Zur Bekehrung des Königs Manasse

In 2 Könige 21,1-18 wird König Manasse als einer der schlimmsten Könige Judas dargestellt. Der am längsten regierende König des Südreichs hat einen nachhaltig negativen Einfluss auf sein Volk ausgeübt. Nach dem Urteil des Verfassers oder Redaktors des Königsbuchs und des Propheten Jeremia war auch die Zerstörung Jerusalems und die Verschleppung des Volks ins babylonische Exil eine Folge der Bosheit Manasses.

26 Doch der HERR ließ von der gewaltigen Glut seines Zornes nicht ab. Sein Zorn war über Juda entbrannt wegen all der Kränkungen, die Manasse ihm zugefügt hatte. 27 Darum sprach der HERR: Auch Juda will ich von meinem Angesicht entfernen, wie ich Israel entfernt habe. Ich verwerfe diese Stadt Jerusalem, die ich erwählt habe, und das Haus, von dem ich gesagt habe: Hier wird mein Name sein. (2 Könige 23,26-27)

3 Nur weil der HERR zürnte, kam dieses Unglück über Juda, sodass er es von seinem Angesicht verstieß. Es geschah wegen der Sünde Manasses, für alles, was dieser getan hatte, 4 auch wegen des unschuldigen Blutes, das Manasse vergossen und mit dem er Jerusalem angefüllt hatte. Das wollte der HERR nicht mehr verzeihen. (2 Könige 24,3-4)

Ich mache sie zu einem Bild des Schreckens für alle Reiche der Erde wegen des Manasse, des Sohnes Hiskijas, des Königs von Juda, zur Strafe für das, was er in Jerusalem verübt hat. (Jeremia 15,4)

Weitere Gedanken dazu gibt es in diesem Beitrag.

Auch im Chronikbuch, das weitgehend auf dem Königsbuch aufbaut, wird König Manasses Bosheit entsprechend kritisiert (2 Chronik 33,1-10).

Aber der Chronist schreibt auch über die Bekehrung dieses gottlosen Königs:

11 Da ließ der HERR die Heerführer des Königs von Assur gegen sie anrücken. Sie nahmen Manasse mit Haken gefangen, fesselten ihn mit bronzenen Ketten und führten ihn nach Babel. 12 Als man ihn so bedrängte, suchte er den HERRN, seinen Gott, zu besänftigen. Er beugte sich tief vor dem Gott seiner Väter 13 und betete zu ihm. Gott erbarmte sich seiner; er hörte sein Flehen und ließ ihn als König nach Jerusalem zurückkehren. So musste Manasse erfahren, dass der HERR der wahre Gott ist. 14 Danach baute er für die Davidstadt eine äußere Mauer, die im Tal westlich vom Gihon gegen das Fischtor lief, sodass er den Ofel umschloss; er machte sie sehr hoch. Auch bestellte er Kriegsoberste für alle befestigten Städte Judas. 15 Sodann entfernte er die fremden Götter und das Götzenbild aus dem Haus des HERRN, auch alle Altäre, die er auf dem Berg des Hauses des HERRN und in Jerusalem errichtet hatte, und warf sie vor die Stadt hinaus. 16 Den Altar des HERRN aber stellte er wieder her, brachte auf ihm Heils- und Dankopfer dar und befahl Juda, dem HERRN, dem Gott Israels, zu dienen. 17 Doch opferte das Volk immer noch auf den Kulthöhen, wenn auch nur dem HERRN, seinem Gott. (2 Chronik 33,11-17)

Im Bericht über Manasses Sohn Amon wird Manasses Umkehr noch einmal kurz erwähnt:

22 Wie sein Vater Manasse tat er, was böse war in den Augen des HERRN; er opferte allen Götzenbildern, die sein Vater Manasse hatte machen lassen, und verehrte sie. 23 Doch demütigte er sich nicht vor dem HERRN wie sein Vater Manasse, sondern vermehrte die Schuld. (2 Chronik 33,22-23)

Wie sollen wir die gegensätzliche Darstellung im Königsbuch und in der Chronik verstehen? Wenn Manasse tatsächlich zu Gott umgekehrt wäre, hätte der Verfasser des Königsbuchs ein falsches Bild über diesen König gemalt. Er hätte zwar seine Sünden korrekt berichtet. Doch durch die Nichterwähnung seiner Umkehr kommt der Leser zu einem falschen Gesamtbild. Noch dazu hat er auch später noch zweimal die Sünden Manasses als einen Grund für das Gericht über Jerusalem genannt. Auch der Prophet Jeremia scheint von der Bekehrung Manasses nichts gewusst zu haben.

