„Wahrlich, ich sage dir heute …“

42 Und er sagte weiter: „Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Königreich kommst.“ 43 Und er sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein.“
(Lukas 23,42-43 – Neue-Welt-Übersetzung 1986)

Unter den mir bekannten Bibelübersetzungen ist die von der Wachtturmgesellschaft herausgegebene „Neue-Welt-Übersetzung“ die einzige, die die Worte Jesu an den mit ihm gekreuzigten Verbrecher so wiedergibt. Nur hier wird das „Heute“ auf den Zeitpunkt bezogen, an dem Jesus die Worte gesagt hat und nicht auf das Sein im Paradies.

Die revidierte Neue-Welt-Übersetzung gibt den Text etwas freier wieder:

Er erwiderte: „Ich versichere dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein.“

Doch auch hier wird das „Heute“ auf den Zeitpunkt der Aussage Jesu bezogen.

Alle anderen mir bekannten Übersetzungen lauten sinngemäß ähnlich wie die Einheitsübersetzung 2016:

Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Die alten griechischen Handschriften kennen keine Satzzeichen. Grundsätzlich sind daher beide Übersetzungen möglich.

Die Neue-Welt-Übersetzung schreibt in einer Fußnote zum Wort „heute“:

„Heute“. Wenn auch WH, Nestle-Aland u. UBS im gr. Text ein Komma vor das Wort „heute“ setzen, wurden doch in gr. Unzialhss. keine Kommas verwendet. In Übereinstimmung mit dem Kontext lassen wir das Komma vor „heute“ aus. Sy(5. Jh. u. Z.) gibt den Text so wieder: „Amen, ich sage dir heute, daß mit mir du im Garten Eden sein wirst“ (F. C. Burkitt, The Curetonian Version of the Four Gospels, Bd. 1, Cambridge 1904).

(WH [Westcott-Hort], Nestle-Aland und UBS [Text der United Bible Societies] sind verschiedene Ausgaben des griechischen Textes. Unzialhss. meint die alten Handschriften, die nur in „Unzialen“ [Großbuchstaben] geschrieben wurden. Syc ist eine syrische Übersetzung, der sogenannte Syrus Curetonianus aus dem 5. Jahrhundert.)

Der Text der Ausgabe von Burkitt, die auch online verfügbar ist, wird korrekt zitiert. Da ich nicht Syrisch kann, kann ich die Übersetzung nicht nachprüfen. Doch trifft auch auf diese Ausgabe das Fehlen der Interpunktion zu. Ich bin mir daher keineswegs sicher, ob der Text „Ich sage dir heute“ die einzig mögliche Übersetzung dieses Textes ist.

Die lateinische Übersetzung der Vulgata ist für beide Möglichkeiten offen.

Athanasius hat die Stelle im 4. Jahrhundert so verstanden, dass der Verbrecher „wegen des Bekenntnisses die Verheissung erhielt, daß er alsobald im Paradiese seyn werde.“1 Das war immerhin deutlich vor der syrischen Handschrift aus dem 5. Jahrhundert.

Auch Gregor von Nyssa (335-394) hat in seiner „Rede auf das heilige Osterfest und die dreitägige Feier der Auferstehung Christi“, Abschnitt 4, das „Heute“ auf den Tag des Todes Jesu bezogen.2

Diese Beispiele zeigen, dass die griechisch sprechenden „Kirchenväter“ das „Heute“ in Lukas 23,43 im selben Sinn verstanden haben wie alle neueren Übersetzungen außer der der Zeugen Jehovas.

Die Formulierung „Amen, (amen,) ich sage dir / euch“ finden wir in allen Evangelien sehr häufig (außer Lukas 23,43 75-mal) im Munde Jesu. An keiner einzigen dieser Stellen gibt es eine Zeitangabe, wie sie von den Zeugen Jehovas für Lukas 23,43 angenommen wird.

Die Wachtturmgesellschaft beruft sich für ihre Übersetzung auch auf den Kontext. Vermutlich haben sie mit dem Kontext die Lehre ihrer Glaubensgemeinschaft gemeint, dass der Mensch mit dem Tod aufhört zu existieren und es den Verstorbenen zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung nicht gibt. Der Kontext im Evangelium verlangt die von den Zeugen Jehovas gewählte Übersetzung nicht.

25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, 26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? (Johannes 11,25-26)


  1. Athanasius von Alexandrien, Über die Beschlüsse der Synode von Nizäa 6
  2. Es geht hier nur um das Verständnis des „Heute“, nicht um die anderen in seinem Text geäußerten Gedanken. 

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