Sieben Erden?

Allah ist es, Der sieben Himmel erschaffen hat, und von der Erde gleich (viel). Der Befehl (Allahs) kommt wahrhaftig zwischen ihnen herab, damit ihr wißt, daß Allah zu allem die Macht hat und daß Allah ja alles mit Seinem Wissen umfaßt. (Sure 65,12)

Der Koran erwähnt wiederholt sieben Himmel, doch nur in Sure 65,12 ist die Rede von sieben Erden.

Bekanntlich gibt es nur einen Planeten namens Erde. Für Muslime ist es die Erklärung dieses Verses daher nicht so einfach.

Neuere Erklärer wie ein Artikel auf islamreligion.com verstehen die sieben Erden als sieben Schichten der Erde.

(1) Der innere harte Kern der Erde: 1,7% der Erdmasse; Tiefe von 5.150 – 6.370 Kilometern
(2) Der flüssige äußere Kern: 30,8% der Erdmasse; Tiefe von 2.890 – 5.150 Kilometern
(3) Die „D“ Schicht: 3% der Erdmasse; Tiefe von 2.700 – 2.890 Kilometern
(4) Tieferer Mantel: 49,2% der Erdmasse; Tiefe von 650 – 2.890 Kilometern
(5) Mittlerer Mantel (Übergangsregion): 7,5% der Erdmasse; Tiefe von 400 – 650 Kilometern
(6) Oberer Mantel: 10,3% der Erdmasse; Tiefe von 10 – 400 Kilometern
(7)  Lithosphäre Ozeanische Kruste: 0.099% der Erdmasse; Tiefe von 0-10 Kilometern

Diese Einteilung in sieben Schichten scheint aber willkürlich zu sein. Das zeigt, dass es auch in dem von Muslimen gelieferten Schema nicht sauber zwischen (3) und (4) getrennt wird. Beide reichen in eine Tiefe bis zu 2890 km.

Andere Quellen kennen diese Einteilung in sieben Schichten nicht. So unterscheidet eine Seite des Helmholtz-Zentrums nur zwischen Kruste, Mantel und Kern, wobei noch zwischen oberem und unteren Mantel und äußerem und inneren Kern unterschieden wird. Man kommt dabei auf nur fünf Schichten.

Für die Betreiber der islamischen Seite steht trotzdem fest:

Der einzige Weg durch den ein Wüstenbewohner diese Tatsachen vor 1400 Jahren bereits gewusst haben konnte, war durch die Offenbarung Gottes.

Anders erklärt der Tafsīr Al-Qur’ān Al-Karīm die sieben Erden in Sure 65:12:

Zum ersten Mal in der Menscheitsgeschichte erfahren wir durch die Offenbarung des Qur’ān seit mehr als 1400 Jahren, dass unsere Erde in sieben Exemplaren ihrer Art existiert. Demnach haben wir den klaren Hinweis darauf, dass es auch Leben auf anderen Himmelskörpern irgendwo in einem oder mehreren dieser Himmel gibt. So gepriesen sei Allāh der beste Schöpfer und Kenner des Offenbaren und des Verborgenen.

Die sechs anderen Erden sind zwar noch nicht gefunden worden. Aber Allah, der beste Schöpfer (gibt es noch andere Schöpfer?) darf schon dafür gepriesen werden.

Noch weiter in diese Richtung ging Moutasem Atiya, der sich auf ein Wort von Ibn Abbas, einem Cousin Mohammeds, der als einer der ältesten Koran-Exegeten gilt, berief:

Ibn ′Abbas wurde einmal nach dem Vers gefragt: „Allah ist es, der sieben Himmel erschaffen hat, und von der Erde, die ihnen gleich ist.“ Er antwortete: „Sieben Erden: In jeder Erde ist ein Prophet wie euer Prophet, ein Adam wie euer Adam, ein Noah wie euer Noah, ein Abraham wie euer Abraham und ein Jesus wie euer Jesus.“

Dieser Autor sah darin einen Hinweis auf die von Atheisten zur Abwehr des Schöpfungsglaubens in die Welt gesetzte Theorie des Multiversums. Es müsste also sieben Universen geben, in denen es jeweils eine Erde gab, auf der auch ein Adam, ein Noach, ein Abraham, ein Jesus und auch ein Mohammed auftraten. Diese Erklärung ist wie die zuvor genannte reine Fantasie ohne jegliche Grundlage in der Wirklichkeit.