Claus Schedl1 versucht die Verschleppung Manasses nach Babylon zeitgeschichtlich einzuordnen:

Die Zeit, eine selbständige Politik zu treiben, war vorbei. Bei einer nicht feststellbaren Gelegenheit, wohl im Zusammenhang mit dem Bruderkrieg in Babylonien, ließ sich Menasseh dennoch zur Revolte gegen den assyrischen Zwingherrn verleiten. Ein aussichtsloses Beginnen! Er wurde gefangengenommen, mit Nasenring und Leitseil nach Babel gebracht, dann aber ähnlich wie seinerzeit der ägyptische Gaufürst Necho nochmals in sein Königtum eingesetzt, sicher nicht, ohne ihm vorher ein entsprechendes Treueversprechen abgenommen zu haben (2 Chr 33,11-13).

Nach dem Urteil der biblischen Geschichtsschreiber gehört Menasseh zu den schlechtesten Königen, die je auf Davids Thron gesessen, da er den Göttern Assurs und Kanaans Tür und Tor in seinem Reich geöffnet hatte. Um ihm aber geschichtlich irgendwie gerecht zu werden, muß man bedenken, daß er als assyrischer Satellit auch in religiösen Belangen keine freie Hand hatte. […]

Während im Königsbuch die Gestalt Menassehs nur in Schwarz gezeichnet ist, weiß der Chronist von einem totalen Wandel dieses „schlechtesten“ Königs zu berichten (2 Chr 33,14). Nach seiner „Erniedrigung“ habe er den Jahwekult vollständig wiederhergestellt. War dies bloß seiner inneren Bekehrung zuzuschreiben? War es nicht zugleich auch ein Zeichen, daß sich die Flügelsonne Assurs dem Untergang zuneigte? […]

Menasseh war also ein Herrscher, der dem Druck der Zeit mehr Raum gab, als zu verantworten war, der aber beim Nachlassen dieses Druckes die Chancen für sich nutzte und dem niedergehaltenen Ideal zur gegebenen Stunde zum Siege verhalf. Sicher eine Gestalt, die im Zwielicht der Geschichte schwer zu beurteilen ist.

Schedl versuchte, stärker die politischen Hintergründe zu sehen, wollte auch die Bekehrung des Königs nicht leugnen, sie aber auch dem nachlassenden assyrischen Druck zuschreiben.

Mir ist in 2 Chronik 33 eine Spannung zwischen den Versen 15 und 22 aufgefallen. Amon verehrte die Götzenbilder, die sein Vater Manasse doch schon entfernt hatte. Hatte Manasse sie nur halbherzig entfernt und nicht zerstört und dadurch jeder weiteren Verwendung entzogen? Der Chronist ist in seiner Darstellung Amons dem Königsbuch gefolgt:

20 Wie sein Vater Manasse tat er, was böse war in den Augen des HERRN, 21 und folgte ganz den Wegen, die sein Vater gegangen war. Er diente den Götzen, die sein Vater verehrt hatte, und warf sich vor ihnen nieder. (2 Könige 21,20-21)

Das spricht dafür, dass Manasse die Götterbilder zumindest nicht dauerhaft entsorgt hat, und somit auch gegen eine wirkliche Bekehrung des Königs.

Der Chronist verweist auf die Quellen seiner Darstellung:

18 Die übrige Geschichte Manasses, sein Gebet zu seinem Gott und die Worte der Seher, die im Namen des HERRN, des Gottes Israels, zu ihm redeten, sind aufgezeichnet in der Geschichte der Könige von Israel. 19 Sein Gebet und dessen Erhörung, alle seine Sünden und treulosen Taten, die Orte, an denen er Kulthöhen errichtete und Kultpfähle und Götzenbilder aufstellte, bevor er sich demütigte, sind aufgezeichnet in der Geschichte seiner Seher. (2 Chronik 33,18-19)

Die „Geschichte der Könige von Israel“ meint wohl das Königsbuch, auch wenn das „Gebet zu seinem Gott“ dort nicht erwähnt ist. In Vers 19 ist nochmals von seinem Gebet und dessen Erhörung die Rede, diesmal in der „Geschichte der Seher“ oder der „Geschichte des Hosai“. Dieses sonst nicht genannte Werk ist nicht erhalten. Es ist daher nicht möglich, Näheres über den Inhalt dieses Buchs zu wissen.

