Und zwar ist dies (Mal 1,11) jenes reine Opfer Christi, welches durch keine Unwürdigkeit oder Böswilligkeit der Opfernden bemakelt werden kann, von welchem der Herr durch Maleachi weissagte, dass er seinem Namen, welcher groß werden sollte unter den Völkern, überall werde rein geopfert werden.
(Konzil von Trient, 22. Sitzung, 1562, aus Kapitel 1.1)
Ein wesentlicher Punkt der katholischen Lehre über die Eucharistie ist, dass es sich bei der Messe um ein wahres und eigentliches Opfer handelt. Darum bestimmte das Konzil von Trient im Kanon 1 der 22. Sitzung in 1562:
Wenn jemand sagt, in der Messe werde Gott nicht ein wahres und eigentliches Opfer oder was aufgeopfert wurde, sei nichts anderes, als dass uns Christus zur Speise gegeben werde, der sei im Banne.
Als eine biblische Belegstelle für diese Lehre wurde Maleachi 1,11 angeführt:
Ja, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang steht mein Name groß da bei den Völkern und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe; ja, mein Name steht groß da bei den Völkern, spricht der HERR der Heerscharen.
Die Jerusalemer Bibel bringt in einer Fußnote zu dieser Stelle folgende Erklärung:
Maleachi denkt hier nicht so sehr an den im Perserreich verbreiteten Kult […] des „Himmelsgottes“, Neh 1,4f; 2,4.20; Esr 1,2; 5,11f; 6,9f; 7,12.21.23; Dn 2,18; 4,34; 5,23 – ein Kult, den der Prophet als an Jahwe gerichtet ansehen würde –, sondern an das vollkommene Opfer der messianischen Zeit; das Konzil von Trient hat diese Deutung als offiziell erklärt.
Bei dieser Erklärung fällt auf, dass eine Reihe von Bibelstellen zur Begründung des vom Kommentator abgelehnten Verständnisses angeführt werden, aber keine einzige Stelle zur Unterstützung der vom Konzil als offiziell erklärten Deutung genannt wird. Wollten die Erklärer der Jerusalemer Bibel dadurch ausdrücken, dass sie die erstgenannte Erklärung bevorzugen, ihnen dieses Verständnis aber aus dogmatischen Gründen untersagt ist?
Der Zusammenhang der Stelle
6 Der Sohn ehrt seinen Vater und der Knecht seinen Herrn. Wenn ich der Vater bin – wo bleibt dann die Ehrerbietung? Wenn ich der Herr bin – wo bleibt dann die Furcht vor mir?, spricht der HERR der Heerscharen zu euch, ihr Priester, die ihr meinen Namen verachtet. Doch ihr sagt: Wodurch verachten wir denn deinen Namen? 7 Ihr bringt auf meinem Altar verunreinigte Speise dar. Ihr sagt: Wodurch haben wir dich mit Unreinem entehrt? Dadurch, dass ihr sagt: Der Tisch des HERRN, der kann gering geachtet werden. 8 Wenn ihr ein blindes Tier als Schlachtopfer darbringt, sei das nicht schlecht! Und wenn ihr ein lahmes und krankes Tier darbringt, sei das nicht schlecht! Biete das einmal deinem Statthalter an! Ob er wohl Gefallen an dir hat oder dich freundlich ansieht?, spricht der HERR der Heerscharen. 9 Und nun versucht, Gott damit zu besänftigen, dass er uns gnädig sei! Wenn eure Hände ihm solche Dinge anbieten, wie kann er euch dann freundlich ansehen?, spricht der HERR der Heerscharen. 10 Wäre doch jemand bei euch, der die Torflügel verschließt, damit ihr kein nutzloses Feuer mehr entfacht auf meinem Altar! Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der HERR der Heerscharen, und ich mag kein Opfer aus eurer Hand. 11 Ja, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang steht mein Name groß da bei den Völkern und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe; ja, mein Name steht groß da bei den Völkern, spricht der HERR der Heerscharen. 12 Ihr aber entweiht ihn, indem ihr sagt: Der Tisch des Herrn, der darf verunreinigt und die Opferspeise für ihn kann gering geachtet werden. (Maleachi 1,6-12)
Der Prophet Maleachi wirkte vermutlich im 5. Jahrhundert v. Chr. In Juda lebten Heimkehrer aus dem Exil. Der Tempel war wieder aufgebaut worden. Es wurden Opfer dargebracht.
Der Prophet tadelte die Priester, dass sie Gott nicht ehrten und seinen Namen dadurch verachteten, dass sie mangelhafte Tiere geopfert haben. Sie hätten nicht gewagt, dem Statthalter derartige Tiere anzubieten. Aber als Opfertiere waren sie gut genug. Solche Opfer wollte Gott nicht.
Im Vergleich dazu verwies Maleachi auf das, was bei den Völkern geschah, auf die reinen Rauchopfer, die diese dargebracht haben.
Der offizielle Kult des Perserreichs war die Verehrung Ahura Mazdas, der damals von seinen Verehrern als der einzige Gott betrachtet wurde. Es handelte sich um eine monotheistische Religion. Die im Kommentar der Jerusalemer Bibel angeführten Stellen, in denen der Gott Israels der „Gott des Himmels“ genannt wurde, können dafür sprechen, dass die biblischen Autoren dachten, dass die Perser den wahren und einzigen Gott verehrten, auch wenn sie außerhalb des Bundes mit Abraham standen.
