Sonne, bleib stehen über Gibeon …

12 Damals redete Josua zum HERRN, am Tage, da der HERR die Amoriter den Israeliten preisgab, und sprach vor den Augen Israels: Sonne, bleib stehen über Gibeon und du, Mond, über dem Tal von Ajalon! – 13 Und die Sonne blieb stehen und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte. Steht das nicht geschrieben im Buch des Aufrechten? Die Sonne blieb mitten am Himmel stehen und beeilte sich nicht, unterzugehen, ungefähr einen ganzen Tag lang. 14 Nie hat es einen Tag gegeben wie diesen, an dem der HERR auf die Stimme eines Menschen gehört hätte; der HERR kämpfte nämlich für Israel. (Josua 10,12-14)

Im Zuge der Landnahme des Volks Israels lesen wir im Buch Josua über die Schlacht von Gibeon, bei der Israels Heer Gottes Hilfe in ganz besonderer Weise erfahren hat.

Diese Verse hatten eine lange Wirkungsgeschichte. Sie wurden im 17. Jahrhundert verwendet, um gegen Galileo Galilei das geozentrische Weltbild zu verteidigen. In fundamentalistischen Kreisen wurde und wird bis heute versucht, ein naturwissenschaftlich nachweisbares Eingreifen Gottes festzustellen. Doch scheint die Behauptung, dass die NASA einen fehlenden Tag bemerkt habe, heute nicht mehr aufrechterhalten zu werden. Siehe dazu hier und hier.

In eine andere Richtung geht die „bibeltreue“ Neue evangelistische Übersetzung (NeÜ), die den Text wesentlich anders als üblich wiedergibt. Es geht ihr zufolge nicht um das Stehenbleiben der Sonne, sondern dass Sonne und Mond ihren Schein verloren haben, sodass die durch den Nachtmarsch erschöpften Truppen Josuas im Schatten besser kämpfen konnten. Mehr dazu hier.

Was wirklich geschehen ist, werden wir wohl in dieser Welt nicht feststellen können. Der Autor dieses Textes im Buch Josua hatte nicht die Absicht, ein astronomisches Phänomen mitzuteilen. Er wollte über Gottes wunderbare Hilfe in der Schlacht schreiben. Inspiration der Bibel heißt nicht, dass die Schreiber der biblischen Texte über Astronomie oder andere Naturwissenschaften mehr wussten als die Menschen ihrer Zeit. Wenn Jahrhunderte vor Christus alle Menschen ein geozentrisches Weltbild hatten, dann war das auch bei den Autoren der Bibel der Fall. Die Bibel ist im Gegensatz zur Ansicht islamischer Apologeten über den Koran nicht das direkte Wort Gottes, das sich dadurch auszeichne, dass von naturwissenschaftlichen Fakten die Rede sei, die zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht bekannt waren, den sogenannten Wundern des Korans. Geleitet vom Heiligen Geist haben Gottesmänner das Wirken Gottes bezeugt, aber sie waren zugleich Kinder ihrer Zeit mit dem naturwissenschaftlichen Wissensstand ihrer Zeit.

Zu beachten ist der Hinweis auf das „Buch des Aufrechten“ in Josua 10,13. Dieses Buch „Jaschar“, wie es auf Hebräisch heißt, wird auch in 2 Samuel 1,18 erwähnt.

17 Und David sang die folgende Totenklage auf Saul und seinen Sohn Jonatan; 18 er sagte, man solle es die Söhne Judas als Bogenlied lehren; es steht im Buch des Aufrechten. (2 Samuel 1,17-18)

David lebte um das Jahr 1000 v. Chr. Die Landnahme stand je nach bevorzugter Datierung im 15. oder im 13. Jahrhundert v. Chr. statt. Es lagen auf jeden Fall Jahrhunderte zwischen diesen beiden Ereignissen. Wenn der Autor von Josua 10 sich auf das Buch des Aufrechten bezieht, in dem auch Davids Totenklage über Saul geschrieben war, konnte der Text über die Schlacht von Gibeon frühestens zur Zeit Davids geschrieben worden sein, also nicht von einem Augenzeugen. Das Buch des Aufrechten wird nur an diesen beiden Stellen erwähnt. Da die Totenklage Davids über Saul zweifellos ein dichterischer Text war, könnte es sein, dass dieses Buch eine Sammlung von Gedichten und Gesängen über „aufrechte“ Männer und deren Taten war. So konnte sich dort auch eine dichterische Aufarbeitung der Schlacht von Gibeon finden.

So legt sich die Erklärung nahe, dass das Bild von der stehen bleibenden Sonne auf dichterische Weise ausdrücken wollte, dass Gott seinem Volk in ganz besonderer Weise geholfen hat. Sie mögen diesen Tag subjektiv länger erfahren haben, weil Gott ihnen die Zeit geschenkt hat, die sie benötigten, um ihre Feinde zu schlagen.

Möglicherweise spielt auch der Gedanke mit, dass für die heidnischen Völker die Sonne und der Mond wie alle Himmelskörper als Gottheiten gedacht wurden. Hier werden die Himmelskörper aber als dem Befehl Gottes untergeordnet dargestellt. Auf das Wort Josuas hin mussten sie das tun, was Gottes Wille war. Gott steht über allem, was die Heidenvölker als Götter verehren. Alles steht ihm zu Diensten.

Zur Zeit Josuas war Gottes Hilfe im Kampf gegen irdische Feinde sichtbar. Diesen Kampf gibt es heute nicht mehr, da seit Jesus das Reich Gottes kein irdisches Reich ist und sein Volk keine politische Einheit darstellt. Der militärische Kampf damals ist ein Bild für den geistlichen Kampf heute. Über die Rüstung zu diesem Kampf schreibt Paulus in Epheser 6:

10 Schließlich: Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! 11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, um den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen! 12 Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen. 13 Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt! 14 Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, 15 die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. 16 Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. 17 Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes! 18 Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen […] (Epheser 6,10-18)

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