4 Seine Söhne aber pflegten Gastmähler zu halten, ein jeder an seinem Tag in seinem Haus. Sie schickten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. 5 Wenn die Tage des Gastmahls vorbei waren, schickte Ijob hin und entsühnte sie. Früh am Morgen stand er auf und brachte so viele Brandopfer dar, wie er Kinder hatte. Denn Ijob sagte sich: Vielleicht haben meine Kinder gesündigt und Gott gesegnet in ihrem Herzen. So tat Ijob alle Tage. (Ijob / Hiob 1,4-5)
Das Feiern von Geburtstagen kommt in der Bibel nur selten vor. Es scheint im alten Israel nicht üblich gewesen zu sein.
Ausdrücklich werden in der Bibel nur zwei Geburtstagsfeiern erwähnt:
- der Geburtstag des Pharaos zur Zeit Josefs:
20 Drei Tage darauf hatte der Pharao Geburtstag. Er veranstaltete für alle seine Diener ein Gastmahl. Da erhob er das Haupt des Obermundschenks und des Oberbäckers inmitten seiner Diener. 21 Den Obermundschenk setzte er wieder als seinen Mundschenk ein; er durfte dem Pharao den Becher reichen. 22 Den Oberbäcker ließ er aufhängen, wie Josef es ihnen gedeutet hatte. (Genesis 40,20-22)
- der Geburtstag von Herodes Antipas:
6 Als aber der Geburtstag des Herodes war, tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen. Und sie gefiel Herodes, 7 sodass er mit einem Eid zusagte, ihr zu geben, was immer sie sich wünschte. 8 Sie aber, angestiftet von ihrer Mutter, sagte: Gib mir hier auf einer Schale den Kopf Johannes des Täufers! (Matthäus 14,6-8)
21 Eines Tages ergab sich für Herodias eine günstige Gelegenheit. An seinem Geburtstag lud Herodes seine Hofbeamten und Offiziere zusammen mit den vornehmsten Bürgern von Galiläa zu einem Festmahl ein. […] 25 Da lief das Mädchen zum König hinein und verlangte: Ich will, dass du mir sofort auf einer Schale den Kopf Johannes des Täufers bringen lässt. (Markus 6,21.25)
Beide Geburtstage wurden von Ungläubigen gefeiert. Beide Geburtstage kosteten einem Menschen das Leben. Diese beiden Geburtstage lassen natürlich keinen Schluss auf sonstige Geburtstagsfeiern zu. Aber dass vom Feiern von Geburtstagen in der Bibel nur in einem derartigen Kontext die Rede ist, kann zeigen, dass die biblischen Autoren Geburtstagsfeiern nicht positiv gesehen haben.
Manchmal werden die Söhne Ijobs als Beispiel dafür genannt, dass Kinder eines gläubigen Menschen Geburtstage gefeiert haben. Dass Ijob das zugelassen und nicht unterbunden hat, weise doch darauf hin, dass Geburtstagsfeiern in Ordnung sind.
Manche Übersetzungen übersetzen Ijob 1,4 auch entsprechend:
4 Seine Söhne pflegten <ausgelassene> Feste in ihren Häusern zu feiern, wenn sie Geburtstag hatten. Dann luden sie auch ihre drei Schwestern ein, um mit ihnen zu essen und zu trinken. 5 Wenn diese Festlichkeiten dann vorbei waren, ließ Hiob seine Söhne holen und heiligte sie. […] (Neue evangelistische Übersetzung, Textstand 2022)
4 Jedes Jahr luden Hiobs Söhne ihre Brüder und Schwestern an ihrem jeweiligen Geburtstag zu einem großen Fest in ihr Haus ein. Bei dieser Gelegenheit aßen und tranken sie zusammen. 5 Wenn das Fest vorüber war, ließ Hiob seine Kinder kommen, um sie zu heiligen. […] (Neues Leben 2017)
Im Hebräischen steht nur: ein jeder an seinem Tag.
Es wird argumentiert, dass auch in Ijob 3,1 nur von „seinem Tag“ die Rede ist, dass dort aber eindeutig der Tag seiner Geburt gemeint ist.
1 Danach tat Ijob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. 2 Ijob ergriff das Wort und sprach: 3 Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen. 4 Jener Tag werde Finsternis, nie frage Gott von oben nach ihm, nicht leuchte über ihm des Tages Licht. (Ijob 3,1-4)
Ijob hat hier in seiner Not den Tag seiner Geburt verflucht, aber auch die Nacht, in der er empfangen worden ist. Hier geht es um den konkreten Tag, an dem er geboren wurde, nicht aber um den jährlich wiederkehrenden Tag, an dem er möglicherweise seine Geburt gefeiert hat. Wenn es in Ijob 3,1 aber nicht um die jährliche Wiederkehr des Geburtstags geht, kann man „seinen Tag“ in Ijob 1,4 nicht einfach als Geburtstag deuten.