Fragen wir in der islamischen Tradition, dann stoßen wir auf einen von at-Tirmidhi überlieferten Hadith:

Al-Hasan überlieferte dies:
Abu Hurairah sagte: „Als der Prophet Allahs einmal mit seinen Gefährten zusammensaß, erschien eine Wolke über ihnen, woraufhin der Prophet Allahs sagte: ‚Wisst ihr, was das ist?‘ Sie sagten: ‚Allah und Sein Gesandter wissen es besser.‘ Er sagte: „Das sind die Wolken, die die Erde tränken sollen, die Allah über die Menschen schickt, die Ihm nicht dankbar sind und Ihn nicht anflehen. Dann sagte er: „Wisst ihr, was über euch ist? Sie sagten: „Allah und Sein Gesandter wissen es besser. Er sagte: „Es ist ein bewahrter Baldachin des Firmaments, dessen Wogen gebändigt sind. Dann sagte er: „Wisst ihr, wie viel zwischen euch und ihm ist? Sie sagten: „Allah und Sein Gesandter wissen es besser. Er sagte: „Zwischen euch und ihm liegt ein Abstand von fünfhundert Jahren. Dann sagte er: „Wisst ihr, was darüber liegt? Sie sagten: „Allah und Sein Gesandter wissen es besser. Er sagte: „Wahrlich, darüber sind zwei Himmel, und zwischen den beiden ist ein Abstand von fünfhundert Jahren“ – bis er sieben Himmel aufzählte – „Was zwischen jedem der beiden Himmel ist, ist das, was zwischen den Himmeln und der Erde ist. Dann sagte er: „Wisst ihr, was darüber ist? Sie sagten: „Allah und sein Gesandter wissen es besser. Er sagte: „Wahrlich, darüber ist der Thron, und zwischen ihm und den Himmeln ist ein Abstand, der dem zwischen zwei der Himmel entspricht. Dann sagte er: „Wisst ihr, was unter euch ist? Sie sagten: „Allah und sein Gesandter wissen es besser. Er sagte: „Es ist die Erde. Dann sagte er: „Wisst ihr, was sich darunter befindet? Sie sagten: „Allah und sein Gesandter wissen es besser. Er sagte: „Wahrlich, darunter ist eine andere Erde, zwischen den beiden liegt ein Abstand von fünfhundert Jahren. Bis er sieben Erden aufzählte: „Zwischen je zwei Erden ist ein Abstand von fünfhundert Jahren. Dann sagte er: „Bei dem Einen, in Dessen Hand die Seele Muhammads ist! Wenn du einen Menschen mit einem Seil auf die unterste Erde hinabschicken würdest, dann würde er zu Allah hinabsteigen.‘ Dann rezitierte er: Er ist Al-Awwal, Al-Akhir, Az-Zahir Al-Batin, und Er hat Wissen über alle Dinge.“ (Jami` at-Tirmidhi 3298; übersetzt mit DeepL.com)

Nach der hier überlieferten Ansicht des Propheten des Islams handelt es sich bei den sieben Erden um sieben (flache?) Erden, die in einem Abstand von jeweils fünfhundert Jahren übereinander geschichtet sind. Die modernen Erklärungen mit Erdschichten oder Parallelplaneten oder einem Multiversum passen nicht zu dieser islamischen Tradition.

Interessanterweise spricht auch die jüdische Überlieferung von sieben Erden:1

[…] als der Heilige, gelobt sei Er, die Welt erschuf, erschuf er 7 Himmelswölbungen oben, 7 Erden unten, 7 Meere, 7 Ströme, 7 Tage (der Woche), 7 Wochen, 7 Jahre, 7 mal 7 Jahrtausende […] (Sohar III, 9b)

Der Sohar wird auf das 2. Jahrhundert zurückgeführt, tauchte aber erst im 13. Jahrhundert in Spanien auf. Es ist daher nicht klar, ob der Koran von einer jüdischen Tradition beeinflusst worden ist, oder ob die jüdische Schrift, islamisches Gedankengut aufgenommen hat, wenn sieben Erden erwähnt werden.

Da es weder aus der frühen islamischen Tradition noch unter den neueren Verkündern des Islams eine vernünftige und sinnvolle Erklärung für die sieben Erden in Sure 65,12 gibt, halte ich es für näherliegend, dass der Autor dieser Sure aus einer ihm vorliegenden Überlieferung geschöpft hat. Dass wir es mit einem Produkt seiner eigenen Phantasie zu tun haben, kann natürlich auch nicht ausgeschlossen werden.

Klar ist aber, dass Sure 65,12 kein Wort des ewigen allwissenden Gottes ist.

13 Unser Zeugnis ist wahr. Darum weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden 14 und sich nicht mehr an jüdische Fabeleien halten und an Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden! (Titus 1,13-14)


  1. Zitiert nach Heinrich Speyer, Die biblischen Erzählungen im Qoran, 3. Nachdruckauflage, Hildesheim 1988, S. 11, Fußnote 5. 

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