus. (Apostelgeschichte 19,12)
Hier geht es um Paulus in Ephesus, von dessen Leib „Schweißbinden“ (σουδάρια / sudária) genommen worden sind. Auch hier handelte es sich offensichtlich nicht um vier Meter lange Tücher.
Was die Apostel Petrus und Johannes im leeren Grab Jesu gesehen haben, war nicht das Turiner Grabtuch. Meines Erachtens ist das Zeugnis dieser Jünger nicht mit dem Turiner Grabtuch vereinbar.
Die Auferstehung Jesu wird nicht weniger gewiss, wenn das in Turin verehrte Grabtuch nicht mehr als „Beweis“ zur Verfügung steht. Das Zeugnis seiner Jünger ist in den Worten der Bibel verlässlich überliefert. Sie haben ihr Leben dem auferstandenen Herrn Jesus geschenkt. Auch wir sind dazu aufgerufen. Der Auferstandene hat die Macht, unser Leben nach seinem Vorbild umzugestalten.
3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu gezeugt zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unzerstörbaren, makellosen und unvergänglichen Erbe, das im Himmel für euch aufbewahrt ist.
(1 Petrus 1,3-4)
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