Erfüllen sich jetzt die Worte der Propheten über Gaza?

Angesichts der derzeitigen Ereignisse im Nahen Osten und insbesondere im Gazastreifen denken manche Endzeitspezialisten, dass wir Zeugen der Erfüllung alter biblischer Prophetien über die Stadt Gaza werden. Ist dem wirklich so?

Betrachten wir doch alle Prophetenworte über Gaza der Reihe nach!


6 So spricht der HERR: Wegen der drei Verbrechen von Gaza und wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie ganze Gebiete entvölkerten, um die Verschleppten an Edom auszuliefern, 7 darum schicke ich Feuer in Gazas Mauern; es frisst seine Paläste. 8 Ich vernichte den Herrscher von Aschdod und den Zepterträger von Aschkelon. Ich wende meine Hand gegen Ekron und der Rest der Philister wird verschwinden, spricht GOTT, der Herr. (Amos 1,6-8)

Amos wirkte im 8. Jahrhundert v. Chr. Er stammte aus Juda, hat aber seine Botschaft in Bet-El im Nordreich Israel kurz vor dessen Ende verkündet (vergleiche Amos 7,10-17). Das Buch Amos beginnt mit Gerichtsworten gegen verschiedene Nachbarvölker Israels: gegen die Aramäer (1,3-5), die Philister (1,6-8), die Tyrer (1,9-10), die Edomiter (1,11-12), die Ammoniter (1,13-15) und die Moabiter (2,1-3). Auf einen Spruch gegen Juda (2,4-5), der möglicherweise ein späterer Zusatz ist, folgt ein viel längerer Spruch gegen Israel (2,6-16). Diese Ankündigung des Strafgerichts über das Volk Israel ist offensichtlich der Kern der Botschaft. Die Gerichtsankündigungen über die Nachbarvölker drücken aus, dass Gott nicht nur der Nationalgott Israels ist, sondern der Herr der ganzen Welt, der auch die anderen Völker züchtigt. In 3,1-2 weist der Prophet auf die besondere Stellung Israels hin, aus der sich auch eine besondere Verantwortung ergibt:

1 Hört dieses Wort, das der HERR gesprochen hat über euch, ihr Söhne Israels, über den ganzen Stamm, den ich aus Ägypten heraufgeführt habe. 2 Nur euch habe ich erkannt unter allen Stämmen der Erde; darum suche ich euch heim für alle eure Vergehen.

Die Gerichtssprüche über die Nachbarvölker sind nicht die eigentliche Botschaft von Amos. Aber sie waren auch nicht bedeutungslos.

Der Philisterstadt Gaza wird wegen konkreter Vergehen der damaligen Zeit das Gericht angekündigt.

Weil sie ganze Gebiete entvölkerten, um die Verschleppten an Edom auszuliefern, […]

Vielleicht bezieht sich Amos auf die in 2 Chronik 21,16-17 erzählten Ereignisse:

16 Der HERR reizte nun den Wagemut der Philister und der Araber, die neben den Kuschitern wohnen, gegen Joram auf. 17 Sie zogen gegen Juda, überfielen das Land und nahmen den ganzen Besitz weg, der sich im Palast des Königs fand; auch seine Söhne und Frauen führten sie weg. Es blieb ihm kein Sohn außer Joahas, dem jüngsten von ihnen.

Dieser Raubzug hat sich allerdings bereits etwa ein Jahrhundert früher zugetragen. Möglicherweise gab es einen zeitlich näher bei Amos liegenden Raubzug der Philister, der aber nicht überliefert wurde.

Das angekündigte Gericht erfolgte durch die Assyrer. Tiglat-Pileser III. nahm Gaza 734 v. Chr. ein. Der philistäische Stadtfürst Ḫânûnu floh zunächst nach Ägypten und schmiedete später eine Koalition gegen die Assyrer, was aber 720 v. Chr. mit dem Sieg über die Philister und deren von nun an enge Anbindung an das Assyrische Reich als Vasallen endete.1

Gaza wurde innerhalb von 14 Jahren zweimal von den Philistern besiegt. Dass Amos diesen Sieg angekündigt hat, legt sich nahe. Warum sollte er seinen Zeitgenossen Ereignisse aus einer fernen Zeit, mehr als 2700 Jahre später, ankündigen?

Außerdem geht es in diesem Spruch nicht nur um Gaza, sondern auch um die übrigen Philisterstädte Aschdod, Aschkelon und Ekron. Aschdod und Aschkelon sind Städte im heutigen Staat Israel. Ekron befand sich auch auf dem heutigen Staatsgebiet Israels, ist als Stadt aber nicht mehr existent. Diese Städte kommen im Prophetenspruch als eigenständige Stadtstaaten mit Herrschern vor. Dadurch ist offensichtlich, dass es nicht um die moderne Zeit gehen kann.

