Eine oder zwei Tempelreinigungen?

Alle vier Evangelien berichten, dass Jesus Händler von Opfertieren und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem getrieben hat.

12 Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 13 und sagte zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle. (Matthäus 21,12-13)

15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. 17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. (Markus 11,15-17)

45 Dann ging er in den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben. 46 Er sagte zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. (Lukas 19,45-46)

13 Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. 15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um 16 und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! 17 Seine Jünger erinnerten sich, dass geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. 18 Da ergriffen die Juden das Wort und sagten zu ihm: Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. 20 Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? 21 Er aber meinte den Tempel seines Leibes. (Johannes 2,13-21)

Mit dem Wort „Tempel“ ist nicht das eigentliche Tempelgebäude gemeint, das nur von den Priestern betreten werden durfte, sondern die zum Tempelareal gehörenden Vorhöfe, in denen Opfertiere verkauft wurden und Geld zur Zahlung der Tempelsteuer gewechselt wurde, die nur mit bestimmten Münzen bezahlt werden durfte.

Außerdem muss festgehalten werden, dass Jesus hier ein prophetisches Zeichen setzte und dass es sich nicht um einen politischen oder militärischen Aufstand handelte, wie manchmal angenommen wurde.

Nach allen vier Evangelien fand diese „Tempelreinigung“ vor einem Paschafest statt. Nach Matthäus, Markus und Lukas war es wenige Tage vor dem Paschafest, zu dem Jesus gekreuzigt wurde.

Johannes bringt die Tempelreinigung am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Durch das Wort seiner Gegner in 2,20, dass sechsundvierzig Jahre am Tempel gebaut worden ist, lässt sich diese Situation auf das Paschafest des Jahres 28 datieren. Es ist nicht der Bau des Tempels unter Serubbabel gemeint, der nur fünf Jahre (520-515 v. Chr.) gedauert hat, sondern die Renovierungs- und Ausbauarbeiten durch Herodes den Großen, die 20/19 v. Chr. begonnen haben. Die Bauarbeiten waren damals noch lange nicht abgeschlossen. Sie wurden erst 63 n. Chr. beendet, sieben Jahre vor der Zerstörung des Tempels durch die Römer.

Auch sonst unterscheidet sich die Darstellung von Johannes von der der synoptischen Evangelien. Laut diesen hat Jesus ein Wort aus Jesaja 56,7 in Verbindung mit Jeremia 7,11 angeführt.

[…] sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer werden Gefallen auf meinem Altar finden, denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden. (Jesaja 56,7)

Ist denn dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, in euren Augen eine Räuberhöhle geworden? Auch ich, siehe, ich habe es gesehen – Spruch des HERRN. (Jeremia 7,11)

Nach Johannes 2,16 hat sich Jesus sanfter ausgedrückt und nur von einer Markthalle gesprochen.

Nach Matthäus 21,12 und Markus 11,15 hat Jesus die Stände der Taubenhändler umgestoßen. Nach Johannes 2,16 hat er sie nur aufgefordert: „Schafft das hier weg!“

Sollen wir nun annehmen, dass es zwei ähnliche Ereignisse gegeben hat, einmal in der Anfangszeit seines Wirkens und das zweite Mal bei Jesu letztem Besuch in Jerusalem wenige Tage vor seinem Tod? Er hätte sich dann beim ersten Mal zurückhaltender verhalten als beim zweiten Mal.

In allen vier Berichten ist auch von Geldwechslern die Rede. Diese Geldwechsler hatten ihren Sitz im Tempel nicht ständig, sondern nur zu der Zeit, als die Tempelsteuer zu zahlen war.

In der Mischna Schekalim 1,1.3 heißt es dazu:

Am ersten Adar werden Bekanntmachungen in Bezug auf die Tempelsteuer und die gemischten Arten erlassen. […]
Am fünfzehnten liessen sich Banken in der Provinz nieder, am fünfundzwanzigsten liessen sich welche im Heiligtum nieder. Sowie sich solche im Heiligtum niedergelassen hatten, fing man zu pfänden an.

