Der Älteste an die auserwählte Herrin und an ihre Kinder, die ich in Wahrheit liebe; aber nicht nur ich, sondern auch alle, die die Wahrheit erkannt haben, lieben sie […] (2 Johannes 1)
Der Älteste an den geliebten Gaius, den ich in Wahrheit liebe.
(3 Johannes 1)
In beiden kurzen Johannesbriefen nennt sich der Verfasser nicht beim Namen, sondern einfach „der Älteste“ (ὁ πρεσβύτερος / ho presbýteros). Die moderne Theologie geht fast selbstverständlich davon aus, dass damit nicht der Apostel Johannes gemeint sein kann. Klar ist nur, dass diese beiden Briefe vom selben Verfasser stammen.
Klaus Berger1, der beide Briefe schon um 50 n. Chr. ansetzt, schreibt sehr allgemein:
[…] ist der Verfasser ein »Ältester« – entweder eine Würdebezeichnung oder (unwahrscheinlicher) ein einzelner Ältester; aber das Ältestenamt wird im frühen Christentum sonst nur kollegial wahrgenommen. […]
Er erwähnt noch die Theorie von M. Hengel (Die johanneische Frage, Tübingen 1993), dass der Verfasser der drei Johannesbriefe der von Papias erwähnte Presbyter Johannes sei. Er lehnt das aber ab,
[…] weil Papias nicht bloß einen Presbyter, sondern deren mehrere kennt, von denen er einige noch persönlich kennengelernt hat (bei Eusebius, H. E. III 25,3; von Berger falsch zitiert; korrekt: III 39).
Udo Schnelle2 bezieht sich wie Hengel auf diesen Presbyter Johannes als Verfasser des 2. und 3., nicht aber des 1. Johannesbriefs.
So dürfte ὁ πρεσβύτερος eine Würdebezeichnung für „einen besondere Hochschätzung genießenden Lehrer“ sein. Der Presbyter muss eine hervorragende Gestalt innerhalb der joh. Schule, wahrscheinlich sogar ihr Gründer gewesen sein, denn nur so lassen sich die Erhaltung und die Übernahme des 2. 3 Joh in den Kanon erklären. Nichts spricht dagegen, den Presbyter des 2. 3 Joh mit jenem ὁ πρεσβύτερος Ἰωάννης zu identifizieren, den Papias in deutlicher Unterscheidung zum Zebedaiden Johannes als einen der Gewährsleute seiner Traditionen anführt (Euseb, HE III 39,4: „Wenn aber einer kam, der den Presbytern gefolgt war, fragte ich nach den Lehren der Presbyter: Was Andreas oder Petrus sagten, was Philippus, was Thomas oder Jakobus, was Johannes oder Matthäus oder irgendein anderer von den Jüngern des Herrn, was Aristion und der Presbyter Johannes, auch Jünger des Herrn, sagen“). […]
Als Träger bzw. Gründer der joh. Tradition hat der Presbyter des 2. 3 Joh ein hohes Ansehen genossen, und als besonderer Traditionsträger erscheint er auch bei Papias.
Papias hat im 2. Jahrhundert gelebt und fünf Bücher verfasst, die aber verloren gegangen sind und nur mehr in Zitaten wie hier bei Eusebius aus dem 4. Jahrhundert erhalten sind.
Dass die beiden kurzen Briefe aufgrund des hohen Ansehens, das der Apostel Johannes hatte, in den Kanon aufgenommen wurden, scheint für ihn keine Denkmöglichkeit darzustellen.
Das Zitat von Papias ist meines Erachtens nicht das Hauptkriterium zur Feststellung des Autors der beiden Briefe. Doch hat schon vor mehr als einem Jahrhundert D. J. Chapman3 eine Erklärung der Papiasstelle vorgelegt, derzufolge beide von Papias genannten Johannes identisch sind.
Chapman unterscheidet die Presbyter im Plural am Anfang des Zitats, die offensichtlich Apostelschüler waren, vom Presbyter Johannes, der gemeinsam mit Aristion ein „Jünger des Herrn“ genannt wird. Wenn jemand zu Papias kam, der den Presbytern gefolgt war, konnte er von Ihnen etwas fragen, was Andreas oder Petrus … oder irgend ein anderer von den Jüngern des Herrn sagten oder was Aristion und der Presbyter Johannes sagen. (In der von Schnelle gebrachten Übersetzung kommt nicht heraus, dass sich die Vergangenheitsform auf alle zuerst genannten Jünger des Herrn bezieht und die Gegenwart nur auf Aristion und den Presbyter Johannes, die zu der von Papias geschilderten Zeit noch lebten.)