Es passt auch besser zur Kritik an den Priestern, wenn der Vergleichspunkt nicht in ferner Zukunft liegt, sondern wenn der Prophet auf die reinen Opfer seiner Zeitgenossen hinweist. Dadurch sollten die Priester beschämt und zur Umkehr aufgerufen werden.
Zur Erklärung der Didache
Das Konzil von Trient hätte sich für sein Verständnis allerdings auf die frühchristliche Schrift der Didache (1. oder 2. Jahrhundert) berufen können.
1. Am Tage des Herrn versammelt euch, brechet das Brot und saget Dank, nachdem ihr zuvor eure Sünden bekannt habet, damit euer Opfer rein sei. 2. Jeder aber, der mit seinem Freunde einen Streit hat, soll sich nicht bei euch einfinden, bis sie versöhnt sind, damit euer Opfer nicht entweiht werde. 3. Denn so lautet der Ausspruch des Herrn: „An jedem Ort und zu jeder Zeit soll man mir darbringen ein reines Opfer, weil ich ein großer König bin, spricht der Herr, und mein Name wunderbar ist bei den Völkern“. (Didache 14,1-3)
Diese Stelle bezeugt, dass es eine frühchristliche Tradition gibt, in der Maleachi 1,11 auf das Brechen des Brotes bezogen wird, auch wenn das nicht dem alttestamentlichen Zusammenhang entspricht. Es ist durchaus möglich, dass die Autoren der Didache nicht den nötigen Einblick in die politisch-religiöse Situation des Perserreichs des 5. Jahrhunderts hatten.
Aber sagt die Didache, dass die Eucharistie ein „wahres und eigentliches Opfer“ im Sinne des späteren Katholizismus ist?
Die Schreiber dieses Buches wollten in erster Linie betonen, dass es ohne Versöhnung kein gemeinsames Brotbrechen beim Herrenmahl geben darf. Es ging aber nicht um den Opfercharakter des Herrenmahls. Die Hingabe an Gott soll rein und nicht durch Streit und Unversöhnlichkeit getrübt sein.
Wir sehen auch an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments, dass von Opfern die Rede ist, es aber um die Hingabe an Gott geht, die sich in einem heiligen Leben zeigt, das vom Lob Gottes erfüllt ist.
Ich ermahne euch also, Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. (Römer 12,1)
15 Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 16 Vergesst nicht, Gutes zu tun, und vernachlässigt nicht die Gemeinschaft; denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen! (Hebräer 13,15-16)
In diesem Sinn ist auch das gemeinsame Brechen des Brotes beim Herrenmahl ein Opfer.
Die Eucharistie als Opfer?
Keinesfalls kann aber über das Herrenmahl oder die Eucharistie das gesagt werden, was das Konzil von gesagt hat:
Und weil in diesem göttlichen Opfer, das in der Messe verrichtet wird, der nämliche Christus enthalten ist und Unblutigerweise geopfert wird, welcher auf dem Altar des Kreuzes einmal sich selbst (Hebr 9,12 und 28) Blutigerweise aufgeopfert hat. So lehrt der heilige Kirchenrat, dass dasselbige wahrhaft ein Sühnopfer sei, durch welches bewirkt werde, dass wir, wenn wir mit aufrichtigem Herzen und echtem Glauben, mit Furcht und Ehrfurcht, reuig und büßend zu Gott hintreten, Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden in angemessenen Beistande. Durch dieses Opfer versöhnt, erteilt nämlich der Herr die Gnade und Gabe der Buße und verzeiht die Vergehen und Sünden, auch die noch so großen. Denn es ist die Eine und gleiche Opfergabe und der gleiche jetzt durch den Dienst der Priester sich Opfernde, welcher damals sich am Kreuze aufgeopfert hat. Nur allein die Opferungsweise ist verschieden. […] (Konzil von Trient, 22. Sitzung, 1562, aus Kapitel 1.2)
Gerade die beiden vom Herausgeber angeführten Stellen aus Hebräer 9 betonen die Einmaligkeit des Opfers Jesu:
Nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. (Hebräer 9,12)
[…] so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten. (Hebräer 9,28)
Das Opfer Jesu ist vollkommen. Es braucht keine Erneuerung oder „Gegenwärtigsetzung“ durch ein „Messopfer“, welches in sich als ein Sühnopfer angesehen wird. Mehr dazu im Beitrag Ein für alle Mal.
Es ist auch darauf hinzuweisen, dass die oben angeführten Worte des Konzils, dass das Opfer „durch keine Unwürdigkeit oder Böswilligkeit der Opfernden bemakelt werden kann“, weder auf den Zusammenhang bei Maleachi noch auf das Herrenmahl passt.
Maleachi stellt den Priestern, die Gott schlechte Tiere geopfert haben, die reinen Opfer der Völker gegenüber. Zeigt das nicht, dass es sehr wohl auf die Einstellung der Opfernden ankommt?
Zum Herrenmahl schreibt Paulus:
27 Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. 28 Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. 29 Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. (1 Korinther 11,27-29)
Es kommt auf die Einstellung an, in der man das Brot ist und aus dem Kelch trinkt. Unwürdiges Essen und Trinken des Herrenmahls führt zum Gericht, auch wenn es sich beim Herrenmahl nicht um ein „wahres und eigentliches Opfer“ handelt.
Wer die vollkommene Hingabe Jesu ernst nimmt, folgt ihm in einem Leben, das vom Opfer Jesu bestimmt ist. Dazu bedarf es nicht der Einführung eines Opferkults, der ein Amtspriestertum rechtfertigen soll.
1 Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder 2 und führt euer Leben in Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefällt! (Epheser 5,1-2)
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