Das Chronikbuch ist lange Zeit nach dem Exil geschrieben worden. In 1 Chronik 3,17-24 werden sieben nachexilische Generationen aus dem Geschlecht Davids aufgelistet. Das heißt, dass zur Zeit der Niederschrift der Chronik schon eine längere Zeit seit der Rückkehr aus dem Exil vergangen war. Der Chronist war in seiner Darstellung auf die ihm zugänglichen Quellen angewiesen. Inspiration bedeutet nicht Fehlerlosigkeit in der historischen Darstellung.

Mir erscheint es denkmöglich, dass die ursprüngliche Erzählung über die Bekehrung Manasses in der „Geschichte der Seher“ nicht als historischer Bericht gedacht war, sondern als eine Ermunterung für die nach Babylon verbannten Juden.

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass die Assyrer Manasse nicht nach Ninive, sondern nach Babylon verschleppt haben. Schedl hat einen Zusammenhang mit einem Aufstand in Babylon gesehen.

Für einen exilischen Autor, der über den Aufenthalt Manasses in Babylon wusste, konnte das ein Punkt sein, in dem er eine Parallele zum Schicksal der Exilierten sah. Sie waren wegen der Sünden Manasses ins Exil gekommen. Natürlich muss ihm bewusst gewesen sein, dass es auch und vorwiegend die eigenen Sünden waren, die die Juden ins Exil gebracht haben. Die Gefangenschaft in Babylon stellte einen gewissen Wendepunkt in der Geschichte Manasses dar, auch wenn von einer echten Bekehrung keine Rede sein konnte. Die Erzählung über die Umkehr Manasses in Babylon sollte eine Ermunterung für die Exilierten sein, sich mit ganzer Kraft und aus ganzem Herzen Gott zuzuwenden. Unter dieser Voraussetzung kann Gott sie befreien und wieder in das Land der Verheißung zurückführen, in welchem sie – wie Manasse in der Erzählung – nicht mehr den alten nutzlosen Götzen dienen würden, sondern einzig dem allein wahren Gott. So wäre es in dieser Erzählung gar nicht um Manasse gegangen, sondern um die Juden im babylonischen Exil, die das tun sollten, was in dieser Geschichte über Manasse gesagt wurde.

Der Chronist hat dann bei der Erstellung seines Werks die „Geschichte der Seher“ als historische Darstellung verstanden und für sein Buch verwendet.

Mir ist bewusst, dass diese Erklärung nur eine Möglichkeit darstellt, wie es gewesen sein könnte. Diese Erklärung könnte nicht nur die Spannung zwischen dem Königsbuch und der Chronik auflösen, sondern könnte auch dazu beitragen, in der Erzählung der Umkehr des Königs Manasse eine Ermunterung zu sehen, sich trotz vieler Sünden Gott zuzuwenden, auch wenn der historische Manasse das nicht getan hat. Viele der nach Babylon verbannten Juden haben sich vom Götzendienst gelöst und ihr Vertrauen auf Gott gesetzt. Sie durften wieder ins Land, das Gott ihren Vätern verheißen hat, zurück und ihm dort dienen.

12 Ruft ihr mich an, geht ihr hin und betet zu mir, dann werde ich auf euch hören. 13 Und sucht ihr mich, so werdet ihr ⟨mich⟩ finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, 14 so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR. Und ich werde euer Geschick wenden und euch sammeln aus allen Nationen und aus allen Orten, wohin ich euch vertrieben habe, spricht der HERR. Und ich werde euch an den Ort zurückbringen, von dem ich euch gefangen weggeführt habe. (Jeremia 29,12-14; Elberfelder)


  1. Claus Schedl, Geschichte des Alten Testaments. IV. Band: Das Zeitalter der Propheten, Innsbruck 1962, S. 307-308. 

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