Das mit „Banken“ übersetzte Wort שֻׁלְחָנוֹת / šulchānôt heißt wörtlich „Tische“. Es sind die Tische der Geldwechsler für die Tempelsteuer gemeint. Diese wurden am 25. Adar im Heiligtum aufgestellt. Adar war der letzte Monat des Jahres (Februar / März), das mit dem Monat Nisan (März / April) begann. Das Paschafest begann am 15. Nisan.

Jesus konnte daher diese prophetische Handlung nicht vor dem 25. Adar gesetzt haben, da es vorher keine Tische der Geldwechsler im Tempel gab.

Der Kommentar von Strack-Billerbeck1 weist darauf hin, dass das Einheben der Tempelsteuer bis zum 1. Nisan abgeschlossen sein musste.

pScheq 1,15d.23: Warum am Ersten im Adar? Damit die Israeliten ihre Scheqelabgaben in der dafür festgesetzten Zeit entrichten u. damit die Hebe der Schatzkammer aus der neuen Scheqelabgabe zu ihrer bestimmten Zeit am Ersten im Nisan erhoben werden kann.

Das bedeutet, dass nach dem ersten Nisan keine Tische der Geldwechsler mehr im Tempel standen, da die Zeit zur Entrichtung der Tempelsteuer vorbei war.

Nun ist Jesus zu seinem letzten Besuch erst fünf Tage vor dem Paschafest in Jerusalem eingezogen. Das ergibt sich aus Johannes 12,1, wo die Salbung in Betanien sechs Tage vor dem Paschafest datiert wird, und Johannes 12,12, wo der Evangelist vom Einzug Jesu in Jerusalem am Tag darauf berichtet.

Daraus ergibt sich, dass, sofern die nachbiblischen jüdischen Überlieferungen im Talmud zutreffen, bei Jesu letztem Besuch in Jerusalem am 10. Nisan die Tische der Geldwechsler nicht mehr in den Vorhöfen des Tempels standen.

Beim ersten nur von Johannes erzählten Aufenthalt Jesu in Jerusalem wird kein konkretes Datum seines Eintreffens in der Stadt genannt. In Johannes 2,13 heißt es nur:

Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf.

„Nahe“ ist ein dehnbarer Begriff. Wenn Jesus zwischen dem 25. und letzten Adar, also etwas mehr als zwei Wochen vor dem Fest, angekommen ist, standen die Tische der Geldwechsler im Tempel.

Die synoptischen Evangelien unterscheiden sich von Johannes dadurch, dass sie nur von einem Besuch Jesu in Jerusalem berichten, während das Johannesevangelium, das sich an die chronologische Reihenfolge der Ereignisse hält, von mehreren Aufenthalten Jesu in Jerusalem erzählt. So hat Johannes die Tempelreinigung an ihrem historisch korrekten Zeitpunkt erzählt, die synoptischen Evangelien konnten sie nur im Zusammenhang mit dem einzigen Besuch Jesu, von dem sie erzählten, unterbringen.

Die Unterschiede in der Darstellung sind nicht so gravierend, dass sie nicht harmonisiert werden könnten. Jesus konnte sowohl von einer Markthalle als auch von einer Räuberhöhle gesprochen haben. Wenn er den Taubenhändlern sagte, dass sie ihre Sachen wegschaffen sollen, schließt das nicht aus, dass er zuvor ihre Stände umgeworfen hat.

Es gibt außerdem eine weitere Übereinstimmung zwischen Matthäus und Johannes. Matthäus berichtet im Anschluss an die Tempelreinigung über Heilungen:

 Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. (Matthäus 21,14)

Johannes berichtet indirekt darüber:

Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die er tat. (Johannes 2,23)

Johannes führt zwar nicht im Detail aus, welche Zeichen (= Wunder) Jesus gewirkt hat. Doch sie geschahen nach der Tempelreinigung.

Wir können daher davon ausgehen, dass die Tempelreinigung nur einmal war, und zwar in der Anfangszeit des öffentlichen Wirkens Jesu.

Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!, spricht der HERR der Heerscharen. (Maleachi 3,1)


  1. Das Evangelium nach Matthäus erläutert aus Talmud und Midrasch von Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, München 1922, S. 762. 

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