1 Elischa sagte zu der Frau, deren Sohn er zum Leben erweckt hatte: Mach dich auf, zieh mit deiner Familie fort und halte dich irgendwo in der Fremde auf; denn der HERR hat eine Hungersnot verhängt. Schon kommt sie über das Land und sie wird sieben Jahre dauern. 2 Da machte sich die Frau auf den Weg und tat, was ihr der Gottesmann geraten hatte. Sie zog mit ihren Angehörigen fort und hielt sich sieben Jahre im Land der Philister auf. 3 Nach Ablauf von sieben Jahren kehrte sie aus dem Land der Philister zurück und ging zum König, um wegen ihres Hauses und ihrer Felder seine Hilfe zu erbitten. 4 Der König war gerade im Gespräch mit Gehasi, dem Diener des Gottesmannes, und hatte ihn aufgefordert: Erzähl mir alles Große, das Elischa vollbracht hat! 5 Während dieser dem König erzählte, wie Elischa den Toten zum Leben erweckt hatte, kam die Frau, deren Sohn er zum Leben erweckt hatte, um wegen ihres Hauses und ihrer Felder die Hilfe des Königs zu erbitten. Da sagte Gehasi: Das, mein Herr und König, ist die Frau und das ist ihr Sohn, den Elischa zum Leben erweckt hat. 6 Nun fragte der König die Frau selbst und sie erzählte ihm alles. Darauf gab ihr der König einen Beamten mit und trug ihm auf: Verschaff ihr alles wieder, was ihr gehört, auch den ganzen Ertrag ihrer Felder von dem Tag an, da sie das Land verlassen hat, bis heute! (2 Könige 8,1-6)
Diese Geschichte ist gewissermaßen die Fortsetzung der Erzählung aus 2 Könige 4,8-37, in der diese Frau aus Schunem ein Obergemacht herrichtete, wo er sich bei seinen wiederholten Besuchen in der Stadt aufhielt. Durch Gottes Wirken wurde der kinderlosen Frau, deren Ehemann schon alt war (2 Könige 4,14), ein Kind geboren. Doch geraume Zeit später war das Kind gestorben. Aber Elischa weckte es von den Toten auf. Der Mann der Frau muss wohl vor der in 2 Könige 8,1 geschilderten Situation gestorben sein, da er nicht erwähnt wird.
Ab Vers 4 wird erzählt, dass Gehasi, der Diener Elischas am Hof des Königs war, der ihn bat, über die Großtaten Elischas zu erzählen. Doch wie ist das möglich? In 2 Könige 5, wo es um die Heilung des aramäischen Feldherrn Naaman vom Aussatz geht, lesen wir, dass Gehasi, der sich aus seiner Gier heraus von Naaman einen Teil der Geschenke, die Elischa zuvor abgelehnt hatte, geholt hatte, als Strafe vom Aussatz befallen wurde.
26 Da sagte Elischa zu ihm: War nicht mein Geist zugegen, als sich jemand von seinem Wagen aus dir zuwandte? Ist es denn Zeit, Geld anzunehmen und Kleider, Ölgärten, Weinberge, Schafe und Rinder, Knechte und Mägde zu erwerben? 27 Der Aussatz Naamans aber soll für immer an dir und deinen Nachkommen haften. Gehasi ging hinaus und war vom Aussatz weiß wie Schnee. (2 Könige 5,26-27)
Was machte der aussätzige Gehasi am Königshof? Oder wurde Gehasi gar nicht aussätzig? War die Geschichte am Ende von 2 Könige 5 nur eine Warnung vor Habsucht, die sich aber in der Realität nicht zugetragen hat? Oder war Gehasi gar nicht am Königshof?
Wir müssen davon ausgehen, dass die Erzählungen über Elischa stark legendär geformt wurden. Sie haben nicht die geschichtliche Qualität, die wir im Alten Testament etwa bei den Texten über die Schwierigkeiten in der Familie Davids nach dessen Sünde (2 Samuel 11-19) oder im Neuen Testament in den von Lukas verfassten Büchern vorfinden. Daher kann durchaus damit gerechnet werden, dass manche Züge der Erzählungen sich nicht oder anders zugetragen haben. Es darf aber auch die Möglichkeit, dass die biblischen Texte die Begebenheiten grundsätzlich korrekt wiedergeben, nicht von vornherein ausgeschlossen werden.
