Die Verstellung bezieht sich nicht auf den Islam allein und wurde auch vorher von gottesehrfürchtigen Menschen angewandt. So erzählt die Bibel von Petrus, wie er in der Nacht der Kreuzigung seinen Glauben gleich mehrfach verleugnet hat, um sein Leben zu retten, wie es ihm Jesus (a.) vorhergesagt hatte bzw. nach islamischer Vorstellung ihn sogar damit beauftragt hatte.
Dieses Zitat findet sich im Artikel über Verstellung (taqiyya) auf dem schiitischen Portal eslam.de.
Diese wird so definiert:
Die Verstellung [taqiyya] ist eine im Islam erlaubte Methode zur Verheimlichung des eigenen religiösen Bekenntnisses, wenn das eigene oder ein anderes Leben oder der Bestand des Islam bedroht ist. Da Letzteres nach übereinstimmender Meinung aller Gelehrten [faqih] nur in der Anfangszeit des Islam der Fall war, ist nur noch die Bedrohung von Leben die Ausnahmesituation, in der ein Muslim seinen Glauben öffentlich verleugnen und damit lügen darf, was ihm sonst strengstens verboten ist.
Als vorislamisches Beispiel wird die Verleugnung Jesu durch Petrus „in der Nacht der Kreuzigung“1 genannt.
Was sagt die Bibel dazu? Die Ankündigung der Verleugnung durch Petrus und die Verleugnung selbst wird von allen vier Evangelienschreibern berichtet.2 Ich zitiere hier die Darstellung von Lukas.
31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. 32 Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder! 33 Darauf sagte Petrus zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Jesus aber sagte: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen. (Lukas 22,31-34)
Petrus hat seine Bereitschaft ausgedrückt, für Jesus sogar zu sterben. Das war ehrlich gemeint, aber in der Situation hat sich gezeigt, dass Petrus sich selbst überschätzt hatte.
54 Darauf nahmen sie ihn fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohepriesters. Petrus folgte von Weitem. 55 Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. 56 Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen. 57 Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht! 59 Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. 60 Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. 61 Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22,54-62)
Beim Lesen dieses Textes gewinnt man nicht den Eindruck, dass Jesus seinem Jünger beauftragt hatte, ihn zu verleugnen. Nach der dritten Verleugnung kam es zu einer kurzen Begegnung zwischen dem Herrn, der gerade von Hannas zu Kajaphas geführt wurde (Johannes 18,24) und Simon Petrus. Der Blick seines Herrn erinnerte Petrus daran, dass Jesus ihm schon im Vorhinein sein Versagen angekündigt hatte. Dadurch wurde er sich der Tragweite seiner Sünde bewusst und weinte bitterlich.
Jesus hatte Petrus nicht „beauftragt“, ihn zu verleugnen und dadurch ein Beispiel für die islamische Taqiyya zu geben. Jesus hat Petrus auf seine Schwachheit aufmerksam gemacht, ihn aber nicht in seiner Sünde verzweifeln lassen, sondern ihm auch Hoffnung gemacht. Er hat für ihn gebetet, dass sein Glaube nicht erlischt und auch von seiner kommenden Umkehr gesprochen.
Nach seiner Auferstehung hat Jesus Petrus dreimal gefragt, ob er ihn liebe (Johannes 21,15-17). Diese dreimalige Frage sollte Petrus daran erinnern, dass er seinen Herrn dreimal verleugnet hat. Petrus ist von seiner Sünde umgekehrt. So konnte er in neuer Treue zu Jesus seine Verantwortung für seine Glaubensbrüder, die „Schafe“ Jesu, wieder wahrnehmen:
Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! (aus Johannes 21,17)
Jesus hat nicht gelehrt, dass man seinen Glauben verleugnen darf. Er hat sie zum Bekenntnis auch um den Preis des eigenen Lebens aufgefordert.
28 Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! 29 Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. 31 Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. 32 Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. 33 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen. (Matthäus 10,28-33)
Jesus selbst ist seinem Weg bis in den Tod treu geblieben. Er schenkt auch seinen Jüngern durch seinen Geist die Kraft, ihm die Treue zu bewahren.
16 Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! 17 Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. 18 Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. 19 Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. 20 Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden. (Matthäus 10,16-20)
Jesus ist die Wahrheit. Er hat nicht die Lüge gelehrt. Wenn Muslime Verstellung im Namen ihres Gottes lehren, können sie sich vielleicht auf ihren eigenen Propheten berufen, keinesfalls aber auf Jesus.
Ich kenne deine Taten, siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann. Du hast nur geringe Kraft und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet. (Offenbarung 3,8)
- Gesteht der Autor hier ein, dass – entgegen dem üblichen Verständnis von Sure 4,157-158 – Jesus tatsächlich gekreuzigt wurde? Mehr zu diesem Thema in diesem Beitrag. ↩
- Ein Vergleich der verschiedenen Darstellungen der Verleugnung Jesu durch Petrus ist hier zu lesen. ↩
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