5 Sieht es Aschkelon, so fürchtet es sich, und Gaza, so zittert es gewaltig, auch Ekron, denn zuschanden geworden ist, wonach es Ausschau hielt. Verschwinden wird der König aus Gaza und Aschkelon wird nicht mehr bewohnt. 6 Ein Mischvolk wird in Aschdod wohnen. So werde ich den Stolz der Philister zerschlagen. 7 Ich werde einem jeden das Blutige aus seinem Mund nehmen und seine Gräuelspeisen aus seinen Zähnen. So wird auch er zu dem Rest gehören, der unserem Gott zu eigen ist. Er wird wie eine Sippe in Juda sein und Ekron wie ein Jebusiter. (Sacharja 9,5-7)

Der Prophet Sacharja wirkte um 520 v. Chr. im nachexilischen Jerusalem. Es spricht vieles dafür, dass die Kapitel 9-14 aus vorexilischer Zeit stammen, die Kapitel 9-11 vermutlich sogar aus der Zeit vor dem Ende des Nordreichs. Der unbekannte Prophet, von dem diese Worte gegen die Philister stammen, könnte ein Zeitgenosse von Amos gewesen sein. Wir können daher denselben zeitgeschichtlichen Hintergrund vermuten. Auch bei Deutero-Sacharja geht es nicht nur um Gaza, sondern um alle damals noch existierenden Philisterstädte. Die fünfte Stadt Gat war nach der Eroberung durch Hasael (2 Könige 12,18) bedeutungslos geworden.

Interessant ist, dass an dieser Stelle die Integration der Reste der Philister in Juda angekündigt wird, wie auch zur Zeit Davids die Jebusiter nicht ausgerottet, sondern in den Stamm Juda aufgenommen wurden. Für diese Integration der Philister gibt es jedoch kein biblisches oder außerbiblisches Zeugnis.

Die Aussage „Verschwinden wird der König aus Gaza“ kann sich nur auf die damalige Zeit beziehen. Mit unserer Zeit hat diese Stelle nichts zu tun.

4 Ja, Gaza wird verlassen sein und Aschkelon wird eine Wüste, am hellen Mittag treibt man Aschdods Einwohner fort und Ekron ackert man um. 5 Wehe, die ihr das Gebiet am Meer bewohnt, ihr Volk der Kereter! Das Wort des HERRN richtet sich gegen euch: Kanaan, Land der Philister, ich richte dich zugrunde, keiner deiner Bewohner bleibt übrig. 6 Du wirst zum Weideland der Hirten und zu Pferchen für Schafe und Ziegen. 7 Das Gebiet am Meer fällt dem Rest des Hauses Juda zu. Darauf weiden sie; am Abend lagern sie in Aschkelons Häusern. Denn der HERR, ihr Gott, kümmert sich um sie und wendet ihr Geschick. (Zefanja 2,4-7)

Zefanja wirkte um 630, also mehr als hundert Jahre nach Amos und vermutlich Deutero-Sacharja.

Auch hier geht es nicht nur um Gaza, sondern um alle Philisterstädte. Konkret wird das „Volk der Kereter“ genannt. Das weist auf den Ursprung der Philister hin, die sich nach der biblischen Überlieferung von der Insel Kreta (Kaftor Amos 9,7) kommend in Kanaan niedergelassen haben. Mit den heutigen arabischen Palästinensern hat dieses aus Europa eingewanderte Volk außer der Namensähnlichkeit grundsätzlich nichts zu tun. Man kann bei der bewegten Geschichte des Orients natürlich nicht ausschließen, dass die arabischen Palästinenser auch zu einem kleinen Teil von den Philistern abstammen.

Gaza wurde 609 v. Chr. vom Pharao Necho eingenommen, um ca. 605 kam sie ans neubabylonische Reich. Im absoluten Sinn, dass keiner der Bewohner übrig bleibt, hat sich die Prophezeiung Zefanjas nicht erfüllt. Doch die Selbstständigkeit der Philisterstädte war beendet. Auf die Babylonier folgten die Perser. Alexander nahm die unter persischer Verwaltung stehende Stadt nach zweimonatiger Belagerung ein, wobei es zu einem Massaker unter der Bevölkerung kam.

Auch die Worte Zefanjas sind vor dem damaligen zeitgeschichtlichen Hintergrund zu verstehen. Es geht nicht um das 21. Jahrhundert.