Die einfachste Lösung wäre, dass der Redaktor des Königsbuches die Texte nicht in ihrer historischen Reihenfolge angeordnet hat.
Es fällt auf, dass in den fraglichen Erzählungen immer nur allgemein von einem „König“ die Rede ist, dass aber der Name des Königs nicht genannt wird.
Elischa hat unter folgenden Königen Israels gewirkt1:
- Ahab 874-853
- Ahasja 853-852
- Joram 852-841
- Jehu 841-814
- Joahas 814-798
Jehu war durch eine Rebellion an die Macht gekommen und hatte die Dynastie Omris ausgerottet. Elischa stand diesen Königen wegen ihres Götzendienstes immer kritisch gegenüber, obwohl Joram immerhin nach 2 Könige 3,2 „das Steinmal des Baal“ entfernt hatte. Seine tyrische Mutter Isebel trieb jedoch nach wie vor ihr Unwesen. Diese Einstellung Elischas Joram gegenüber wird aus 2 Könige 3,13a sichtbar:
Doch Elischa sagte zum König von Israel: Was habe ich mit dir zu schaffen? Geh zu den Propheten deines Vaters und zu den Propheten deiner Mutter!
Daher ist anzunehmen, dass die Texte, in denen eine relativ gute Beziehung zwischen dem König und dem Propheten Elischa vorausgesetzt wird, eher in die Zeit Jehus, der den Baalsdienst ausgerottet hatte, oder seines Sohnes Joahas passen. Das betrifft 2 Könige 4,13, wo Elischa die Schunemiterin fragen lässt:
Du hast dir so viel Mühe um uns gemacht. Was können wir für dich tun? Sollen wir beim König oder beim Obersten des Heeres ein Wort für dich einlegen?
Es betrifft auch die eingangs zitierte Stelle aus 2 Könige 8, wo Gehasi am Hof des Königs weilte.
Schedl nimmt an, dass die Berichte über die Vorstöße der aramäischen Streifscharen erst in die Zeit von Jehus Sohn Joahas passen, da damals die Aramäer die Stärke dazu hatten.2 Den Hintergrund der Erzählung über die Heilung Naamans in 2 Könige 5 bilden diese Streifzüge der Aramäer nach Israel:
Nun hatten die Aramäer bei einem Streifzug ein junges Mädchen aus dem Land Israel verschleppt. Es war in den Dienst der Frau Naamans gekommen. (2 Könige 5,2)
Das würde dafür sprechen, dass 2 Könige 5, wo Gehasi mit Aussatz bestraft wird, zeitlich erst nach 2 Könige 8 einzuordnen wäre.
Es ist folgende Abfolge vorstellbar:
- Geburt des Kindes der Schunemiterin während der Regierung Jehus
- Auferweckung dieses Kindes einige Jahre später auch unter Jehu
- Tod des Mannes der Schunemiterin (unter Jehu)
- Die Frau geht sieben Jahre wegen einer Hungersnot ins Philisterland (unter Jehu)
- Bei der Rückkehr der Frau ist Gehasi am Hof des Königs (Jehu oder vielleicht schon Joahas, der etwas über Elischa erfahren wollte)
- Streifzüge der Aramäer unter Joahas
- Heilung des Naaman und Bestrafung von Gehasi unter Joahas
Als die mündlichen Erzählungen über Elischa in seinem Jüngerkreis gesammelt wurden, wurde auf die geschichtliche Abfolge nicht geachtet. Deshalb kamen diese Texte auch nicht zeitlich geordnet ins Königsbuch.
Mit einer Umstellung der Reihenfolge der Texte, die auch den historischen Hintergrund berücksichtigt, ist es möglich, zu erkennen, dass kein Widerspruch vorliegen muss und Gehasi nicht als Aussätziger, sondern als noch gesunder Mann am Hof des Königs war.
Die Warnung vor Habsucht gilt auch heute, auch wenn sie nicht mit Aussatz bestraft wird.
Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet. (1 Timotheus 6,10)
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