9 Beeil dich, bald zu mir zu kommen! 10 Denn Demas hat mich aus Liebe zu dieser Welt verlassen und ist nach Thessalonich gegangen, Crescens ging nach Galatien, Titus nach Dalmatien.
(2 Timotheus 4,9-10)
Gegen Ende des 2. Timotheusbriefs schrieb Paulus über seine Situation und auch etwas über seine Mitarbeiter. Wie sind seine Worte über Demas zu verstehen? Wollte Paulus damit ausdrücken, dass er vom Glauben abgefallen ist?
Die Aussage, dass er Paulus „aus Liebe zu dieser Welt“ verlassen hat, ist hart. Sie erinnert an 1 Johannes 2,15:
Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht.
Die Worte von Johannes sind klar. Entweder man liebt die Welt oder man liebt Gott. So wie es auch Jesus gesagt hat:
Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Matthäus 6,24)
Jesus und Johannes haben klargestellt, dass es keinen Mittelweg gibt. Entweder Gott oder die Welt.
Bei näherer Betrachtung der Worte Pauli über Demas fallen aber einige Dinge auf:
- Paulus schreibt: Er hat mich verlassen. Es sieht so aus, dass Paulus das noch nicht als ein Verlassen des Weges Jesu verstanden hat.
- Wörtlich steht nicht: aus Liebe zu dieser Welt (κόσμος / kósmos), sondern:
[…] liebend den jetzigen Aion (Münchener NT).
Die Elberfelder Bibel gibt es so wieder:
[…] da er den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen hat.
Im Griechischen steht das Wort αἰών / aiōn, das unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Die Liebe zu „diesem Aion“ drückt auf jeden Fall eine strenge Kritik aus. Wir sollten aber bedenken, dass Paulus den Ausdruck „der jetzige Aion“ auch für die Zeitumstände, unter denen wir jetzt leben, verwendet:
Den Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf gebiete, nicht hochmütig zu sein, noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen – sondern auf Gott, der uns alles reichlich darreicht zum Genuss […] (1 Timotheus 6,17, Elberfelder)
[…] und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf […] (Titus 2,12, Elberfelder)
An anderen Stellen, wie in Galater 1,4, hat dieser Ausdruck aber eine sehr negative Bedeutung:
[…] der sich für unsere Sünden hingegeben hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt zu befreien, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters.
Der Formulierung „den jetzigen Aion“ kann man nicht zu viel entnehmen. Es soll nur festgestellt werden, dass Paulus es etwas anders formuliert hat als Johannes in 1 Johannes 2,15. - Paulus teilt Timotheus mit, dass Demas nach Thessalonich gegangen ist. Warum war das für Timotheus wichtig? Wenn jemand vom Glauben abgefallen ist und ein weltliches Leben lebt, hat die Gemeinde keine Aufgabe mehr an ihm. Warum hat Paulus seinem Mitarbeiter den Aufenthaltsort von Demas mitgeteilt?
Der Name „Demas“ wird von Paulus in seinen Briefen an zwei weiteren Stellen erwähnt:
Es grüßen euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas. (Kolosser 4,14)
23 Es grüßen dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, 24 Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter. (Philemon 23-24)
Alle drei Briefe (2 Timotheus, Kolosser, Philemon) hat Paulus als Gefangener geschrieben (Kolosser 4,3.18; Philemon 1.10; 2 Timotheus 1,16; 2,9; 4,16-17). Es gibt Ähnlichkeiten in den Grußlisten dieser drei Briefe. Außer Demas wird in allen drei Briefen Lukas als bei Paulus seiend genannt. Das spricht dafür, dass Paulus diese drei Briefe in derselben Gefangenschaft verfasst hat. Da im Kolosserbrief (1,1) und im Philemonbrief (1) Timotheus als Mitabsender genannt ist, muss zur Zeit der Abfassung dieser Briefe Timotheus bei Paulus gewesen sein. In 2 Timotheus 4,9.21 hat Paulus Timotheus gebeten, zu ihm zu kommen. Als Paulus die Briefe an die Kolosser und an Philemon geschrieben hat, war Timotheus schon bei ihm. Zusätzlich hat Paulus in 2 Timotheus 4,11 Timotheus gebeten, Markus bei seinem Kommen mitzubringen. In Kolosser 4,10 und Philemon 24 war Markus bei Paulus. Diese Gründe sprechen dafür, dass 2 Timotheus vor Kolosser und Philemon geschrieben wurden. Bei deren Abfassung waren aber nicht nur Timotheus und Markus neu bei Paulus, sondern auch Demas.
Es legt sich nahe, dass Timotheus auf seinem Weg (von Philippi?) zu Paulus über Thessalonich gereist ist, dort mit Demas gesprochen hat und beide gemeinsam zu Paulus gekommen wären.
Ich gehe davon aus, dass Paulus den 2. Timotheusbrief während seiner Gefangenschaft in Cäsarea geschrieben hat. Gründe dafür habe ich im Artikel „Die Pastoralbriefe – von Paulus?“ unter 1.2 zusammengefasst.
Man könnte die Situation in etwa so rekonstruieren:
Demas war einer der Jünger, die Paulus auf seiner letzten Reise nach Jerusalem begleitet haben, als er das von verschiedenen Gemeinden gesammelte Geld überbrachte. In Jerusalem wurde Paulus unter tumultartigen Umständen gefangen genommen (Apostelgeschichte 21,27-40). Demas bekam es mit der Angst zu tun und reiste schnellstmöglich ab, um sein Leben nicht zu gefährden. Die Geschwister in Jerusalem wussten aber, dass er nach Thessalonich, das vermutlich seine Heimatgemeinde war, gereist ist. Paulus, der nach wenigen Tagen nach Cäsarea gebracht wurde, wo er nach Apostelgeschichte 24,23 relativ gute Haftbedingungen hatte, schrieb von dort aus seinen Brief an Timotheus, in dem er seine Enttäuschung über das Verhalten von Demas ausgedrückt hat. Zugleich hat Paulus dem Timotheus auch den Aufenthaltsort von Demas mitgeteilt. Timotheus hat ihn deswegen in Thessalonich besucht und beide sind gemeinsam zu Paulus gereist, wo es zur Versöhnung kam. Bei der Abfassung der folgenden Briefe hat Demas gemeinsam mit anderen Brüdern seine Grüße gesandt.
Demas wäre demnach nicht vom Glauben abgefallen, sondern in einer gefährlichen Situation aus Angst heraus geflüchtet. Das war es, was Paulus die „Liebe zum jetzigen Zeitlauf“ nannte. Später wurde er wieder ein eifriger Mitarbeiter des Apostels.
Wenn nun das alles dafür spricht, dass Demas nicht abgefallen ist, darf nicht der Schluss gezogen werden, dass es die Gefahr des Abfalls nicht gibt. Die zahlreichen Warnungen der Bibel müssen ernst genommen werden.
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