Ein regelmäßiges Wunder?

1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. 3 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte, die auf die Bewegung des Wassers warteten. 4 Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als Erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt. 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. 6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. 8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! 9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat.
(Johannes 5,1-9)

Die fett hervorgehobenen Teile (Vers 3b und Vers 4) fehlen in fast allen modernen Bibelausgaben. Meist findet man diesen Text in einer Fußnote als späteren Einschub vermerkt. Die ältesten Handschriften enthalten diese Worte nicht. In den Papyri 66 und 75 (beide 2. Jahrhundert) und den Kodizes Sinaitikus und Vatikanus (beide aus dem 4. Jahrhundert) und weiteren Handschriften fehlen sie. Bruce Metzger1 weist darauf hin, dass Vers 4 auch in lateinischen, syrischen, koptischen und georgischen Handschriften fehlt. In über zwanzig griechischen Handschriften, die diesen Vers haben, wurde er durch Sternchen oder kleine Kreise als verdächtig markiert. Weiters kommen einige Wörter vor, die Johannes sonst nicht verwendet hat. Zusätzlich ist auch die Überlieferung dieses Textes nicht einheitlich. Es gibt Varianten im Detail.

Es spricht also alles dafür, dass es sich bei Johannes 5,3b-4 um einen späteren Zusatz handelt. Möglicherweise hat jemand in einer Randbemerkung das Aufwallen des Wassers, von dem in Vers 7 die Rede ist, so erklären wollen. Durch ein Versehen eines Abschreibers könnte diese Bemerkung in den Text eingedrungen sein.

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts war dieser Einschub schon bekannt. Tertullian hat ihn in seiner Schrift De Baptismo 5 als Bestandteil des Bibeltextes verstanden.

Ein herabsteigender Engel setzte den Fischteich Bethsaida in Bewegung. Darauf gab acht, wer über seine Gesundheit zu klagen hatte. Wenn er dann zuerst hinabstieg, so war er des Klagens nach dem Bade überhoben.

Zur Erklärung der Situation am Teich Betesda hat John A. T. Robinson2 eine interessante Erklärung vorgelegt. Er stellt fest, dass es nicht darum gehen konnte, die Kranken in den Teich zu „werfen“. Es handelte sich um zwei Becken, die beide sehr tief waren. Der südliche Teich war bis zu 14 m tief. Kranke in diesen Teich zu werfen oder auch nur hineinzusetzen, hätte diese der Gefahr ausgesetzt, zu ertrinken. Vermutlich wurden diese Becken auch zur Wasserversorgung des Tempelbezirks benutzt. In diesem Fall hätte das eine Verunreinigung des im Tempel für rituelle Zwecke verwendeten Wassers bedeutet.

[…] unmittelbar östlich der Teiche wurde ein Gelände entdeckt, das an seiner unteren Ebene eine Anzahl kleiner Grotten enthielt, die aus der Zeit von der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. bis zum Jahre 70 n. Chr. stammen, mit zu ihnen hinunterführenden Stufen sowie rechteckigen steinernen Becken, die vermutlich zu Waschungen dienten.

[…] Was über den Eingängen zu den seichten Grotten gebaut war und wie viele es gab, läßt sich heute nicht mehr feststellen: Es gibt keine klare Bestätigung. Doch die Beschreibung ist ganz und gar verständlich, besonders, da die hinunterführenden Stufen schmal sind und nicht für mehr als einen Patienten mit seinen Trägern Platz boten; es könnte zu spät sein, wenn das Wasser wieder zurückgewichen wäre.

Doch wie steht es um die „Wallung“ der Gewässer? […]
Die wahrscheinlichste Erklärung ist, daß wir es hier mit einer aussetzenden Siphonquelle jenes Typs zu tun haben, der noch in der nahegelegenen Gichonquelle an der Westseite des Kidrontals zu sehen ist; diese versorgt (über den Tunnel des Ezechias) den Teich Siloach mit Wasser. Eine solche Quelle wirkt in etwa nach demselben Prinzip wie ein selbstspülender Wasserbehälter in einem Waschraum. Sobald sich das unterirdische Becken auffüllt, wird sein Inhalt abgesaugt […]

Das Problem an dieser Erklärung ist, dass es heute dort keine aktiven Quellen gibt. Robinson entnimmt aber einer Stelle bei Flavius Josephus, dass es im Jahre 70 dort Quellen gab.

Diese Erklärung würde das Aufwallen des Wassers ohne Engel erklären und erscheint plausibel.

Ich sehe in der Darstellung von Vers 4 vor allem ein theologisches Problem. Man müsste ein ständiges und regelmäßiges Wunder annehmen. Der Engel hätte am laufenden Band für Heilungswunder gesorgt. Für die Heilung wäre entscheidend gewesen, wer am schnellsten im Wasser war. Diejenigen, die die Heilung am nötigsten hatten, hätten die geringsten Chancen gehabt, geheilt zu werden. Die Heilung wäre auch unabhängig vom Glauben oder der inneren Gesinnung des Kranken gewesen. Gewiss hat auch der von Jesus geheilte Kranke von sich aus keinen Glaubensschritt gesetzt. Es war Jesus, der auf ihn zugegangen ist. Doch war er, der schon 38 Jahre krank war, auf jeden Fall sehr bedürftig. Mehr dazu in diesem Beitrag.

Ohne Vers 4 kommt man auch nicht auf den Gedanken, dass jeder, der als Erster ins Wasser stieg, geheilt wurde. Es gab nur die Erwartung, geheilt zu werden. Nach der Beschreibung von Robinson hatte ohnehin nur ein Kranker Platz im Becken, bevor das Wasser wieder zurückwich.

Diese Art von Wunder, wie sie in Vers 4 dargestellt wird, findet man sonst in der Bibel nicht. Gott wirkt nicht in dieser Weise anonym. Es geht immer um eine persönliche Begegnung. Deswegen hat auch der Schatten von Petrus in Apostelgeschichte 5,15 nicht automatisch geheilt, auch wenn man den Text so verstehen könnte. Deswegen konnte sich auch die kranke Frau, die das Kleid Jesu berührt hatte, nicht in der anonymen Masse verstecken (Markus 5,24-34).

Die Heilungen in der Bibel geschahen durch persönliche Zuwendung. Gott hat nicht einen Engel abgestellt, um diejenigen, die am schnellsten (oder auch am rücksichtslosesten?) waren, zu heilen.

Wichtiger als die körperliche Heilung ist die geistliche Heilung, die Versöhnung mit Gott. Auch diese gibt es nur durch persönliche Zuwendung zu Gott.

Er heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden. (Psalm 147,3)


  1. Bruce M. Metzger, A Textual Commentary on the Greek New Testament, 2. Auflage, Stuttgart 1994, S. 179. 
  2. John A. T. Robinson, Johannes – Das Evangelium der Ursprünge, Wuppertal 1999, S. 57-62. 

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