„Was wir wissen, davon reden wir …“

Amen, amen, ich sage dir: Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, das bezeugen wir und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. (Johannes 3,11)

In seinem Gespräch mit Nikodemus spricht Jesus, wie auch sonst überall im Evangelium, über sich in der Einzahl. Anders als die Päpste, die sich als seine Stellvertreter ausgeben, hat Jesus nie den Majestätsplural verwendet. Wer gehört nun außer Jesus zu diesem „Wir“?

Im Gespräch ging es um die Geburt von oben oder von Neuem (vergleiche dazu diesen Beitrag). Nikodemus hat das geistliche Verständnis der Worte Jesu gefehlt. Darum sagt ihm Jesus in Vers 10:

Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht?

Darauf folgt der eingangs angeführte Vers 11.

Nikodemus hat sich eingehend mit der Schrift beschäftigt, hat darüber nachgedacht, auch mit anderen darüber gesprochen. Aber er hatte nicht dieses Wissen, von dem Jesus gesprochen hat. Nikodemus hätte aufgrund seiner Schriftkenntnis die Worte Jesu verstehen müssen. Doch Jesus sprach aufgrund dessen, was er „gesehen“ hat.

In den Versen 31b und 32 heißt es über Jesus:

Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen. 32 Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an.

Bei dem, was er „gesehen und gehört“ hat, geht es um das Wissen, das seinen Ursprung in Gott hat. Jesus weiß es, weil er aus dem Himmel gekommen ist.

Da nun Jesus der Einzige ist, der aus dem Himmel gekommen ist, stellt sich die Frage, wer außer Jesus noch zu dem „Wir“ gehören kann.

Johannes Chrysostomus hat in diesem Wir entweder Jesus und den Vater oder nur Jesus gesehen.

Der Ausdruck „wir wissen“ bezieht sich dann entweder auf ihn selbst und seinen Vater oder auf ihn selbst allein. (Chrysostomus, In Johannem Homiliae 26,3)

Dass mit dem „Wir“ nur Jesus gemeint wäre, passt, wie bereits erwähnt, nicht, weil sich Jesus sonst nie so ausgedrückt hat. Außerdem hat Jesus diesen Satz mit „Ich sage dir“ begonnen. Dass Jesus über sich selbst und den Vater in einem „Wir“ spricht, finden wir in Johannes 14,23:

Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.

Ich sehe aber in dieser Erklärung das Problem, dass die Formulierung „Was wir gesehen haben“ nicht so gut auf den Vater passt. Der Sohn, der in Ewigkeit aus dem Vater ausgeht, kann über sich leichter in dieser Weise sprechen, weil er seinen Ursprung im Vater hat und so über sein „Sehen“ der göttlichen Wirklichkeit sprechen kann. Aber vielleicht sollte man die Wörter nicht pressen.

Eine andere Erklärung besteht darin, dass Jesus sich und Johannes den Täufer gemeint hat. Klaus Berger „übersetzt“ Vers 11 so:

Amen, amen, ich sage dir: Was der Täufer und ich wissen, das verkünden wir, und wir bezeugen, was wir gesehen haben. Und trotzdem wollt ihr unser Zeugnis nicht hören.

Diese Erklärung muss auch schon im 16. Jahrhundert bekannt gewesen sein. Calvin schreibt in seinem Kommentar zum Johannesevangelium:

Einige beziehen das auf Christus und Johannes den Täufer; andere sagen: die Mehrzahl ist hier statt der Einzahl gesetzt.

Bei dieser Erklärung kann man aber nicht davon ausgehen, dass das Wissen und das Sehen von Jesus und Johannes dem Täufer auf derselben Ebene war. Johannes hatte nicht dieselbe Tiefe der Erkenntnis wie Jesus. Doch er war ein Prophet Gottes, der letzte Prophet vor dem Kommen des Messias. Er war der Größte unter den von einer Frau Geborenen (Matthäus 11,11). Er hatte seine Erkenntnis und seinen Auftrag nicht nur durch das Studium der Schrift. Er war von Gott gerufen. Er hatte dadurch Gewissheit über seine Botschaft, die ihm Gott anvertraut hat. Er konnte bezeugen, was er gesehen hat.

Aber das gilt nicht nur für Johannes, sondern für alle wahren Propheten Gottes. Ich kann mir vorstellen, dass Jesus hier sich mit allen Propheten in Einheit weiß, er, der letzte Prophet, auf den die Propheten vor ihm hingewiesen haben.

Calvin schreibt:

Ich aber zweifle nicht, dass Christus sich hier mit allen Propheten Gottes zusammenrechnet und sozusagen als der Mund von ihnen allen redet.

Ich würde das nicht mit derselben Gewissheit, ohne jeden Zweifel ausdrücken. Aber mir scheint diese Erklärung am besten zu passen.

Die Worte „sehen“ und „bezeugen“ lesen wir auch in 1 Johannes 1,2:

[…] das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist […]

Hier geht es aber um das, was Johannes und andere Jünger an Jesus gesehen haben und daher als Augenzeugen verkünden können. Das ist wieder eine andere Art des „Sehens“ als das Sehen Jesu oder der Propheten. Aber vielleicht hat Jesus, auch wenn das im Gespräch mit Nikodemus noch keine Relevanz hatte, auch schon die Verkündigung seiner Jünger in dieses „Wir“ einbezogen.

Das Zeugnis Jesu über den Vater, das durch das Zeugnis der Propheten vorbereitet wurde und uns durch das Zeugnis seiner Jünger überliefert worden ist, ist die Grundlage, auf der der Glaube aufbaut. Dieses Zeugnis ist glaubwürdig und will angenommen werden.

Wer sein Zeugnis annimmt, hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist. (Johannes 3,33)

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