86 Da kam Mūsā zu seinem Volk zornig und bekümmert zurück. Er sagte: „O mein Volk, hat euch euer Herr nicht ein schönes Versprechen gegeben? Dauerte es euch mit dem Bund zu lange, oder wolltet ihr, daß Zorn von eurem Herrn über euch hereinbricht, so daß ihr die Vereinbarung mit mir gebrochen habt?“ 87 Sie sagten: „Wir haben die Vereinbarung mit dir nicht aus unserem (eigenen) Willen gebrochen, sondern wir trugen (ganze) Lasten von den Schmucksachen des Volkes, und dann haben wir sie geworfen, und ebenso hat der Sāmirī (welche) hineingelegt. 88 So brachte er ihnen ein Kalb hervor als Leib, das blökte. Sie sagten: ‚Das ist euer Gott und der Gott Mūsās, aber er hat (es) vergessen‘.“ (Sure 20,86-88)
Und das Volk Mūsās nahm sich, nachdem er (weggegangen) war, aus ihren Schmucksachen (verfertigt) ein körperhaftes Kalb, das blökte. Sahen sie denn nicht, daß es nicht zu ihnen spricht und sie nicht den rechten Weg leitet? Sie nahmen es sich (als Götzen) und waren ungerecht. (Sure 7,148)
Diese Koranverse beziehen sich auf die biblische Erzählung über das Goldene Kalb, das sich die Israeliten in der Wüste gemacht haben, um es zu verehren.
Der biblische Text lautet so:
1 Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. 2 Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! 3 Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. 4 Er nahm sie aus ihrer Hand. Und er bearbeitete sie mit einem Werkzeug und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben. (Exodus 32,1-4)
Mit dem „Kalb“ war wohl ein Stierbild gemeint, das die göttliche Kraft symbolisch darstellen sollte. Der Autor der biblischen Erzählung hat durch die Bezeichnung „Kalb“ seine Kritik ausgedrückt. Dem Kalb fehlt die Zeugungskraft. Damit fehlt ihm eine wesentliche Eigenschaft des Stiers.
Aaron und die Israeliten wollten unter dem Symbol des Stierbildes keinen anderen Gott als den Gott Israels verehren. Es sollte ein sichtbares Symbol der Stärke Gottes darstellen. Doch in Gottes Augen ist das bereits Götzendienst. Darum ist auch von Göttern im Plural die Rede.1 Gemeint war die Aussage: Das ist dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat. Durch die Wiedergabe im Plural hat der inspirierte Autor sein geistliches Urteil ausgedrückt. Wer Gott durch ein bildliches Symbol darstellt, noch dazu durch eines, das Gott auf die Ebene eines Fruchtbarkeitsgötzen erniedrigt, hat den Schritt von der Verehrung des wahren Gottes zum Götzendienst gesetzt.
Das Besondere an der koranischen Version der Geschichte ist, dass das Kalb blökte. Es handelte sich nicht mehr nur um einen aus Gold hergestellten toten Gegenstand, sondern um ein Lebewesen, das Laute hervorbrachte.
Eine entfernt ähnliche Stelle finden wir in Psalm 106,20:
19 Sie machten am Horeb ein Kalb und warfen sich nieder vor dem Gussbild. 20 Die Herrlichkeit Gottes tauschten sie ein gegen das Abbild eines Stieres, der Gras frisst. (Psalm 106,19-20)
Hier ist zwar nicht vom Blöken oder vom Muhen die Rede, sondern von einem Stier, der Gras frisst. Das Gussbild war aber nur eine Abbildung des grasfressenden Stiers. Das Bild hat natürlich nicht gefressen und auch keinen Laut hervorgebracht.
Hat Allah im Koran etwas offenbart, was er zuvor fast 2000 Jahre geheimgehalten hat? Sollten wir nicht annehmen, dass diese einzigartige Besonderheit, dass eine Figur aus Gold Töne wie ein Rind von sich geben konnte, auch für die damaligen Zeitgenossen so beeindruckend gewesen sein muss, dass dieses Phänomen auch im biblischen Text festgehalten worden wäre?
Heinrich Speyer2 verweist auf Parallelen aus der jüdischen Literatur. Er zitiert Midrasch Tanchuma Ki Tisa 19:
[…] und warf sie in den Feuerofen unter die goldenen Ringe, und da kam das Kalb hervor, indem es blökte, als ob es springen wolle.
Ebenso wissen die Pirqe de Rabbi Eliezer 45 von einem blökenden Kalb:
Das Kalb kam blökend hervor.
Auch wenn diese konkreten jüdischen Schriften erst nach dem Koran niedergeschrieben wurden, setzen sie eine ältere Tradition voraus, auf die offensichtlich auch der koranische Autor zurückgegriffen hat.
Wieder einmal zeigt sich, dass der koranische Autor nicht zwischen der Bibel und fantastischen außerbiblischen Überlieferungen unterscheiden konnte. Sollte das Muslimen nicht zu denken geben? Dem ewigen und allwissenden Gott wären solche Fehler nicht unterlaufen.
Darum weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden 14 und sich nicht mehr an jüdische Fabeleien halten und an Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden!
(Titus 1,13b-14)
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