Papias verwendete nicht das Wort Apostel, sondern schrieb von „Jüngern des Herrn“, wenn er die Apostel bzw. andere direkte Jünger Jesu, wie Aristion meinte. Interessant ist, dass auch im Johannesevangelium und den drei Johannesbriefen die Jünger nie Apostel genannt werden. Papias könnte hier den Wortgebrauch von Johannes übernommen haben.
Chapman versteht Papias so, dass er sich grundsätzlich nach dem erkundigte, was die Besucher über die Apostel sagen konnten, die zum Großteil schon verstorben waren und was die beiden noch lebenden Jünger sagen.
Er weist darauf hin, dass nur Eusebius Papias so verstanden hat, dass von zwei Johannes die Rede ist, damit er das Buch der Offenbarung nicht dem Apostel Johannes, sondern dem Presbyter Johannes zuschreiben konnte. Die alte Tradition kannte nur einen einzigen Johannes.
Was Eusebius in weiterer Folge in Bezug auf Papias und den Presbyter schreibt, lässt auch daran denken, dass er eine große Autorität sein musste:
Noch anderes teilt Papias in seinem Werke aus des oben erwähnten Aristion Auslegungen der Herrenworte sowie aus der Überlieferung des Presbyters mit.
Aristion hat Herrenworte ausgelegt, der Presbyter konnte sie überliefern.
Auch in seinem Zeugnis über das Markusevangelium hat sich Papias auf den Presbyter berufen:
Er schreibt: „Auch dies lehrte der Presbyter: Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht ordnungsgemäß, aufgeschrieben. […]
Der Presbyter war offensichtlich in einer Position, in der er sich ein Urteil über Markus erlauben konnte. Das spricht auch dafür, dass dieser Presbyter Johannes der Apostel Johannes war.
Wenn Chapman recht hat, dann wäre das Papiaszeugnis ein Indiz dafür, dass der Apostel Johannes in der frühen Kirche auch als der „Älteste“ bekannt war.
Unabhängig davon sind die Ähnlichkeiten im Stil und im Wortschatz zwischen den beiden kurzen Briefen und dem 1. Johannesbrief und dem Johannesevangelium offensichtlich. Der 1. Johannesbrief ist nach 1,1-3 von einem Augenzeugen geschrieben worden. Dasselbe gilt für das Johannesevangelium, über dessen Verfasser nach 21,20-24 der Jünger war,
den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert? (Johannes 21,20)
Schnelle4 weist auf zahlreiche sprachliche Unterschiede zwischen den beiden kleinen Briefen und dem Evangelium und dem 1. Johannesbrief hin. Schlüsselbegriffe aus dem Evangelium und dem 1. Brief kommen in den beiden kurzen Briefen nicht oder nur sehr selten vor. Wenn man die Kürze der beiden Briefe bedenkt, kann keinesfalls erwartet werden, dass der Apostel seine gesamte Theologie darin untergebracht hätte oder das auch nur wollte. Es ging in beiden Briefen um konkrete Anliegen, die kurz behandelt wurden. In beiden Briefen hat Johannes auch seine Hoffnung auf ein baldiges persönliches Treffen zum Ausdruck gebracht.
Vieles hätte ich euch noch zu schreiben; ich will es aber nicht mit Papier und Tinte tun, sondern hoffe, selbst zu euch zu kommen und persönlich mit euch zu sprechen, damit unsere Freude vollkommen wird. (2 Johannes 12)
13 Vieles hätte ich dir noch zu schreiben; ich will aber nicht mit Tinte und Feder schreiben. 14 Ich hoffe, dich bald zu sehen; dann werden wir persönlich miteinander sprechen. (3 Johannes 13-14)
Beide Briefe sind bewusst knapp gehalten und sollten ein baldiges persönliches Treffen vorbereiten. Dann gab es genügend Zeit, alles Wichtige ausführlich zu besprechen.
Der Wunsch nach der „vollkommenen Freude“ in 2 Johannes 12 stellt eine Gemeinsamkeit mit dem 1. Brief und dem Evangelium dar. Er entspricht 1 Johannes 1,4 und Johannes 15,11.
Der Älteste, der die beiden kurzen Briefe verfasst hat, war der Apostel Johannes.
- Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt am Main ²2015, S. 35. ↩
- Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 9. Auflage, Halle 2017, S. 523. ↩
- Dom John Chapman OSB, John the Presbyter and the Fourth Gospel, Oxford 1911. ↩
- Schnelle, S. 518-520. ↩
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