In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte schreibt Lukas über die Frühzeit der Gemeinde in Jerusalem. In Kapitel 5,27-33 lesen wir, wie sich die Apostel vor dem Hohen Rat verantworten mussten. Die Reaktion auf ihr entschlossenes Zeugnis war:
Als sie das hörten, gerieten sie in Zorn und beschlossen, sie zu töten. (Apostelgeschichte 5,33)
Doch dem trat ein angesehener Pharisäer namens Gamaliel entgegen:
34 Da erhob sich im Hohen Rat ein Pharisäer namens Gamaliël, ein beim ganzen Volk angesehener Gesetzeslehrer; er befahl, die Apostel für kurze Zeit hinauszuführen. 35 Dann sagte er: Israeliten, überlegt euch gut, was ihr mit diesen Leuten tun wollt! 36 Vor einiger Zeit nämlich trat Theudas auf und behauptete, er sei etwas Besonderes. Ihm schlossen sich etwa vierhundert Männer an. Aber er wurde getötet und sein ganzer Anhang wurde zerstreut und aufgerieben. 37 Nach ihm trat in den Tagen der Volkszählung Judas, der Galiläer, auf; er brachte viel Volk hinter sich und verleitete es zum Aufruhr. Auch er kam um und alle seine Anhänger wurden zerstreut. 38 Darum rate ich euch jetzt: Lasst von diesen Männern ab und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; 39 stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen. (Apostelgeschichte 5,34-39a)
Gamaliel verwies auf zwei Rebellen, deren Bewegungen sich nach dem Tod ihrer Führer zerstreut hatten. So konnte man auch erwarten, dass sich die Anhängerschaft Jesu wieder zerstreuen würde, wenn die Sache nicht von Gott war.
Der in Vers 37 genannte Judas der Galiläer trat „in den Tagen der Volkszählung“ auf. Damit war nicht die Volkszählung zur Zeit der Geburt Jesu gemeint, sondern der Zensus im Jahre 6 n. Chr., als Judäa zu einer römischen Provinz wurde. Über den Aufstand des Judas schreibt auch Flavius Josephus (Jüdischer Krieg 2,118).
Ein Problem ergibt sich aber mit der Gestalt des Theudas. Flavius Josephus erwähnt einen Theudas in den Jüdischen Altertümern 20,97-98:
97 Noch während Fadus Landpfleger von Judaea war, bewog ein Betrüger mit Namen Theudas eine ungeheure Menschenmenge, ihm unter Mitnahme ihrer gesamten Habe an den Jordan zu folgen. Er gab sich nämlich für einen Propheten aus und behauptete, er könne durch sein Machtwort die Fluten des Jordan teilen und seinem Gefolge einen bequemen Durchgang ermöglichen. 98 Durch solche Spiegelfechtereien gelang es ihm, viele zu täuschen. Indes duldete Fadus nicht, dass ihr sinnloses Treiben Schaden stifte, indem er eine Abteilung Reiter gegen sie aussandte, die unversehens über sie herfiel, viele von ihnen tötete und andere in Gewahrsam brachte. Theudas selbst geriet ebenfalls in Gefangenschaft, worauf er enthauptet und sein Kopf nach Jerusalem gebracht wurde.
Dieser Theudas trat auf, als Cuspius Fadus 46-49 n. Chr. Prokurator von Judäa war. Da die in Apostelgeschichte 5 erzählte Begebenheit in den frühen 30er-Jahren stattfand, konnte damals Gamaliel unmöglich über einen Aufstand gewusst haben, der sich erst mehr als ein Jahrzehnt später ereignet hat.
Hat nun Lukas, als er die Apostelgeschichte schrieb, einen Fehler gemacht und Gamaliel Worte in den Mund gelegt, die er nicht gesagt haben konnte? Es wäre kein grundsätzliches Problem, wenn Lukas aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Quellen ein historischer Fehler unterlaufen wäre. Die historische Recherche war nicht Inhalt der Inspiration. Allerdings hat Lukas im Vorwort seines Evangeliums festgehalten, dass er allem sorgfältig nachgegangen ist (Lukas 1,3). Man kann aber einen Fehler dennoch nicht völlig ausschließen.
Es bestünde auch die Möglichkeit, dass Josephus oder seine Quellen nicht zuverlässig waren. So schreibt etwa die Jerusalemer Bibel in einer Anmerkung zu Apostelgeschichte 5,36-37, dass die Zeitangaben, die er bietet, „kaum zuverlässig“ sind.
Beachtenswert ist, dass nach den Worten Gamaliels Theudas vor Judas dem Galiläer auftrat, nicht ca. 40 Jahre später.
Es gibt auch wesentliche Unterschiede zwischen der Darstellung der Apostelgeschichte und der des Josephus.
- Nach Apostelgeschichte 5,36 schlossen sich Theudas etwa vierhundert Männer an. Josephus schrieb jedoch über eine „ungeheure Menschenmenge“.
- Gamaliel sprach nur von der Tötung des Theudas, nicht aber der seiner Anhänger, die zerstreut wurden. Nach Josephus wurden aber viele von ihnen getötet.
Es ist daher durchaus möglich, dass in der Apostelgeschichte und bei Flavius Josephus von unterschiedlichen Aufständen die Rede ist.
Josephus schreibt über die Zeit nach dem Tod Herodes‘ des Großen:
Um diese Zeit entstanden in Judaea auch noch vielerlei andere Unruhen, indem gar manche bald hier, bald da entweder aus Gewinnsucht oder aus Hass gegen die Juden Aufruhr anzettelten. (Jüdische Altertümer 17,269)
Der von Gamaliel genannte Aufstand des Theudas könnte eine dieser „vielerlei anderen Unruhen“ gewesen sein. Mit nur ungefähr 400 Anhängern gehörte Theudas wohl zu den eher weniger bedeutenden Rebellen und mag aus diesem Grund von Josephus nicht genannt worden sein.
Die Erklärung, dass in Apostelgeschichte 5,36 und in Jüdische Altertümer 20,97-98 von unterschiedlichen Personen mit dem Namen Theudas die Rede ist, ist durchaus plausibel. Es gibt keinen ernsthaften Grund, an der historischen Glaubwürdigkeit von Lukas zu zweifeln.
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