Kurzes Überleben oder Genesung?

20 Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss er unbedingt gerächt werden. 21 Wenn er noch einen oder zwei Tage am Leben bleibt, dann soll den Täter keine Rache treffen; es geht ja um sein eigenes Geld. (Exodus 21,20-21)

Die alttestamentliche Gesetzgebung ist vor ihrem zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund zu betrachten. Jesus sagte im Zusammenhang mit der Ehescheidung:

Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. (Markus 10,5)

Die Rücksichtnahme auf die damalige geistliche Situation der Menschen wird auch in anderen Bereichen der Thora, wie in der Frage der Sklaverei, sichtbar. Dennoch ist im Vergleich mit den gesetzlichen Regeln, die andere altorientalische Völker in dieser Sache hatten, die Gesetzgebung in der Thora sehr sklavenfreundlich. So mussten nach Exodus 21,2 hebräische Sklaven nach sechs Arbeitsjahren freigelassen werden.

Auch Exodus 21,20 zeigt, dass der Herr nicht mit seinen Sklaven tun konnte, was er wollte. Wenn der Sklave aufgrund von Schlägen verstarb, musste der Herr dafür bestraft werden. Die Art der Strafe ist nicht spezifiziert. Aber es ist klar, dass die Tötung eines Menschen, auch wenn er Sklave war, geahndet werden musste.

Vers 21 scheint die Situation aber abzumildern. Wenn der Sklave erst nach zwei Tagen starb, ging der schlagende Herr straffrei aus. Machen diese zwei Tage wirklich einen so großen Unterschied?

Fast alle Übersetzungen lauten sinngemäß ähnlich wie die eingangs zitierte Einheitsübersetzung.

Manche Übersetzungen oder Übertragungen verstehen den hebräischen Text aber anders:

20 Und wer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit einem Stock schlägt, sodass sie ihm unter der Hand sterben, der soll unbedingt bestraft werden; 21 stehen sie aber nach einem oder zwei Tagen wieder auf, so soll er nicht bestraft werden, weil es sein eigener Schaden ist. (Schlachter 2000)

20-21 Schlägt ein Herr seinen Sklaven mit einem Stock so sehr, dass er auf der Stelle stirbt, muss der Besitzer die gerechte Strafe bekommen. Ist der Sklave aber nach ein bis zwei Tagen wieder auf den Beinen, soll der Besitzer nicht bestraft werden; der Sklave ist schließlich sein Eigentum. Dasselbe gilt für Sklavinnen. (Hoffnung für alle)

20 ‘Anyone who beats their male or female slave with a rod must be punished if the slave dies as a direct result, 21 but they are not to be punished if the slave recovers after a day or two, since the slave is their property. (New International Version 2011)

Im Hebräischen steht das Verb עָמַד / ʿāmad mit der Bedeutung „stehen, stellen, sich hinstellen, hintreten, stehen bleiben, bestehen“. Die meisten Übersetzungen interpretieren dieses Wort in dem Sinn, dass der geschlagene Sklave noch ein bis zwei Tage (am Leben) bleibt. Man kann dieses Wort aber auch so interpretieren, dass der Sklave nach ein bis zwei Tagen (wieder) steht, also wieder einigermaßen genesen ist.

Wörtlich steht im Hebräischen: Doch wenn (er) Tag oder zwei Tage steht …

Der knapp gehaltene Text erlaubt beide Interpretationen.

Für die Variante, dass der Sklave einige Tage überlebt und dann stirbt, stellt sich die Frage nach dem Sinn der Begründung der Straflosigkeit am Ende von Vers 21:

[…] denn sein Silber / Geld (ist) er. (Wörtliche Übersetzung)

Diese Begründung sollte ja auch für den Fall gelten, dass der Sklave sofort nach dem Schlag stirbt. Der materielle Schaden ist für den Herrn ja in beiden Fällen derselbe.

Wenn der Sklave aber nach wenigen Tagen wieder auf den Beinen ist, so ist der Herr durch den Arbeitsausfall materiell geschädigt. Da der Sklave aber am Leben geblieben ist, kann auf eine weitere Bestrafung des Besitzers verzichtet werden.

Wenn der Tod eines Sklaven ursächlich durch den Schlag seines Herrn herbeigeführt wurde, ist der Unterschied zwischen seinem Versterben unmittelbar nach dem Schlag oder einige Tage später von der Schuldhaftigkeit her gesehen nicht wesentlich.

Das spricht dafür, dass es in der Stelle um die Genesung des geschlagenen Sklaven geht und nicht um ein Überleben für ein oder zwei Tage, auch wenn es die Mehrzahl der Übersetzer anders verstanden haben.

Gott, der sein Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreit hat, wollte ihm auch einen humanen Umgang mit seinen Sklaven lehren, auch wenn aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten die Sklaverei noch toleriert wurde.

Da gibt es dann nicht mehr Griechen und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren, Skythen, Sklaven, Freie, sondern Christus ist alles und in allen. (Kolosser 3,11)

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