Bei der Deutung von Ijob 1,4 auf Geburtstage stellt sich die Frage, warum nur die Geburtstage der Söhne, nicht aber die der Töchter gefeiert wurden.
Vers 5 passt auch nicht gut zu Geburtstagsfeiern.
Die Formulierung „Wenn die Tage des Gastmahls vorbei waren, …„1 passt besser zu einem Zyklus von Festmählern, die der Reihe nach in je einem Haus der sieben Brüder gefeiert wurden. Nachdem dieser Zyklus vorbei war, hat Ijob für seine Kinder Opfer dargebracht, da sie möglicherweise gesündigt haben könnten.2 Es ist nicht zu erwarten, dass die Geburtstage aller sieben Söhne so knapp beieinanderlagen.
Auch die bereits vorchristliche Übersetzung ins Griechische, die Septuaginta, spricht nicht von einem Geburtstag:3
4 Wenn seine Söhne aber beieinander zusammentrafen, machten sie ein Trinkgelage an jedem Tag, wobei sie zugleich auch ihre drei Schwestern hinzuzogen, um mit ihnen zu essen und zu trinken. 5 Und sobald die Tage des Trinkgelages zu Ende waren, sandte Job aus und reinigte sie. […]
Diese Version könnte man so verstehen, dass sie quer durchs Jahr jeden Tag gefeiert hätten. Es kann sich aber auch auf ein besonderes Zusammentreffen der Söhne handeln, das es nicht so oft gab. Aber bei diesen Anlässen feierten sie ein siebentägiges Fest. Nach diesem siebentägigen Fest hat Ijob dann für seine Kinder geopfert.
Die Deutung der Gastmähler der Söhne Ijobs scheint also nicht besonders gut auf Geburtstagsfeiern zu passen. Vielleicht hat darum auch die Neue evangelistische Übersetzung ihre Deutung geändert. In der aktuellen Version lautet sie:
4 Seine Söhne feierten gern fröhliche Feste, um miteinander zu essen und zu trinken. Dazu lud jeder an seinem Wochentag seine Brüder und ihre drei Schwestern in sein Haus ein. 5 Wenn diese Festlichkeiten reihum gegangen waren, ließ Hiob seine Söhne holen und heiligte sie. […]
Bei den Festen, die gemäß dem Alten Testament im Volk Israel gefeiert wurden, ging es immer um Gott und sein Handeln an seinem Volk. Gott stand im Mittelpunkt, nicht der Mensch. Die in Ijob 1,4-5 erwähnten Feiern waren nicht von dieser Art. Zumindest sah Ijob eine große Gefahr, dass dieses ausgelassene Feiern nicht ohne Sünden abging. Darum können diese Feste, auch wenn es sich nicht um Geburtstagsfeiern gehandelt hat, auch kein Vorbild für Christen sein.
Die Feste des Alten Bundes haben im Kommen des Messias Jesus ihre Erfüllung gefunden. Die ersten Christen haben in täglicher Gemeinschaft ihre Freude an Gott ausgedrückt.
Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. (Apostelgeschichte 2,46)
Die Freude an Gott ist nicht an bestimmte Tage gebunden. Paulus hat die Konzentration auf bestimmte Tage als Gefahr gesehen. Den jungen Gläubigen in Galatien, die aus dem Heidentum gekommen waren, schrieb er, als sie anfingen, jüdische Feste zu feiern:
10 Warum achtet ihr so ängstlich auf Tage, Monate, bestimmte Zeiten und Jahre? 11 Ich fürchte, ich habe mich vergeblich um euch bemüht. (Galater 4,10-11)
Bei diesen Tagen ging es nicht um Geburtstage, sondern Tage, die man zur Ehre Gottes halten wollte. Trotzdem hat Paulus das abgelehnt, weil diese Feste nur ein Schatten für die neue geistliche Wirklichkeit waren, die durch Jesus gekommen ist.
Der Blick eines Christen ist auf Jesus gerichtet. Von ihm empfängt er sein Leben und seine Freude. Jeder Tag im Leben ist kostbar und darf aus Dankbarkeit zur Ehre Gottes gelebt werden. Vor diesem Hintergrund werden Geburtstage bedeutungslos.
1 Ich ermahne euch also, Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. 2 Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene! (Römer 12,1-2)
- Das hebräische Wort נָקַף / nāqaf bedeutet im Hifil „kreisen“. Wörtlich: „Wenn die Tage des Gastmahls gekreist hatten …“ ↩
- Wenn Ijob befürchtet hat, dass seine Kinder Gott „gesegnet“ haben, dann ist das Wort „segnen“ vermutlich als Euphemismus gedacht, um das Wort „geflucht“ zu vermeiden. Buber hat übersetzt: Vielleicht haben meine Söhne gesündigt und Gotte in ihrem Herzen abgesegnet. ↩
- Septuaginta Deutsch, Stuttgart, 2. Auflage 2010, S. 1009. ↩
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