17 Da nahm ich den Becher aus der Hand des HERRN und ließ alle Völker trinken, zu denen der HERR mich sandte: 18 Jerusalem und die Städte Judas – samt seinen Königen und Fürsten -, um sie zu Trümmerhaufen zu machen, zu einem Bild des Entsetzens, zum Gespött und zum Fluch, wie es heute ist, 19 den Pharao, den König von Ägypten, samt seinen Höflingen und Fürsten und seinem ganzen Volk, 20 das gesamte Völkergemisch, alle Könige des Landes Uz, alle Könige des Philisterlandes, Aschkelon, Gaza, Ekron und den Rest von Aschdod, 21 Edom, Moab und die Ammoniter, 22 alle Könige von Tyrus, alle Könige von Sidon sowie die Könige der Inseln jenseits des Meeres, 23 Dedan, Tema, Bus und alle mit gestutztem Haar, 24 alle Könige Arabiens und alle Könige des Völkergemisches, die in der Wüste wohnen, 25 alle Könige von Simri, von Elam und Medien, 26 auch alle Könige des Nordens, die in der Nähe und die in der Ferne, einen nach dem andern, ja, alle Reiche der Welt, die es auf der Erde gibt; und zuletzt soll der König von Scheschach trinken.
(Jeremia 25,17-26)

Jeremia, der ein Zeitgenosse Zefanjas war2, kündigte so gut wie allen Völkern in seiner Umgebung das Strafgericht an. Jerusalem und Juda sind als erste genannt. Dieses Strafgericht erfolgte durch die Babylonier. Es betraf auch die Philister. Doch am Ende wird das Gericht auch den König von Scheschach (= Babel)3 treffen.

1 Das Wort des HERRN, das an den Propheten Jeremia erging gegen die Philister, bevor der Pharao Gaza eroberte: 2 So spricht der HERR: Siehe, Wasser steigen von Norden auf und werden zum flutenden Wildbach. Sie überfluten das Land und was darin ist, die Städte und ihre Bewohner. Da schreien die Menschen, laut klagen alle Bewohner des Landes 3 vor dem lauten Hufschlag seiner Starken, vor dem Dröhnen seiner Streitwagen, vor dem Rasseln seiner Räder. Väter schauen sich nicht um nach den Söhnen; denn ihre Hände sind schlaff 4 wegen des Tages, der kommt, um alle Philister zu vernichten, um auszurotten den letzten Helfer für Tyrus und Sidon. Ja, der HERR vernichtet die Philister, den Rest von der Insel Kaftor. 5 Kahlgeschoren ist Gaza, verstummt ist Aschkelon. Wie lange noch, du Rest der Anakiter, musst du dich wund ritzen? 6 Wehe! Schwert des HERRN! Wie lange willst du nicht zur Ruhe kommen? Fahr zurück in die Scheide, halt ein und sei still! 7 Wie solltest du zur Ruhe kommen, da doch der HERR ihm Befehl gab? Gegen Aschkelon und die Meeresküste, dorthin hat er es bestellt. (Jeremia 47,1-7)

Diese Stelle wird durch den einleitenden Vers 1 erklärt. Es geht um die Einnahme Gazas durch Necho im Jahre 609 v. Chr. Der Hinweis auf die „Wasser von Norden“ bezieht sich wohl auf die bald darauf folgenden Babylonier. Mit dem modernen Gaza hat dieses Prophetenwort nichts zu tun.


Von all diesen Bibelstellen wird vor allem Zefanja 2,4 auf den derzeitigen Krieg bezogen. Das geht aber nur, wenn man nur den Anfang des Verses zitiert. Bei allen alttestamentlichen Gerichtsankündigungen über Gaza und die Philister geht es um die damalige Zeit. Nur unter völliger Missachtung des Zusammenhangs kann man versuchen, diese Worte auf unsere Zeit zu beziehen. Das ist ein unredlicher Umgang mit den Worten der Propheten, ein Missbrauch der Bibel. Es ist wohl der Wunsch nach dem Besonderen und Außergewöhnlichen, der die Endzeitspezialisten dazu antreibt, die Ereignisse der Gegenwart in den alten Schriften zu finden. Man will in dieser besonderen Zeit leben, in der Gott die alten Verheißungen erfüllt. Im Grunde ist es Hochmut, der diese Menschen bewegt.

Zu beachten ist auch, dass man den modernen säkularen Staat Israel nicht als einen Staat sehen darf, in dem Gottes Wille das Gesetz darstellt (mehr dazu hier). Die politischen und kriegerischen Ereignisse der Gegenwart kann man daher von vornherein nicht in den Schriften des Alten Testaments finden.

Die Heilige Schrift ist uns nicht zum Zweck von Endzeitspekulationen gegeben, sondern:

[…] 15 denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk. (2 Timotheus 3,15-17)


  1. Quelle: Bibelwissenschaft.de
  2. Jeremia wurde 627 als junger Mann zum Propheten berufen
  3. Im Hebräischen wurde Babel mit den drei Konsonanten B-B-L geschrieben, dem 2., 2. und 12. Buchstaben des hebräischen Alphabets. Zählt man den 2., 2., und 12. Buchstaben von hinten, kommt man auf SCH-SCH-K, Scheschak. 

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